Gratiszeitungsständer

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

"Politik ist in Geiselhaft des Boulevards"

Dichand gegen Fellner. Das ist ein fast schon historisches Match um Geld, erklärt Josef Trappel, Medienökonom an der Universität Salzburg. Mit dem Streit um die Entnahmeboxen für die Gratiszeitungen "Heute" und "oe24" in der Wiener U-Bahn eskaliert eine alte Auseinandersetzung. Stefan Kappacher hat für #doublecheck mit Josef Trappel gesprochen.

Werbung 1959

ÖNB

Werbung 1959

Im Jahr 1958 hat Hans Dichand beschlossen, die "Kronen Zeitung" wieder herauszubringen. Jahrelang beherrschte sie den Boulevard. Der erste Herausforderer, Kurt Falk, scheiterte in den 1990er Jahren mit "Täglich Alles". Der zweite Herausforderer, Wolfgang Fellner, buhlt seit 2006 mit der Gratiszeitung "Österreich", die jetzt "oe24" heißt, mit der "Krone" und dem zweiten Dichand-Blatt "Heute" um öffentliches Geld, sagt Josef Trappel. Mehr denn je liegen die Nerven gerade blank.

Ein alter Konflikt ist eskaliert

Zehn Jahre haben sie gestritten, weil "Heute" einen Deal mit den Wiener Linien hat und die Gratiszeitung direkt auf den U-Bahnsteigen aus den Boxen genommen werden kann. Fellners Gratiszeitung "Oe24" hatte das Nachsehen, Fellner durfte seine Boxen nur vor die U-Bahn-Eingänge stellen und das auch nicht überall. Für den nunmehr erkämpften Vergleich sollen Millionen geflossen sein, dahinter wird Wiens Bürgermeister Michael Ludwig vermutet, die "Krone" ist nun mit Ludwig über Kreuz.

Medienwissenschafter Josef Trappel im Interview mit Stefan Kappacher

Familienfehde, aber ökonomisch

Das sei aber nur vordergründig eine Fehde der Familien Dichand und Fellner, es gehe um eine ökonomische Auseinandersetzung, sagt Trappel: "Die Kronenzeitung hat in den letzten Jahren an Auflage verloren, und damit an Ertragskraft. Noch kritischer ist die Situation im Haus Fellner." Ohne Regierungsinserate könne der Boulevard nicht überleben, auch "Heute" würde sich viel schwerer tun, sagt Trappel. Denn bei Durchsicht des Blattes sei schnell klar, dass die Summe der öffentlichen Inserate beträchtlich sei.

"Bezahlte Berichterstattung schadet der Politik"

Die Politik habe sich "in die Geiselhaft der Boulevardmedien begeben", sagt Trappel. "Die Berichterstattung, die unmittelbar bezahlt wird durch Inserate, hat der Politik nicht gutgetan" - weder Ex-Kanzler Werner Faymann (SPÖ), noch der Wiener Stadtregierung. Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) überlegt nun, die Inserate – die in Wien als eine Art Medienförderung gesehen werden – nach Kriterien zu vergeben. Wie die aussehen könnten, ist noch nicht klar.

Kriterien für Inseratenvergabe überfällig

Höchste Zeit, das zu definieren, findet Trappel und betont: Grundsätzlich sei an Medienförderung nichts auszusetzen. Da Österreich ein kleines Land ist, seien Medien ohne öffentliche Gelder nicht überlebensfähig. Ob das Geld in Form von Inseraten fließe oder als Presseförderung, ist für Trappel nicht maßgeblich. Entscheidend seien Kriterien für mehr Transparenz.

Übersicht