Der Herr der Bretter

Am Anfang stand ein Missverständnis. Als der junge Schauspieler Markus Hering ein Bewerbungsschreiben samt Foto an den Hessischen Rundfunk in Frankfurt schickte, hoffte er, einen Fuß ins Fernsehgeschäft zu kriegen.

Allerdings landete seine Bewerbung irrtümlich beim Radio. Und da die für Besetzungen zuständige Dame sich offenbar in das ein wenig spitzbübisch wirkende Konterfei des damals weitgehend unbekannten Jungmimen vernarrt hatte, engagierte sie ihn einfach. Für eine Rolle im Radio. Jahrzehnte später kann sich Markus Hering über einen Mangel an Film- und Fernsehauftritten freilich nicht beklagen. 52 Rollen weist seine Filmografie mittlerweile auf. Vom "Tatort" bis zum "Kommissar Rex", von Kinofilmen wie "Whisky mit Wodka" bis hin zum im Jänner 2014 in Österreich angelaufenen Streifen "Finsterworld" nach einem Buch von Christian Kracht. Wobei Film und Fernsehen nicht unbedingt im Zentrum des schauspielerischen Lebens von Markus Hering stehen. Fast 20 Jahre lang wirkte er als Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, seit 2011 gehört der heute 53-Jährige dem von Martin Kušej geführten Residenztheater in München an.

Zwei Männer umarmen einander

Markus Hering bedankt sich spontan bei seinem Laudator, Freund und Schauspielkollegen Roland Koch für dessen überaus launige Würdigung.

(c) Schimmer, ORF

Roland Koch

über Markus Hering, den Meister des Beiläufigen, der passend macht, was nicht passt. Seien es Eckbänke oder Sprechstücke.

Handwerk und Theater

Dabei war dem Sohn eines westfälischen Bauunternehmers die Schauspielerei keineswegs in die Wiege gelegt worden. Markus Hering wollte nach dem Abitur zunächst einmal eines: Nicht mehr weiter zur Schule gehen, nicht studieren. Er erlernte daher ein Handwerk, das, wie er sagt, mit dem Beruf des Vaters zu tun hatte. Markus Hering wurde Tischler. Da er nach einem Arbeitsunfall nicht mehr vermittelbar war, verdingte er sich als Waldarbeiter und lebte, ganze zwei Jahre lang, in einer Hütte ohne Wasser und ohne Strom. "Wunderschön war das", sagt er heute.

Bretter spielten aber schon davor eine gewisse Rolle in Markus Herings Leben. Nicht nur jene, die zugeschnitten, gehobelt, verleimt und verarbeitet werden müssen. Auch jene, die angeblich "die Welt bedeuten", lernte der junge Mann schon frühzeitig kennen. Bereits in der Schule hatte Markus Hering Theater gespielt. Das sei, sagt er, ein notwendiger "Überlebenskampf gegen die Lehrer" gewesen. Während seiner Tischlerlehre gehörte er einer Laiengruppe an, später hatte er für ein Amateurtheater Bühnenbilder gebaut und auch gespielt. Aber erst nach seiner Zeit als Tischler und als Waldarbeiter entschloss sich Markus Hering, eine Schauspielschule zu besuchen. Nach "ein paar Anläufen" studierte er an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, nach ersten Engagements in Frankfurt und in Kassel holte ihn Hans Gratzer 1991 ans Schauspielhaus nach Wien. "Wien war was, damals", sagt Markus Hering. Er spielte alle vier Wochen ein neues Stück, innerhalb eines Jahres habe er alles gespielt, was das Schauspielhaus an Hauptrollen zu bieten hatte.

Neigung zu Widersprüchen und Abgründen

Es sollte nicht lange dauern, bis der junge Schauspieler dort landete, wo er hinwollte. Im Burgtheater gaben damals, in den 1990er Jahren, Claus Peymann und Hermann Beil den Ton an. Und das, so Hering, "war schon toll". In seinen knapp zwei Jahrzehnten an der Burg war Markus Hering in fast 40 Rollen zu sehen. Darunter in einer Reihe von Uraufführungen von Gert Jonke bis Elfriede Jelinek. Zum "jugendlichen Liebhaber" oder zum glanzvollen "Helden" habe er sich nie geeignet, sagt Markus Hering. Vielmehr haben ihn "gebrochene Charaktere" interessiert, "Unglücksraben", Figuren, die "verkehrt in der Welt" stehen.

