Schildkröte in der Wüste Nevada

AP/REED SAXON

"Überfluss Wüste" von Robert Woelfl

Das Stück "Überfluss Wüste" handelt von der Autoindustrie und der Sehnsucht nach einer Maschine, die besser ist als der Mensch. Es handelt von den Gefahren der Künstlichen Intelligenz und dem Versprechen auf Unsterblichkeit, und es erzählt, wie das alles an einem Ort in der Wüste von Nevada zusammenkommt.

Sebastian und Finn, zwei Programmierer aus Stuttgart, fahren nach Nevada in die Wüste zu einer Stelle mit dem Namen "Die Quellen der Unsterblichkeit" in der Hoffnung auf einen genialen Einfall für ein neues Computerprogramm. Angeblich wird jeder, der an diesen einsamsten Ort in der Wüste kommt, mit einer fantastischen Idee belohnt. Alle großen Programmierer und Internetunternehmer sollen schon hier gewesen sein. Gleichzeitig wollen Sebastian und Finn etwas erleben, das sie bei ihrer Arbeit bei einem Automobilhersteller, wo sie Autos das Denken beibringen, nicht erleben können.

Eine Idee zur Belohnung

Während die beiden in der Wüste stehen und auf den genialen Einfall warten, taucht eine Frau, Zoe, auf, die erklärt, vor einiger Zeit an dieser Stelle die Idee zu einem neuen Programm gehabt zu haben. Mit diesem Programm könne man den Tag des Weltuntergangs berechnen. Nun sei sie hier, um Selbstmord zu begehen - wozu ihr das Programm geraten habe. Sebastian und Finn versuchen, Zoe den Selbstmord auszureden, auch weil sie auf keinen Fall Zeugen dieses Selbstmords werden wollen. Ganz im Gegenteil sind sie ja hierhergekommen, um etwas Positives zu erleben.

Kurz darauf erscheint ein Mann, Josh, den mit Zoe verbindet, dass die beiden einmal zusammen hier gewesen sind und einander hier einen Kuss gegeben haben. Josh ist ebenfalls Programmierer und arbeitet an einem Programm, das das Küssen und jede andere Form von Intimität überflüssig machen soll, kann aber diesen einen Kuss damals mit Zoe nicht vergessen und bittet Zoe darum, ihn noch einmal zu küssen.

Quellen der Unsterblichkeit

Während dann um Hotdogs und Sonnencreme und das richtige Atmen in der Wüste und um die Qualität von Zoes Programm und um die Bedeutung eines Kusses gestritten wird, steigt Finn zu den "Quellen der Unsterblichkeit" hinab, um das Geheimnis dieser "Quellen" zu ergründen - was ihm natürlich nicht gelingt.

Zoe will sich auf keinen Fall von dem Vorhaben des Selbstmords abbringen lassen, weder von Sebastian und Finn noch von Josh. Als sie die Waffe ansetzt, um sich zu erschießen, beginnt es plötzlich sintflutartig zu regnen, hier, mitten in der Wüste, wo es sonst niemals regnet. Der strömende Regen erscheint wie der Weltuntergang ...

"Die Heilserwartungen sollten wir in einem Loch vergraben" Robert Woelfl

Robert Woelfl

ANDREAS FERCHNER

Robert Woelfl

"Die Messias-Ersatzfiguren aus dem Silicon Valley werden die Welt nicht retten," sagt der Autor Robert Woelfl. "Vielleicht hatten sie das einmal vor, aber es scheint ihnen etwas dazwischen gekommen zu sein. Wir sollten unsere Heilserwartungen an sie nehmen, in die Wüste fahren und diese Heilserwartungen dort in einem Loch vergraben. Lieber allein und desillusioniert durch die Wüste laufen, als noch länger an die große Lüge von der Demokratisierung durch das Netz zu glauben. Das Werkzeug, das die Macht hätte bloßstellen sollen, ist längst zu einem Instrument der Macht geworden. Unternehmer sind keine Politiker und keine Revolutionäre, sie wollen bloß ihre Äpfel und Birnen verkaufen."

Zum Autor:

Robert Woelfl wurde 1965 in Villach geboren und lebt als freier Schriftsteller in Wien. Für seine Theaterstücke, die im S. Fischer Verlag erscheinen, erhielt er mehrere Preise, darunter den Reinhold-Lenz-Preis für neue Dramatik, den Autorenpreis der deutschsprachigen Theaterverlage und den Dramatikerpreis des Stadttheaters Klagenfurt.

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