Arthur Schnitzler

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Unbekanntes über Bekannte - Arthur Schnitzlers Korrespondenz

"Lieber Schnitzler, ich habe mir die Geschichte mit dem Bicycle doch anders überlegt - lieber nicht." Das schreibt der Fahrrad-Verächter Hermann Bahr 1894 an Arthur Schnitzler. Ein große Forschungsprojekt an der Österreichischen Akademie der Wissenschafte durchforstet derzeit die Korrespondenz des großen Dramatikers und Erzählers.

Schnitzler war ein emsiger Briefeschreiber. Es gibt rund zehntausend Briefe im Nachlass, schätzt der Germanist Martin Anton Müller vom Austrian Centre for digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er will 86 Briefwechsel mit Autoren aus den rund 2.000 Korrespondenzen auswählen und bearbeiten und sucht auch nach unveröffentlichten Briefen. Müller will den Briefwechsel Schnitzlers digitalisieren und online zugänglich machen. So sollen sich neue Zusammenhänge zwischen den Briefen, literarischen Werken, Orten, Tagebuchaufzeichnungen und dem damaligen Tagesgeschehen ergeben.

Im Frühling 1893 kommt in Wien eine neue Mode auf

Wer etwas auf sich hält, fährt ein Bicycle. Der Schriftsteller Arthur Schnitzler will seinen Freunden den neuen Sport schmackhaft machen. Er schreibt Briefe, u.a. an den Schriftstellerkollegen Hugo von Hofmannsthal.

Mitte August fahre ich vielleicht mit Mama weg, mache auch event. eine Bicycletour mit Salten . Sie müssen Bic. fahren lernen; ebenso wie Richard; es ist wirklich ein großes Vergnügen.
Herzlich der Ihre
Arthur

Der Brief geht auch an Hermann Bahr, der nicht so begeistert ist und antwortet:

Lieber Schnitzler, ich habe mir die Geschichte mit dem Bicycle doch anders überlegt – lieber nicht. Der Gedanke, da umständlich zu lernen und mich mit einem fremden Instrument zu peinigen, macht mich nur nervöse. Sei deswegen nicht böse
Deinem treuen
Bahr

Und auch Richard - gemeint ist der Autor Richard Beer-Hofmann – will das neue Gefährt eigentlich gar nicht ausprobieren- und schiebt den gemeinsamen Freund Hermann Bahr vor.

" Lieber Arthur! Bitte holen Sie mich nicht zum Bicycle ab. Nicht nur Bahr auch ich schaudere davor zurück. Sind Sie nicht böse.
Herzlichst
Ihr Richard

Doch später haben beide, Hugo von Hofmannsthal und Richard Beer-Hofmann, das Fahrradfahren gelernt, wie Martin Anton Müller aus Schnitzlers Briefwechsel weiß.

Arthur Schnitzler

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Arthur Schnitzler, 1908

Das Netzwerk der Schriftsteller zur Zeit der Wiener Moderne

Dem Germanisten Müller geht es um den Überblick - er will mehrere Briefwechsel zusammenlesen. So kann man erstmals sehen, wie das Netzwerk der Schriftsteller zur Zeit der Wiener Moderne funktionierte.

Weltweit sind rund 15.000 Briefe von und an Schnitzler in Archiven verstreut. Martin Anton Müller stützt sich auf jenen Teil des Nachlasses, der heute in Cambridge aufbewahrt wird und konzetriert sich auf die Briefwechsel Schnitzlers mit Autoren und Journalisten.

Diese neue Art der Forschung kann sich viel leichter als früher auf die Spur intellektueller Netzwerke machen. Wann hat Schnitzler mit welchem Werk begonnen? Schreibt er im Tagebuch etwas darüber oder muss man die Briefe befragen? Die Forscher eröffnen dank Digitalisierung völlig neue Perspektiven – und sie entwerfen dadurch auch ein neues Bild der Epoche.

Können Sie’s endlich?

Es ist nun ein Leichtes herauszufinden, wie die Geschichte mit dem Bicylce weitergegangen ist. Denn Arthur Schnitzler war ein Mann, der nicht locker ließ: Vier Jahre später - 1897 - schreibt er noch einmal an Richard Beer-Hofmann.

Aber sonst haben Sie hoffentlich mehr gearbeitet als ich. Nach diesen zwei Dingen sehn ich mich unbeschreiblich: nach dem Schreiben und nach dem Bicycle! – Können Sie’s endlich? (Bicycle natürlich. –)
Seien Sie herzlich gegrüßt.
Ihr Arthur

Service

Österreichischen Akademie der Wissenschaften - Arthur Schnitzler