Deutsche Soldaten am Wiener Flughafen

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Die Machtübernahme in der Beamtenschaft

Als die deutsche Wehrmacht am 12. März 1938 einmarschierte, war Österreich keine wehrhafte Demokratie. Das austrofaschistische Ständestaatsregime, das seit 1933 an der Macht war, hatte die Institutionen der noch jungen Ersten Republik bereits drastisch umgebaut und politische Gegner inhaftiert.

Die Institutionen waren geschwächt, Parlament und Verfassungsgerichtshof ausgeschaltet. Die Nationalsozialisten machten sich diesen Umstand zu Nutze. Aufbauend auf ein Netzwerk illegaler Nazis konnten sie unmittelbar nach dem "Anschluss" damit beginnen, Vereine, Verbände und staatliche Institutionen mit jenen des Deutschen Reiches gleichzuschalten.

Auch in der Wiener Stadtverwaltung gab es illegale Nazi-Netzwerke in den verschiedensten Bereichen, von den Straßenbahnern bis zur Magistratsverwaltung. Alle Führungspositionen wurden sofort mit NS-Treuen besetzt, so auch jene des Bürgermeisters. Der von der Vaterländischen Front eingesetzte Richard Schmitz musste gehen.

Im folgte Hermann Neubacher, der die Beamten umgehend auf das neue Regime einschwor. Am 16. Und 17. März mussten alle Bediensteten den Eid auf den Führer schwören. Juden und Jüdinnen waren davon ausgeschlossen, sie hatten ihren Arbeitsplatz mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten bereits verloren. Wer sich weigerte den Eid abzulegen, wurde sofort vom Dienst suspendiert - doch das war die Ausnahme.

"Alte Kämpfer der Ostmark"

Treue Parteigänger kamen in den Genuss von Vergünstigungen und Bevorzugung. Eine Art "Wiedergutmachung" für jene illegalen Nationalsozialisten, die während des Ständestaates Dienststrafen oder Zwangsversetzungen erfahren hatten. Sogenannte "Alte Kämpfer der Ostmark", die sich schon vor dem Verbot der Partei im Juni 1933 für die NSDAP engagiert hatten, wurden in besonderer Weise bevorzugt. Die Stadtverwaltung degradierte andere Beamte, um Stellen für sie frei zu machen. Eine Strategie, die man auch beim Beschaffungswesen einsetzte. Es gab sogenannte Dienstbehelfe für die Beamten, in denen die Betriebe von Parteigenossen aufgelistet waren. Die galt es bevorzugt zu beschäftigen.

Übernahme der Exekutive minutiös vorbereitet

Auch die Polizei und Gendarmerie gehört zu den Institutionen, in denen die NS-Machtübernahme schnell vollzogen werden konnte. Die Polizei war gerade in Wien bereits vor 1938 mit nationalsozialistischen Parteigängern durchsetzt. Die zugehörige Gruppe hatte die Tarnbezeichnung "Ortsgruppe Gersthof".

Der Historiker Wolfgang Neugebauer, der mehr als 20 Jahre lang wissenschaftlicher Leiter des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes war, hat die Vorgänge bei der österreichischen Polizei rund um die Machtübernahme im März 38 aufgearbeitet. Der Reichsführer SS Heinrich Himmler und der Chef des SS-Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich hatten die Übernahme der Exekutive minutiös vorbereitet und zwar mit Hilfe ehemaliger Polizeibeamter, die als illegale Nazis nach Deutschland geflohen waren.

Gestapo startet Verhaftungswelle

Heinrich Himmler landete am 12. März bereits in den frühen Morgenstunden in Wien. Ihn begleiteten 20.000 SS- und Gestapomitarbeiter, die sofort alle Gestapo-Leitstellen in Österreich besetzten. In der Nacht kommt es dann in ganz Österreich zu ersten Festnahmen von Juden und Jüdinnen sowie politischer Gegner. In den folgenden Tagen startete die Gestapo eine große Verhaftungswelle. Wolfgang Neugebauers Recherchen zeigen, dass illegale Nationalsozialisten die Namenslisten der zu Verhaftenden bereits im Vorfeld angelegt hatten. 76.000 Menschen wurden verhaftet. "Die Gefängnisse sind übergangen", so Neugebauer.

Die neuen Organisationsstrukturen der Ordnungs- und Sicherheitspolizei entsprachen exakt jenen des Deutschen Reichs. Die Gestapo-Leitstelle Wien war genauso aufgebaut wie jene in Berlin, bis hin zu den Referaten. Doch sie war mit 900 Mitarbeitern die größte des NS-Reichs. Als die deutschen Beamten den Umbau der Strukturen abgeschlossen hatten, rückten österreichische Nationalsozialisten in wichtige Polizeifunktionen vor. Nur wer NSDAP-Mitglied war, konnte bei der Polizei Karriere machen.

Nazis hatten österreichisches Militär unterwandert

Ähnlich wie bei der Polizei gab es auch im österreichischen Militär schon vor dem März 1938 etliche illegale Nationalsozialisten. Als die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschierte, hielt sich das Bundesheer befehlsgemäß zurück. Dass es zu keinerlei Widerstand kam, liegt nach Ansicht des Historikers Florian Wenninger vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien auch am starken Netzwerk illegaler Nazis im Heer. Die gründeten vor dem Parteiverbot 1936 den NS-Soldatenring, über den viele Nazis ins Heer eingeschleust wurden.

1936 wurden die Wehrverbände aufgelöst. Die Heimwehr, der paramilitärische Wehrverband des christlich-sozialen und deutschnationalen Lagers, ging in der Reserve des Bundesheers, der Frontmiliz auf. Florian Wenningers Forschung zeigt, dass es hier zu kollektiven Eintritten ganzer SA-Kompanien gekommen ist.

Die Sturmabteilung war die paramilitärische Kampforganisation der NSDAP. Als der Einmarsch deutscher Truppen am 11. März kurz bevorstand, befahl Bundeskanzler Schuschnigg eine Teilmobilmachung, zu der nur die Hälfte der Einberufenen erschienen ist. Die Nationalsozialisten sorgen schon in den Tagen vor der Machtergreifung dafür, dass die führenden Offiziere durch regimetreue Militärs ersetzt werden. In der Folge wurden mehr als 130 Generäle und Stabsoffiziere entlassen.

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