Reinhard Kager

ANDREAS FISCHER

Klangspuren thematisieren "Risse"

Im Jahr 2018 haben die Klangspuren Schwaz ihren 25. Geburtstag gefeiert. Heuer blickt man mit einem neuen künstlerischen Leiter in die Zukunft: Reinhard Kager, Musikjournalist, Publizist und Kurator, langjähriger Mitarbeiter von ARD, FAZ und Ö1, übernimmt das Amt von Matthias Osterwold. "Zeit-Ton" verliert mit Reinhard Kager einen profunden Kenner und angesehenen Vermittler zeitgenössischer Musik, das heimische Konzertpublikum gewinnt einen inspirierenden Programmgestalter.

Der geborene Grazer stellt seine ersten Klangspuren vom 6. bis 22. September unter das Motto "Risse". Gemeint sind damit nicht Bruchlinien innerhalb von Musikstücken, "sondern Risse in den sozialen Gefügen, die derzeit durch populistische Politiker verstärkt werden - nicht nur in Europa, sondern weltweit", so Kager. Das Festivalprogramm soll diese Verwerfungen reflektieren.

Die Unsinnigkeit von Grenzen

Die Politik werde derzeit gekennzeichnet durch ein "hilfloses Zusehen auf Dinge, die in der Welt passieren". Um diesen Stillstand aufzubrechen, bedürfe es Aktivitäten, und "die sind in der Neuen Musik seit jeher gesetzt worden".

Mittagsjournal | 04 09 2019 | Reinhard Kager über seine erste Ausgabe

Patrizia Jilg

Aus diesem kuratorischen Blickwinkel hat Kager für die Veranstaltungsorte in Schwaz und Innsbruck eine programmatische Polarität zwischen lautstarkem Protest und perspektivischem Wandel entwickelt. Auf der einen Seite stehen explizit politische Werke wie "void - kol ischa asirit" von Claus-Steffen Mahnkopf. Dieses Stück erlebt am 6. September beim Klangspuren-Eröffnungskonzert mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck seine österreichische Erstaufführung. Es reflektiert die im Zehn-Sekunden-Takt durchgeführte Ermordung von 200 Menschen durch ein Erschießungskommando der Nationalsozialisten.

Andre Mark

Andre Mark

MANU THEOBALD

Mark Andre - Composer in Residence

Auf der anderen Seite stehen musikalische Werke auf dem Programm, die Gegenperspektiven entwerfen. Mark Andre, der diesjährige Composer in Residence der Klangspuren, ist ein Künstler, der utopische Horizonte aufzureißen vermag. "In seinen Stücken spiegelt sich die Hoffnung, dass sich vieles auch anders entwickeln könnte, wenn sich die politischen Akteure nur andere Ziele setzen würden", erläutert Kager.

Auch klanglich sind einige Programme auf Polarität angelegt: etwa die in einem Konzert aufeinandertreffenden Soli von Judith Unterpertinger und Elisabeth Schimana. Hier Schimanas massiver elektronischer Klang-"Monolith", dort Unterpertingers zarte Klänge, die sie Pianoguts - den harfenähnlich benutzten Innenleben von Klavieren - entlocken wird. Die Auslotung klanglicher Extreme setzt sich in den Soloprogrammen von Cellist Michael Moser und Schlagzeuger Christian Dierstein fort.

Stille und bewusste Pausen

Auch beim Improvisationsschwerpunkt, den Kager in der letzten Festivalwoche angesetzt hat, reicht die Palette von konzentrierter Musik mit viel Stille und bewusst gesetzten Pausen (Otomo Yoshihide Quartet) bis zum Projekt "Full Blast" mit dem Extremsaxofonisten Peter Brötzmann. Improvisation wird auch in der seit 2003 bestehenden Internationalen Ensemble Modern Academy ihren Platz haben: Mit der US-amerikanischen Harfenistin Zeena Parkins wird es erstmals einen "Improviser in Residence" bei den Meisterklassen geben.

Einen Vorgeschmack auf das Motto der nächstjährigen Ausgabe ("Brücken") gibt die heurige Klangwanderung. Sie ist zweitägig ausgelegt. In Kooperation mit dem Schweizer Festival Rümlingen finden an beiden Tagen zwei Wanderungen parallel statt - am Abend gibt es ein gemeinsames Konzert, am Folgetag kann man die Wanderung des jeweils anderen Festivals mitmachen. "Wir wollen damit", so Kager, "die Unsinnigkeit von Grenzen reflektieren." Man darf sich auf ein spannend programmiertes, Perspektiven öffnendes Festival freuen.

Service

Klangspuren Schwaz - 6. bis 22. September 2019

Gestaltung

  • Rainer Elstner

Übersicht