Mehr französische Werte in Vororte-Schulen

Seit den Anschlägen in Paris vor drei Monaten auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt, stellt sich in Frankreich eine Frage: Wie konnten die Attentäter sich dermaßen radikalisieren, dass sie zu diesen Terror-Akten fähig waren? Im Blickpunkt stehen seitdem nicht nur einmal mehr die französischen Vorstädte, sondern auch die Schulen dort.

Mittagsjournal, 22.4.2015

Aus der Pariser Banlieue,

Um Punkt 8 Uhr in der Früh läutet im Lycée in der Pariser Vorstadt Aubervilliers die Schulglocke. 1.200 Schüler laufen in ihre Klassen. Nach den Attentaten im Jänner stehen Schulen wie sie im Scheinwerferlicht, beklagt Isabelle Richier, die seit 15 Jahren hier Englisch unterrichtet: Sie zeigen mit dem Finger auf uns und reden über diese Schüler, die die Schweigeminute verweigert haben.. worüber reden wir hier denn? Das sind 16 Jährige, die über diese Vorfälle nicht ausreichend nachgedacht haben. Mich macht das wütend, diese Jugendlichen zu stigmatisieren, die einfach nur als ganz normale Franzosen behandelt werden wollen.

Das Lycée Le Corbusier kämpft seit Jahren gegen die Stigmatisierung der Vorstadtjugend und gilt als Vorzeigeschule in der Pariser Banlieue, trotz der oft schwierigen Verhältnisse in denen die Schüler leben, sagt der Schuldirektor Didier Gorges: In unserer Schule gibt es so etwas wie soziale Durchmischung nicht, unsere Schüler haben fast alle Migrationshintergrund. Und sie leben unter verschiedenen Umständen: manche in Einfamilienhäusern, andere mit ihrer 6-köpfigen Familie in einer Einzimmerwohnung. Der einzige Ort, an dem sie dort ihre Hausaufgaben machen können ist das Badezimmer.

Vor fünf Jahren haben hier nur 66% der Schüler die Matura geschafft, heute sind es 90%. Denn die Klassen sind mit 19-25 Schülern klein und das Engagement der Lehrer für außerschulische kulturelle Projekte und Nachhilfekurse groß. Ihre Finanzierung müsse gefördert werden um Chancengleichheit zu stärken.

Den Plan der Regierung in den kommenden drei Jahren 250 Millionen Euro zu investieren um über Freiheit, Toleranz und vor allem Laizität – die Trennung von Staat und Religion – zu sprechen sehen viele hier kritisch, so wie der Philosophielehrer Maxime Sassier: Wir sind schockiert zu sehen, dass die Stunden für Unterrichtsfächer wie Mathematik, Deutsch, und Englisch dahinschmelzen- alle Welt beschwert sich, dass die französischen Schüler so schlecht englisch sprechen. Kurzum: wir hätten diese 250 Millionen Euro lieber dafür und nicht für Laizitätsunterricht.

Dennoch wird es wohl die Schule sein, die am religiösen Miteinander mitarbeiten muss, der Direktor Didier Sassier: Frankreich geht verkrampft mit der Religionsfrage um, die Gesellschaft hat etwas verpasst. Wir haben hier über 40 verschiedene Religionen und es ist deswegen noch nie zu Vorfällen gekommen. Bevor man über Religion spricht, sollte man die anderen Kulturen kennenlernen, über Traditionen, Mythen und Riten reden. Das ist eine große Aufgabe, aber wer soll es denn tun, wenn nicht die Schule?

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Immerhin stehen diese drei Worte ja über jedem französischen Schuleingang.