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Leipziger Buchmesse

Literarisches Tschechien

Eine Reise durch das Gastland der Leipziger Buchmesse.

Tschechien hat sich viel vorgenommen. Werden sonst fünf bis sechs Titel pro Jahr ins Deutsche übersetzt, so sind es heuer rund 70 Bücher, darunter 40 Romane. Die Organisatoren des Auftritts bei der Leipziger Buchmesse wollen an eine Zeit anknüpfen, zu der die tschechische Literatur im deutschsprachigen Raum bekannter war. Der Kulturjournalist und Literaturkritiker Holger Heimann hat sich für "Ex libris" in die umgekehrte Richtung auf den Weg gemacht und in Brünn und in Prag eine Reihe von Schriftsteller/innen getroffen, mit ihnen über ihre Bücher und die Situation im Land gesprochen.

Mährens Manchester

Brünn stand immer schon im Schatten Prags. Dabei braucht sich die mährische Hauptstadt mit ihrer speziellen Mischung aus Tradition und Moderne heute keineswegs zu verstecken. Und sie musste es nie. Brünn galt manchen zweitweise sogar als die dynamischere der beiden Metropolen. Die Habsburger nannten die aufstrebende Stadt wegen ihrer bedeutenden Textilmanufakturen noch bis 1918 gern das "mährische Manchester". Man sprach hier "Brünnerisch" - eine Mischung aus Tschechisch und Deutsch, denn ein großer Teil der Einwohner war deutschstämmig.

APA/AFP/MICA RADEK

Historischer Zug am Bahnhof von Brno

All das erzählt die Schriftstellerin Kateřina Tučková, die 1980 in Brünn geboren wurde und heute in Prag lebt, bei einem Spaziergang durch die Stadt. Der Teil Brünns, den Kateřina Tučková zeigt, ist auch unter dem Namen Brünner Bronx oder Ghetto bekannt. Die Schriftstellerin interessiert sich jedoch weniger für die eher triste Gegenwart, sondern vielmehr für die Vergangenheit des Stadtteils, also hier das Miteinander unterschiedlicher Kulturen und mehrere Sprachen den Alltag prägten. Sie hat einen Roman geschrieben, der voll Trauer und Nachdenklichkeit von den erzwungenen Veränderungen im Bild der Stadt und von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts erzählt.

Zeit des Schweigens

Vor einem stark heruntergekommenen Gebäude bleibt Kateřina Tučková stehen. Auf dem bröckelnden Gemäuer zeichnet sich in blassen Farben ein deutscher Schriftzug ab, "Mährische Glas- und Spiegelindustrie". Aufgrund dieses Schriftzugs habe sie angefangen, sich mit der Vergangenheit dieser Gegend zu beschäftigen, erzählt die Schriftstellerin. Bei ihren Recherchen erfuhr sie von einer 21-jährigen Frau, die hier mit ihrem kleinen Baby gelebt hat. Diese junge Frau kam aus einer deutsch-tschechischen Familie, wie es viele in dieser Zeit gegeben hatte.

Kateřina Tučková erzählt die Geschichte dieser Frau in "Gerta. Das deutsche Mädchen", ihrem zweiten ins Deutsche übersetzten Roman, von der Okkupationszeit bis in die 1990er Jahre. Das tragische Schicksal der unschuldigen jungen Frau steht dabei beispielhaft für die massenhafte Vertreibung der Deutschen, die später auch als "Brünner Todesmarsch" bezeichnet wurde.

60.000 Exemplare ihres Romans wurden in Tschechien verkauft. Ein außergewöhnlicher Erfolg in dem kleinen Land mit lediglich elf Millionen Einwohnern. Inspiriert durch den Roman erinnert eine Initiative für Versöhnung alljährig an den "Brünner Todesmarsch". Die Tschechen, so scheint es, holen die Auseinandersetzung mit lange verschwiegenen Aspekten ihrer Geschichte spät, aber umso entschiedener nach. Kateřina Tučková erinnert sich derweil noch gut an die Zeit des Schweigens:

Kateřina Tučková

"Bei uns wurde Jahrzehnte nicht wirklich über die Geschehnisse gesprochen. Das kommunistische Schulsystem hat versucht, diesen Teil der Geschichte auszuradieren."

