Theodor W. Adorno

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Zum 50. Todestag von Theodor W. Adorno

Der Philosoph, Soziologe und Musiktheoretiker Theodor W. Adorno galt während der 1950er und 1960er Jahre als das intellektuelle Gewissen der Bundesrepublik Deutschland. Er betonte stets den Nonkonformismus seines Denkens, das sich wehrt, in den klassischen Kanon der Philosophie eingereiht zu werden.

Adorno vertrat eine "Kritische Theorie", die allen systematischen Theorien entgegensteht, und empfahl eine radikale Subversion. In seinem umfassenden Werk beklagte der neomarxistische Paradeintellektuelle "das beschädigte Leben" des Individuums, das von der spätkapitalistischen Industriegesellschaft auf dem Altar der Profitmaximierung geopfert wird.

Vom Leben im ganz Falschen

Für Adorno war diese Gesellschaftsform das "ganz Falsche". Seine Sichtweise der "verwalteten Welt der Konsumgesellschaft" bezeichnete er - im Gegensatz zu Nietzsches "fröhlicher Wissenschaft" - als "traurige Wissenschaft", die von der Aussichtslosigkeit des Einzelnen angesichts der totalitären Macht der kapitalistischen Maschinerie kündet. Als Hauptübel der tief greifenden menschlichen Entfremdung sah er die kapitalistische Produktionsweise, die auf dem Austausch von menschlicher Arbeitskraft gegen Geld beruht. Hier folgte Adorno den Einsichten von Karl Marx, der diesen Austausch als "verkehrte Welt, als Verwechslung und Vertauschung aller natürlichen und menschlichen Qualitäten" bezeichnete. Eine Gesellschaft, die alles tausche, so Adorno, versinke in einem universellen Verblendungszusammenhang.

Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit.

Diese These findet im Zeitalter der Postmoderne wenig Anklang. Die Freizeit- und Spaßgesellschaft zeigt wenig Vorliebe für ein Denken, das nach Peter Sloterdijk in dem Vorurteil besteht, dass der Spätkapitalismus das absolut Böse darstelle. Auch habe sich die "Offensivwirkung des Sich-Verweigerns längst erschöpft"; sie sei einem "latenten Masochismus" gewichen. Doch angesichts einer sich ausweitenden Exklusion, die einen Teil der Gesellschaft betrifft, die als der Arbeitslose, als Sozialhilfe-Empfänger/innen, als weniger Qualifizierte für die Erfolgreichen, Tüchtigen nur mehr eine Belastung darstellt, ist Adornos Analyse des Kapitalismus weiter aktuell.

Theodor W. Adorno, 1953

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Theodor W. Adorno, 1953

Kritisches Denken als Überschreitung

Brisant ist auch Adornos Theorieansatz: Er verstand sein kritisches Denken als Überschreitung der arbeitsteiligen Organisation der Wissenschaften. Angesichts der Wertschätzung von fachspezifischen Forschungen plädierte er für eine behutsame interdisziplinäre Wissenschaft.

Aktuell ist die "Ästhetische Theorie" das zentrale philosophische Hauptwerk Adornos; es blieb ein umfangreiches Fragment. In diesem Buch betonte Adorno ausdrücklich den subversiven Charakter der Kunst, die sich gegen die Vereinnahmung durch die Kulturindustrie, konkret gegen die mediale Spektakelindustrie wehren sollte. Den Inbegriff der literarischen Subversion stellten für Adorno Samuel Beckett und Paul Celan dar.

Trotz seiner pessimistischen Einschätzung kannte Adorno auch ein Glücksgefühl, das ihm der Prozess des Denkens verschaffte. Der Denkprozess erweist sich als ein Bereich, in dem das beschädigte Leben die Ahnung von einem nicht entfremdeten Leben in einer nicht verwalteten Welt verspürt. "Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht", so schrieb Adorno, "ist das Glück der Menschheit".

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