Jugendliche mit In-Ear-Hörer

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Scheitern am "Bullshit-Detektor"

Die "Digitale Grundbildung" wird ab Herbst für 10 bis 14-Jährige Pflicht. Aber viele Lehrerinnen und Lehrer, die digitale Grundkenntnisse vermitteln sollen, sind auf die Herausforderungen schlecht vorbereitet. Nicht zuletzt, weil sie in ihrer Ausbildung darüber nichts oder wenig gelernt haben.

Medienbildung hat in der Lehrerausbildung schlicht keinen Platz. Ein bitteres Fazit von Klaus Himpsl-Gutermann von der Pädagogischen Hochschule Wien. "Es ist eindeutig ein Manko. Es ist in den Verhandlungen um die Anteile in den Curricula einfach nicht gelungen." Auch Julia Wippersberg vom Institut für Publizistik der Universität Wien sieht einen großen Nachholbedarf in dem Bereich. Beim Verhandeln der Lehrpläne sei es um andere Aspekte gegangen – um pädagogische, didaktische und fachliche Schwerpunkte, erzählt Wippersberg. Für Medienkompetenz sei da kein Platz gewesen.

Schulbücher

APA/HARALD SCHNEIDER

Das Internet als Lehrer-Neuland

Die Folgen davon erlebt Trainer Jürgen Schacherl, wenn er Fortbildungsseminare für Lehrer hält. "Die sitzen da in diesen Kursen und sind völlig baff, was es alles gibt. Wie die Verrohung der Sprache überhand nimmt, dass man solche Dinge überhaupt glauben und dann auch noch teilen kann." Die Schüler sind Digital Natives, mit dem Netz und dem Smartphone aufgewachsen. Die Lehrer nicht. Oft fehlt dann der Draht in die Welt der Jungen.

Medienbeauftragte an den Schulen?

Die Hoffnung liegt daher auf den nachrückenden Junglehrern, das Interesse an der Weiterbildung gerade in Mediendingen ist groß. Himpsl-Gutermann von der Pädagogischen Hochschule berichtet von ausgebuchten Kursen, obwohl das Angebot an der PH gerade erst verdreifacht worden sei. Fortbildung ist für Lehrer an Höheren Schulen freiwillig. Zwang wäre auch keine Lösung, sagt Schacherl. Er würde Medienbeauftragte an den Schulen gut finden, die für die vorhandenen Kursangebote werben.

Mit Medienschwerpunkt zum Bachelor

Für Pflichtschullehrer gibt es hingegen Vorgaben, aber nur was den Umfang der Weiterbildung betrifft. Und es gibt für Volksschullehrer auch eine Neuerung im Bachelor-Studium: Ein Drittel der Studienzeit kann in einigen Bundesländern jetzt für eine Schwerpunktsetzung verwendet werden, erklärt Klaus Himpsl-Gutermann. "Dort bieten wir einen Schwerpunkt Medien und digitale Bildung an." Auch an der Universität Wien wird derzeit eine zweijährige Professur für "Digitalisierung um Bildungsbereich" angestrebt. Ein bisschen was tut sich also in der Ausbildung.

Verständnis für Journalismus fehlt

Der Lehrplan für die "Digitale Grundbildung" sei gut, sagen die Hochschul-Experten. Julia Wippersberg von der Uni Wien vermisst nur zwei Punkte: einerseits Datenkompetenz und andererseits das Thema Journalismus. Recherchieren lernen und Informationen bewerten, das sei noch nicht genug, auch "die Funktionsweisen von Journalismus sollten thematisiert werden".

Schüler mit Handy in der Hand

AP/WANG

Tablet-Klassen sind im Vorteil

Für die Umsetzung des Lehrplans gibt es keine zusätzlichen Stunden oder zusätzliche Werteinheiten für Lehrer. Ein eigenes Fach einzurichten, was vom Gesetz her möglich wäre, wird es in der Praxis selten spielen. Schulen, die bisher schon verstärkt auf e-Learning und Tablet-Klassen gesetzt oder einen Informatik-Schwerpunkt haben, werden sich da leichter tun. In den meisten Fällen wird die "Digitale Grundbildung" aber in die bestehenden Fächer integriert werden. Das nennt sich Unterrichtsprinzip. Ob und wie das gelebt wird, hängt von den Lehrern ab.

"Schüler durchschauen das sofort"

Ganz entscheidend für den Erfolg digitaler Bildung an den Schulen ist die Glaubwürdigkeit der Lehrer. Stefan Häckel, Chef der Plattform VICE Österreich, das sich selbst als Jugendmedienmarke versteht, weist im Gespräch mit #doublecheck auf ein Dilemma hin: "Die jungen Menschen haben diesen Bullshit-Detektor. Die merken das sofort, wenn die vortragende Person keine Ahnung hat." Einen ernsthaften Versuch ist es trotzdem wert, und im Bildungsbereich arbeiten auch viele Menschen engagiert daran.

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