Spiegelungen

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Selbsterhaltendes Radio

Der Prix Palma Ars Acustica 2019 im "Ö1 Kunstradio".

Die Einleitung ist entrückt und abgehoben: Metallisch klingende Schläge verhallen dumpf, von elektronischen Klängen und einer flüsternden Frauenstimme getragen. Ein abrupter Übergang befördert uns in die Notaufnahme eines Spitals: schwere Atembewegungen durch ein Atemgerät, verhaltenes Stöhnen. Eine Sanitäterin fragt nüchtern: keine Allergien? Wie fühlt sich der Schmerz an, nimmt er ab? Hören Sie mich?

Cover

LEPERE

Gewinnerstück "Autopoiesis" von Anne Lepère

Ein weiterer Szenenwechsel befördert die Zuhörer/innen von Anne Lepères Stück "Autopoiesis" in eine mythologische Umgebung. Dort begegnen wir dem weisen, arzneikundigen Cheiron, der als Begründer der Chirurgie gilt und als Sternbild des Zentauren auf dem nächtlichen Firmament fortlebt, wohin er von seinem Halbbruder Zeus gehoben wurde. Zum Verhängnis war Cheiron eine schmerzhafte Wunde geworden, die ihm Herakles bei der Erfüllung seiner Aufgaben zugefügt hatte.

Eine solche Wunde, eine klaffende Öffnung zwischen Diesseits und Bewusstlosigkeit, zwischen Wirklichkeit und verklärten Traumgefilden, nutzt die belgische Soundkünstlerin zum Eintritt in ihr poetisches und zugleich handwerklich perfekt gestaltetes Radiostück "Autopoiesis" (altgriechisch "Selbsterschaffung", "Selbsterhaltung", "Selbstheilung").

Innovation & Zusammenarbeit

Produziert wurde es vom Atelier de création sonore radiophonique, einer Organisation zur Förderung und Verbreitung von Radiokunst in Belgien; erstgesendet wurde es im Oktober 2018 im belgischen Rundfunk RTBF. Dieser hat das Stück für den Wettbewerb Prix Palma Ars Acustica 2019 eingereicht, aus dem es als Gewinnerstück hervorgegangen ist. Als solches wird es von allen teilnehmenden Radioprogrammen gesendet und erfährt somit eine weite Verbreitung in Europa und darüber hinaus.

Der internationale Radiokunst-Wettbewerb Prix Palma Ars Acustica ist einerseits eine Auszeichnung für innovatives Schaffen und andererseits Instrument für die Zusammenarbeit aller Stationen, Programme und Redakteur/innen, die der Ars Acustica angehören.

Die Ars Acustica ist eine Gruppierung innerhalb der Europäischen Rundfunkvereinigung EBU, die sich der radiofonen Kunst mit ihren Randbereichen und verschiedenen künstlerischen Ausformungen widmet. Das "Ö1 Kunstradio" gehört ebenso dazu wie Radiosender in Deutschland, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien, Serbien, Schweden und Finnland, wo heuer - im Rahmen des jährlichen Ars-Acustica-Treffens - im Mai die Prix-Palma-Jury tagte.

Prix-Palma-Spezialausgabe am 4. August

Ein weiterer Favorit der Jury war das Stück "Rivers, People and Bridges" des slowakischen Künstlers Marek Piacek, eine elektroakustische Komposition mit Klängen und Geräuschen aus den beiden Städten Prag und Bratislava und von ihren Flüssen Donau und Moldau. Zu hören ist es in einer Prix-Palma-Spezialausgabe von "Radiokunst-Kunstradio" am 4. August - gemeinsam mit "Autopoiesis" und der Sound-Collage "Cut Up the Border", einer von der Jury ebenfalls hoch bewerteten Produktion des Bayerischen Rundfunks.

Der Filmemacher Nicolas Humbert und der Soundkünstler Marc Parisotto transformierten den Kultfilm "Step Across the Border", eine Dokumentation über den Gitarristen Fred Frith und musikalische Wegbegleiter/innen wie Tom Cora, John Zorn und Iva Bittova, in eine Radiokomposition. Unveröffentlichtes Tonspur-Material haben sie mit neuen Kommentaren von Frith aktualisiert: ein assoziativ-erzählerischer Soundtrack, dessen Projektionsfläche das Radio ist.

Gestaltung

  • Anna Soucek