Ein Bahnhof in Prag

Auf eine Reise in die Vergangenheit begibt sich auch Jaroslav Rudiš in seinem aktuellen Roman "Winterbergs letzte Reise". Der Schriftsteller, 1972 im nördlichen Teil Böhmens geboren, hat in Prag studiert und wie viele andere Autoren lange in der Hauptstadt gelebt. Mittlerweile ist Rudiš, der perfekt Deutsch spricht, zumindest vorübergehend nach Berlin umgezogen. In Prag ist er trotzdem auch weiterhin präsent: Ein politisches Wochenmagazin wirbt auf großen Tafeln mit dem Bild des Mannes, der vor einigen Jahren zu den 30 wichtigsten Persönlichkeiten Tschechiens gewählt wurde. Aber dem redseligen Autor scheint das beim Spaziergang durch die Stadt eher ein bisschen unangenehm zu sein. Jaroslav Rudiš’ Ziel ist der etwas abgelegene Bahnhof Bubny, von dem aus die Nazis die jüdische Bevölkerung Prags deportierten. Ein langes Gleis, das schräg in den Himmel ragt, soll an die Geschehnisse erinnern. Eine größere Gedenkstätte ist vorerst nur geplant. Besucher gibt es - von uns abgesehen - keine. Der Ort wirkt verwaist.

Szenenfoto mit historischen Zügen, KZ-Häftlingen und Soldaten

Die Theaterperformance ''Lustig train - The prayer for Katerina Horowitz'' nach einem Text des tschechischen Autors Arnost Lustig erinnerte im Jahr 2012 an den 70. Jahrestag der Wannseekonferenz und wurde am Prager Bahnhof Bubny aufgeführt.

APA/AFP/MICHAL CIZEK

Zweisprachigkeit

Der neue Roman von Jaroslav Rudiš zeigt gleichwohl, wie präsent die Geschichte, vor allem auch mit ihren dunklen Seiten, ist. Einen alten Mann, den 99-jährigen Wenzel Winterberg, jedenfalls lässt sie nicht los.

Jaroslav Rudiš zu "Winterbergs letzte Reise"

Gemeinsam mit seinem Pfleger bricht Winterberg, der aus einer sudentendeutschen Familie stammt, von Berlin aus zu einer großen Eisenbahnfahrt quer durch Mittel- und Osteuropa auf. In der Hoffnung, durch die exzessive Beschäftigung mit der komplizierten und oft genug gewaltsamen europäischen Historie Klarheit über sein eigenes Leben zu gewinnen. Doch tatsächlich wird er immer weiter in eine tiefe Verwirrtheit hinabgezogen. Jaroslav Rudiš hat seinen Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, auf Deutsch geschrieben. Es ist ein sprachpolitisches Plädoyer.

Jaroslav Rudiš

"Es ist ein böhmisches Buch. Aber zu diesem Land, zu Tschechien, zu Mitteleuropa, gehören einfach mehrere Sprachen."

Der Sprachenmix war für Prag kaum weniger prägend als für Brünn. Doch diese Zeiten, die noch durch das Erbe der k. und k.-Vielvölkerei bestimmt waren, sind vorbei. Heute strömen allenfalls Touristen aus aller Welt nach Prag, um durch die alten, herausgeputzten Gassen zu spazieren.

Verantwortung für die Gesellschaft

Der Wirtschaftsraum rund um Prag gehört zu den am stärksten wachsenden Regionen in Europa. Die Arbeitslosigkeit in Tschechien insgesamt ist so niedrig wie in keinem anderen Land der Europäischen Union. Trotzdem haben nicht alle vom Aufschwung profitiert, ein großer Teil der Bevölkerung fühlt sich abgehängt. Mit der Unzufriedenheit und Unsicherheit vieler Menschen, mit den Vorurteilen gegen Fremde wird von der Prager Burg aus schamlos Politik gemacht. Die Mehrzahl der tschechischen Intellektuellen verbindet deshalb mit dem Staatspräsidenten Miloš Zeman eine entschiedene Gegnerschaft.

Radka Denemarkova

Radka Denemarková

MILAN MALICEK

Die 50-jährige Schriftstellerin Radka Denemarková zählt dabei zu den streitbarsten Kritikerinnen im Land. Ihr bereits 2014 im renommierten Brünner Verlag Host erschienener Roman "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" ist jedoch ein wütender Kommentar zur aktuellen Lage in Tschechien. Er lässt sich eher als vorweggenommener Beitrag zur Me-Too-Debatte lesen.

