RSO Wien

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Das RSO Wien im Festspielsommer

Wenn sich das Konzert nicht an den Rand eines turbulenten Arbeitstages zwängt, wenn das Publikum nicht abgekämpft seinen Sitzplätzen zueilt, wenn rote Gesichter nicht vom Kampf um einen Parkplatz künden, sondern von zu langem Sonnenbaden - dann verbindet sich der Konzertbesuch mit Urlaub. Sommerzeit ist Festivalzeit. Auch für das RSO Wien.

Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien reist im Sommer und Frühherbst 2018 zum ältesten und zum jüngsten Festival Österreichs: zu den 1920 gegründeten Salzburger Festspielen und zur zweiten Ausgabe des Festivals Herbstgold in Eisenstadt. Aber auch beim Carinthischen Sommer in Villach gastiert das RSO Wien sowie mit zwei Uraufführungen beim musikprotokoll im Rahmen des steirischen herbstes. Und es folgt die ehrenvolle Einladung, das Abschlusskonzert beim Beethovenfest Bonn zu spielen.

YCA-Gewinner Kerem Hasan (Ö1, 5.8. live)

Aber der Reihe nach. Wie in den Jahren zuvor präsentieren die Salzburger Festspiele auch heuer denjenigen Dirigenten, der im Vorjahr den Nestlé Young Conductors Award, kurz YCA, gewonnen hat. Die Riege der Preisträger/innen - von Mirga Grazinyte-Tyla über Duncan Ward bis zu Lorenzo Viotti - kann sich sehen lassen. Der YCA in Salzburg ist ein Empfehlungsschreiben erster Güte, und wer ihn gewinnt, darf im Folgejahr ein Konzert mit dem RSO Wien bestreiten.

2018 freut sich das Orchester auf Kerem Hasan, einen jungen britischen Dirigenten, der heute bereits mit den großen englischen Orchestern arbeitet, aber auch mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und den Festival Strings Lucerne. Kerem Hasan dirigiert das Violinkonzert von Jean Sibelius (Solist ist Augustin Hadelich) sowie die zehnte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, ein Werk, in dem der Komponist noch im Todesjahr Stalins 1953 ein sarkastisches Porträt des Diktators gezeichnet hat.

Von Einems Oper "Der Prozess" in Salzburg (Ö1, 14.8. live)

Keine zwei Wochen später erreicht das Gottfried-von-Einem-Jahr bei den Salzburger Festspielen einen weiteren Höhepunkt: HK Gruber, als Komponist der bedeutendste Schüler von Einems, hat sich immer wieder für die Musik seines Lehrers ins Zeug gelegt, insbesondere für von Einems Kafka-Oper "Der Prozess", da gerade dieses Werk nie zuvor mit jener Schärfe realisiert worden ist, die von Einem sich gewünscht hatte.

Mittagsjournal | 14 08 2018 | Vorbericht

Sebastian Fleischer

Bei seiner zweiten, 1949 geschriebenen (und bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten) Oper versteckt von Einem die Doppelbödigkeit der Erzählung hinter einer vermeintlich einfachen Tonsprache, die das Unheimliche der nicht fassbaren Anklage an Josef K. umso greller beleuchtet. Dass Gottfried von Einem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und mitten in der McCarthy-Ära Kafkas "Der Prozess" auch als Warnung vor staatlicher Willkür las, darf als ausgemacht gelten. Die konzertante Aufführung bei den Salzburger Festspielen wird im November 2018 beim Festival Wien Modern wiederholt.

Bernstein und von Einem in Kärnten (Ö1, 30.8.)

Auch der Carinthische Sommer verneigt sich heuer vor Gottfried von Einem, wenngleich das traditionsreiche Festival - gegründet 1969, im gleichen Jahr wie das RSO Wien - dem österreichischen Komponisten einen zweiten Jubilar gegenüberstellt: Leonard Bernstein, der ebenfalls 1918, also vor 100 Jahren, geboren wurde.

Der Chef des Brucknerorchesters Linz, Markus Poschner, dirigierte das RSO Wien erstmals im Februar 2018 bei einem umjubelten Konzert im Musikverein, in Villach kombiniert er von Einems Suite aus "Dantons Tod" und das mitreißende "Concerto for Orchestra" mit zwei Schlüsselwerken Bernsteins: die populäre "Candide-Ouvertüre" und seine ausdrucksstarke zweite Symphonie - eigentlich ein Klavierkonzert, das die serbisch-österreichische Pianistin Anika Vavic spielt.

"The Age of Anxiety" - so heißt sowohl Bernsteins 1949 komponiertes Werk als auch der zugrunde liegende Text von Wystan Hugh Auden, über den Gottfried Benn sagte, aus ihm spreche "eine fundamentale Melancholie vor der panischen Leere und Zerrissenheit des inneren Menschen von heute".

"Krieg und Frieden" in Eisenstadt (Ö1, 14.9.)

Das Festival Herbstgold steht 2018 unter dem Motto "Krieg und Frieden". Unter der Leitung des jungen russischen Dirigenten Valentin Uryupin fährt das RSO Wien mit einem passgenauen Thema nach Eisenstadt.

Die beiden Schlachtengemälde "1812" von Tschaikowsky und "Wellingtons Sieg" von Beethoven schildern das Scheitern der verheerenden Feldzüge Napoleons, auch Sergej Prokofjews Oper "Krieg und Frieden" nach dem Roman von Tolstoi thematisiert den Krieg Russlands gegen die napoleonischen Truppen. Korngolds Violinkonzert, gespielt von Arabella Steinbacher, erzählt zwar nicht vom Schlachten, ist aber vom Krieg gezeichnet, entstand es doch nach Korngolds Flucht vor den Nationalsozialist/innen im amerikanischen Exil.

Abschlusskonzert beim Beethovenfest Bonn

Höhepunkt des RSO-Festivalsommers ist die Einladung durch das international renommierte Beethovenfest Bonn, seit 2014 geleitet von Wagners Urenkelin Nike Wagner. Auf Wunsch des Dirigenten Michael Boder, der mit dem RSO Wien zuletzt im Theater an der Wien "Der Besuch der alten Dame" aufführte und dafür in der in- und ausländischen Presse Begeisterung hervorrief, tritt das RSO Wien beim Bonner Abschlusskonzert auf: nicht mit Beethoven, sondern mit der neunten Symphonie von Anton Bruckner, dem dreisätzigen Torso, den der Komponist "dem lieben Gott" zueignete und der die Nachwelt bis heute inspiriert.

Zur skulpturalen Klangwelt des oberösterreichischen Komponisten passt ein US-Amerikaner, der mit Bruckner eine Gemeinsamkeit aufweist: die Fähigkeit, Bewegungsenergie nicht nach vorn, sondern nach innen zu richten. Die Rede ist von Morton Feldman, der Stockhausen einst zurief: "Don’t push the sounds!" Ein wunderbares Motto für einen Festspielsommer mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien.

Text: Christoph Becher, Intendant des RSO Wien

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