Frau liest im Koran

APA/AFP/TAUSEEF MUSTAFA

Frauen im Koran

Jungfrau und Tochter, Ehefrau und Mutter: Im Islam - und nicht nur dort - werden Frauen über ihr Verhältnis zu Männern definiert. Folgsam und schweigsam sollen sie sein, liest man in den Quellen, und bedecken sollen sie sich.

Das Thema Frauen(rechte) im Koran birgt nicht wenige heikle Punkte: Von Polygamie ist da die Rede, von Gewalt gegen Frauen und von diskriminierendem Erbrecht. Aber auch von Ebenbürtigkeit und Gleichberechtigung.

"Frauenfeindlichkeit und Islam gehören für viele scheinbar zusammen. Daran gibt es nichts zu beschönigen, aber vieles zu ändern."

In einem großen Schulkomplex im siebenten Wiener Bezirk unterrichtet Sule Dursun, Lehrerin für islamische Religion, abends eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern, die ein Kolleg für Elementarpädagogik absolvieren. In dieser Einheit sollen die Schülerinnen und Schüler über die Ausprägung des Islams in jenen Ländern berichten, in denen sie ihre Wurzeln haben.

Es geht um die Türkei, Afghanistan und eben Saudi-Arabien. Markante Beispiele - nicht zuletzt, wenn es um Frauenrechte geht. Es wird darüber gesprochen, dass Frauen in Saudi-Arabien erst seit kurzem Autofahren dürfen und dass nur wenige Mädchen und Frauen in Afghanistan lesen und schreiben können.

Die islamische Religionslehrerin Sule Dursun

Die islamische Religionslehrerin Sule Dursun.

KERSTIN TRETINA

Theologen und Gelehrte können ein Bildungsverbot für Frauen, wenn dann nur aus der Überlieferung, aber nicht aus dem Koran ableiten, erklärt die Religionslehrerin Sule Dursun. Das müsse man klar auseinanderhalten. Die islamische Überlieferung, die sogenannte Sunna, habe ihre Schwachstellen, meint die 35-jährige Pädagogin. Sie will aufzeigen, welche Aussagen des Propheten Muhamad offensichtlich im Einklang mit dem Koran stehen und welche offensichtlich erfunden oder instrumentalisiert worden seien. Jene, die auf Bildungsverbote für Frauen schließen lassen? Ganz klar von Männern erfunden, sagt sie.

Mündigkeit und Autonomie sind für mich die zwei wichtigsten Schlüsselbegriffe, die ich mit islamischen Werten und Normen vereinbaren kann. Ein weiteres wichtiges Ziel, das ich zu vermitteln versuche, ist kritisches denken", sagt die Religionslehrerin Sule Dursun.

Frauen kommen an verschiedenen, eigentlich gar nicht so wenigen Stellen des Korans vor. Als weibliches Vorbild ihrer Tradition nimmt Sule Dursun die erste Frau des Propheten Muhamad wahr: Chadidscha. Sie war 25 Jahre älter als der Prophet und macht ihm den Heiratsantrag. Auch heute noch vermisst Sule Dursun diesen Mut bei Frauen

Aber im Koran gibt es nicht nur die schönen Stellen, die Frauen ermutigenden, emanzipatorischen Stellen. Es gibt auch andere. Patriarchale Rhetorik sei klar erkennbar, erklärt der Imam Benjamin Idriz. Und zwar weil der Koran einer patriarchalen Gesellschaft herabgesandt wurde, schreibt er in seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Koran und die Frauen“.

"Und was jene Frauen angeht, deren Übelwollen ihr Grund zu fürchten habt, ermahnt sie zuerst; dann lasst sie allein im Bett; dann schlagt sie; und wenn sie daraufhin auf euch achtgeben, sucht ihnen nicht zu schaden. Siehe, Gott ist fürwahr allerhöchst, groß!"
Sure 4, Vers 34

Der Imam Benjamin Idriz hält die Stelle für einen gravierenden Übersetzungsfehler, der fatale Folgen hatte und hat. Eigentlich gehe es an dieser Stelle um Trennung. Vor der Scheidung sei eine Trennung auf Zeit vorgesehen. Die Scheidung sollte das letzte Mittel sein. Und keine einzige Einzelaussage eines Imams in Richtung Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen dürfe mehr toleriert werden, so Idriz.

Die Arabistin und stellvertretende Vorständin des Instituts für Islamisch-theologische Studien an der Universität Wien - Ranja Ebrahim - ist ebenfalls überzeugt, dass man diesen Vers neu lesen müsse.

"Und sag den gläubigen Frauen, ihren Blick zu senken und auf ihre Keuschheit zu achten, und nicht ihre Reize in der Öffentlichkeit über das hinaus zu zeigen, was davon schicklicherweise sichtbar sein mag; darum sollen sie ihre Kopfbedeckungen über ihre Busen ziehen."
Sure 24, Vers 31

Frauen im Koran und Frauen im Islam - irgendwann landet man beim Thema Kopftuch. So auch die Schülerinnen und Schüler des Kollegs. Die 21-jährige Abrar bringt sich im Religionsunterricht oft in die Debatte ein, sie scheint schon viele Geschichten aus dem Koran gehört zu haben - ihr Vater kommt aus Saudi-Arabien, ihre Mutter stammt aus dem Kosovo und ist zum Islam konvertiert. Das Thema Kopftuch wurde und wird in ihrer Familie diskutiert. Ihr Vater war dafür, dass die Frauen der Familie eines tragen, ihre Mutter dagegen. Beide haben mit dem Koran argumentiert, sagt Abrar.

"Wie ich mein Kopftuch trage ist jeden Tag unterschiedlich und hängt von meinen Gefühlen ab. Im Winter kann ich auch einen Hut tragen. Der Koran bietet unterschiedliche Zugänge", sagt die Religionslehrerin Sule Dursun.

Imam Benjamin Idriz betont, dass die Bedeckung im Koran eigentlich auch für Männer vorgesehen ist, auch sie sollten ihre Reize entsprechend verdecken. Die islamische Religionslehrerin Sule Dursun hat ihre eigene Art, wie sie damit umgeht und sie entscheide von Tag zu Tag, wie sie ihr Kopftuch trage. Aber ihr ist wichtig Nichtmuslimen wie auch der eigenen Community mitzugeben: Das Kopftuch ist kein Überthema. Die Pädagogin und Wissenschaftlerin ist es leid, angegriffen zu werden: Für die eine Seite ist sie nicht konservativ genug, für die andere, nicht-muslimische Mainstream-Meinung und liberale Musliminnen wie Seyran Ates, ist sie zu konservativ, weil sie es überhaupt trägt.

"Der Koran macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, vor Gott sind wir alle gleich. Der Koran sagt: Wer mit einer guten Tat zu Gott kommt, egal ob Mann oder Frau, wird von Gott belohnt. Solche Verse sprechen eindeutig für die Gleischtellung der Frau. Das sind unsere Grundwerte", sagt Imam Benjamin Idriz.

Der Imam Benjamin Idriz plädiert für eine Rückkehr zu den Grundwerten des Korans. Zu Gerechtigkeit, Respekt, Liebe und Barmherzigkeit. Die Heilige Schrift des Islams rufe nämlich auch zur Gleichberechtigung der Geschlechter auf, so Idriz.