Drei Frauen machen darin Jagd auf Vergewaltiger und scheuen auch vor entschlossenen Akten der Selbstjustiz nicht zurück. Radka Denemarková hat für das Buch intensiv recherchiert. Sie greift Gewaltverbrechen an Frauen während des Zweiten Weltkriegs auf, aber sie führt von Prag aus auch ins gegenwärtige Indien und nach England.

"Am Anfang waren viele Geschichten, die ich gelesen und studiert habe in Fachbüchern. Dann habe ich sie vergessen und eine fiktive Geschichte geschrieben."

Autoren sollten Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, sich mit ihren Büchern einmischen, fordert Radka Denemarková. Aber es ist schwierig, sich gegenüber dem lauten Populismus der Prager Staatsführung zu behaupten. Dem umstrittenen tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš gehören die größten Zeitungen im Land. Der Milliardär, neben Zeman der zweite starke Mann, ist eine Art tschechischer Berlusconi.

Havels Erbe

Von den Anhängern der Regierung werden kritische Autoren wie Radka Denemarková gern als Kaffeehausintellektuelle beschimpft oder auch einfach als "havloid" - also als Anhänger von Václav Havel. Den ehemaligen Präsidenten des Landes betrachten die heute tonangebenden tschechischen Politiker gern bloß als weltfremden Idealisten.

Zu den engagiertesten Verteidigern Havels und seiner freiheitlichen Ideale zählt zweifellos Jáchym Topol. Der wohl wortgewaltigste lebende tschechische Schriftsteller leitet die "Vaclav Havel Bibliothek", ein Dokumentationszentrum für die jüngere tschechische Geschichte und zugleich ein gefragter Veranstaltungsort für politische und literarische Diskussionen. Havel selbst hatte kurz von seinem Tod Jáchym Topol darum gebeten, die Programmregie des Hauses in der Prager Altstadt auf der rechten Moldauseite zu übernehmen.

Was es ist

Jáchym Topol, 1962 in Prag geboren, entstammt einer Dissidentenfamilie. Als 16-Jähriger unterzeichnete er die Charta 77, die legendäre Petition der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung. Später gab er die Samisdat-Zeitschrift "Revolver Revue" heraus. Ängstliche Zurückhaltung war noch nie seine Sache. Gut gelaunt empfängt der Hausherr im Obergeschoss der Bibliothek zum Gespräch. Derweil füllt sich eine Etage tiefer der Saal - von Politikverdrossenheit keine Spur.

Jáchym Topol

"Ich hatte gehofft, dass solche Themen längst im Museum gelandet wären. Aber sie bleiben leider aktuell. "

Jáchym Topols neuer Roman "Ein empfindsamer Mensch" liefert ein durchaus irritierendes Porträt der Gegenwart. Der Schriftsteller begleitet eine tschechische Künstlerfamilie. Die eigentümlichen Komödianten bewegen sich mit unverwüstlichem Staunen durch ein unübersichtliches Europa und fliehen schließlich zurück in ihre Heimat, die schmutzig ist und verwildert. Die Heimkehrer treffen auf Menschen am Rand der tschechischen Gesellschaft, die nicht vom Glanz der Hauptstadt beschienen werden. Mit den Halbkriminellen, zwielichtigen Polizisten und geschäftstüchtigen Prostituierten, die diesen Roman bevölkern, führt Jáchym Topol in die Räume einer randständigen Welt und zeigt einen Alltag, der weit entfernt ist von der beschaulichen Gemütlichkeit in bürgerlichen Wohnzimmern. In Tschechien wurde der Roman ein Bestseller. Es scheint so, als bevorzugten viele Tschechen keine geschönten Bilder, sondern Bücher, die ihnen zeigen, was war und was ist.

Service

Kateřina Tučková, "Gerta. Das deutsche Mädchen", Klak Verlag

Jaroslav Rudiš, "Winterbergs letzte Reise", Luchterhand Verlag

Radka Denemarková, "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude", Verlag Hoffmann und Campe

Jáchym Topol, "Ein empfindsamer Mensch", Suhrkamp Verlag

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