Gleich zweimal wurde Markus Hering für seine Schauspielkunst mit dem angesehensten österreichischen Theaterpreis ausgezeichnet. 2003 erhielt er einen Nestroy für seine Rolle als Dirigent in Gert Jonkes "Chorphantasie", 2008 wurde er abermals - diesmal für verschiedene Rollen - zum besten Schauspieler des Jahres gewählt. Zum 50. Geburtstag hat sich der stets sehr körperbetonte Schauspieler ein "freies Jahr" geschenkt. Ein wenig Pause musste sein. Und nachdem aus der Burg - in der Zwischenzeit hatte der Intendant gewechselt - kein neues Angebot mehr kam, ist er ans Münchner Residenztheater übersiedelt. Dort, so Hering, seien die Prüfungen härter, vonseiten des Publikums wehe einem ein "schärferer Wind entgegen", Schauspieler/innen würden nicht "per se akklamiert", man müsse sich jeden Abend "aufs Neue stellen".

Circa zur selben Zeit, 2009, hat sich Markus Hering nach Jahrzehnten wieder seiner Ursprünge besonnen und sich in Wien in einer Tischlerei eingemietet. Dort baut er Möbel für sich und seine Freunde. Betten und Esstische, Hocker und Flötenständer. Meist Einzelstücke, die persönlichen Wünschen entsprechen müssen und so im Handel nicht erhältlich seien. Markus Hering, der Vater dreier Töchter, eignet sich nur in Maßen zum Star. Er zieht die Notbremse, wenn die Routine das Interesse zu ersticken droht, er will sich nicht endlos wiederholen. Neues zieht er Altbekanntem vor. Wenn es stimmt, dass die Stimme der "Muskel der Seele" ist, dann transportiert allein Markus Herings Stimme, eine eigenwillige, keineswegs auf Hochglanz polierte Stimme, eine potenzielle Zerrissenheit, lässt die Neigung zu Widersprüchen und Abgründen erahnen, ist für glatte Oberflächlichkeiten ungeeignet.

Figuren, die "verkehrt in der Welt stehen"

Kein Wunder also, das Markus Hering nicht nur auf der Bühne und am Filmset, sondern auch im Rundfunkstudio zu Hause ist. Weit mehr als 80 Rollen und Auftritte vermeldet das ORF-Archiv. Er las Radiogeschichten, Texte und Gedichte, wurde für Features und Dokumentationen engagiert und ist, kontinuierlich und ohne nennenswerte Unterbrechung, seit mehr als 15 Jahren ständiger Gast im Hörspielstudio. Er spielte zuletzt in Thomas Arzts Hörspieldebut "Käfergräber" ein verkrüppeltes Wesen, das sich nach und nach mit der Natur vereint, er sprach und spielte in Stücken von Peter Rosei und Lida Winiewicz, von Ernst Molden und Johanna Tschautscher, und er verkörperte mit atemberaubendem Einsatz das paranoide und sich gegen die Außenwelt verbarrikadierende Tier in Franz Kafkas Erzählung "Der Bau". Markus Hering, der gelernte Tischler und ehemalige Waldarbeiter, ist auch im Hörspielstudio der Mann für besondere Aufgaben. Ein Schauspieler, der nicht für jede Rolle infrage kommt. Dazu ist er einfach nicht durchschnittlich genug.

Das Hörspiel-Regieteam hat, gemeinsam mit der Redaktion, Markus Hering mit überwältigender Mehrheit zum "Schauspieler des Jahres 2013" gewählt. Die Ehrung findet im Rahmen der Ö1 Hörspiel-Gala am 28. Februar 2014 im Wiener Funkhaus statt. Wir freuen uns - und gratulieren herzlich.