Karl-Marx-Monument

AP/KLAUS JEDLICKA

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx

Karl Marx ist nicht totzukriegen, so sehr sich seine Verächter auch bemühen. "Der Kerl stirbt ununterbrochen", unkte der selbsternannte Marxianer Günther Nenning Anfang der 1990er Jahre, "und jedes Mal, wenn er totgeschlagen wurde, ist er wieder da." Das gilt auch heute, da im Marx-Jahr 2018 in aller Welt des 200. Geburtstags des Philosophen gedacht wird.

Ein Vierteljahrhundert nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Karl Marx, der rote Revenant, wieder quietschlebendig. Die Spekulations-Exzesse des modernen Finanzkapitalismus und der Crash von 2007/08 haben die Lehren des Advokatensohns aus Trier für tausende und abertausende junger Menschen wieder attraktiv gemacht.

Sogar der Münchner Kardinal Reinhard Marx sagt in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt": "Ich bin sicher, dass wir eine Renaissance des Marxismus erleben werden. Karl Marx hatte in einigen Bereichen in der Analyse durchaus recht, etwa, was er über die Akkumulation des Kapitals und den Warencharakter der Arbeit gesagt hat."

"Karl Marx hat als Erster die ungeheure Bedeutung der Technik im Kapitalismus erkannt. Technik ist ein zentraler Treiber und das, was den Kapitalismus die ganze Zeit umwälzt.“ Ulrike Herrmann, Wirtschaftspublizistin.

Karl Marx war, wie alle großen Philosophen, ein Pionier: Aufbauend auf den Schriften von Adam Smith und David Ricardo beschrieb er ein Wirtschaftssystem, das zu seinen Lebzeiten gerade erst einmal begonnen hatte, die Welt zu erobern: den Kapitalismus. Im Gegensatz zu utopischen Sozialisten wie Henri de Saint-Simon oder Charles Fourier, die er für Träumer hielt. ging es Karl Marx um eine wissenschaftlich fundierte Kapitalismuskritik.

Er und Friedrich Engels haben vieles von dem, was wir heute erleben, schon vor eineinhalb Jahrhunderten prognostiziert. Und das sind - zusammengefasst - die wichtigsten Vorhersagen:

  • Erstens: Der Kapitalismus entwickelt sich zwangsweise in krisenhaften Prozessen von ständigen Auf- und Abschwüngen; dabei wird ununterbrochen Kapital gebildet und wieder vernichtet.
  • Zweitens: Der Kapitalismus muss kraft seiner unwiderstehlichen Dynamik alle Grenzen niederreißen, bis so etwas wie eine vollständige Globalisierung erreicht ist.
  • Drittens: Marx hat die totale Kommerzialisierung aller Lebensbereiche vorhergesehen, bis in die intimsten menschlichen Beziehungen hinein.
  • Viertens: Er hat als einer der Ersten die ökologische Frage gestellt, den "Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur" kritisch untersucht und die Ausbeutung des Planeten thematisiert.
  • Fünftens: Er hat mit der zunehmenden Entfremdung und Verdinglichung des Einzelnen ein Lebensgefühl benannt, in dem sich heute viele Menschen wiederfinden.

Entstanden ist der Kapitalismus 1760 in England als die Textilhersteller begannen zu mechanisieren. Das systematische Investieren in Maschinen, um danach effektiver waren herzustellen, hatte es davor noch nie gegeben. Die "Industrielle Revolution" und der Kapitalismus sind untrennbar miteinander verbunden. Sie haben den entwickelten Regionen der Erde einen Produktivitätsfortschritt gebracht, den man sich in früheren Zeitaltern nicht einmal im Traum hätte vorstellen können.

Aber: In der Marxschen Sicht der Dinge ermöglicht der Kapitalismus nicht nur einen Wohlstandszuwachs gewaltigen Ausmaßes, er birgt, untrennbar damit verbunden, auch ein unerhörtes Zerstörungs- und Selbstzerstörungspotenzial. Das hängt mit seiner Expansivität zusammen. Die Devise des Kapitalisten heißt: Wachsen, Wachsen, Wachsen - bei Strafe des Untergangs. Die kapitalistische Wirtschaftsform ist ein von den Menschen gemachter, aber von ihnen nicht mehr kontrollierbarer Moloch - der Moloch der Moderne.

"Das Kapital ist ein Fetisch, dem Leben innezuwohnen scheint wie einem Wesen. Ein beseeltes Ungeheuer ist es’, das zu 'arbeiten' beginnt, als hätt’ es Lieb’ im Leibe’."

Kapitalismus und Marktwirtschaft sind nicht ein- und dasselbe, darauf hat der französische Sozialhistoriker Fernand Braudel immer wieder hingewiesen. Märkte hat es auch im Feudalismus und in den Sklavenhaltergesellschaften der Antike gegeben, Märkte wird es wohl auch in gemeinwirtschaftlich organisierten Gesellschaften der Zukunft geben. "Kapitalismus" ist etwas anderes, nämlich ein System entfesselter, alles entgrenzender Verwertungslogik, das sich Marx zufolge in letzter Instanz selbst zerstören muss.

Der sozialstaatlich abgefederte Kapitalismus, den wir kennen, war nicht der Kapitalismus, den Marx kannte. Insofern hätte er das gemischtwirtschaftliche System, das wir in weiten Teilen EU-Europas heute haben, auch dank der reformistischen Arbeiterbewegung des Zwanzigsten Jahrhunderts, vielleicht bis zu einem gewissen Grad verteidigt. Langfristig allerdings hätte Marx darauf bestanden: Die kapitalistische Wirtschaftsweise wird an ihren eigenen Widersprüchen zu Grunde gehen. Und dann? Was kommt dann?

Karl Marx war Geschichtsoptimist. Die Menschen werden, wenn es so weit ist, schon wissen, wie sie eine nach-kapitalistische Wirtschaft organisieren werden, das war seine feste Überzeugung.