Susan Philipsz

SUSAN PHILIPSZ, Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

"Stimmen" von Barbara Neuwirth

Die in Berlin lebende schottische Künstlerin Susan Philipsz erschuf für den Wiener Heldenplatz eine subtile Vierkanal-Klanginstallation, die vom 12. März 2018 bis zum 8. Mai 2019 zweimal täglich ertönte. Der geschichtsträchtige Ort wurde so für alle hörenden Menschen zum Resonanzraum vieler Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart. Barbara Neuwirth erzählt mit ihrer "Kunstgeschichte" auch einen Teil der Landesgeschichte. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Edith-Ulla Gasser.

Wie der Platz wirkt, hängt vom Eintrittsportal ab. Komme ich aus der Josefstadt die Stadiongasse herunter und durchquere den Volksgarten am weiß getünchten Theseustempel vorbei, bin ich die Himmelsweite bereits gewöhnt, ehe ich den Heldenplatz betrete. Im Volksgarten ragt nur eine letzte riesige orientalische Platane hoch auf. Die graue, glatte Haut ihres mächtigen Stammes ruft in mir immer die Vorstellung von urzeitlichen Elefanten hervor, und mich berührt eine Traurigkeit. Elefanten leben in Herden, die Platane aber ist allein übriggeblieben. Vor 20 Jahren waren es noch zwei, aber die andere war innen morsch geworden und musste gefällt werden. An ihrer Stelle blühen jetzt noch mehr Rosen, für die der Park so beliebt ist. Ich gehe dann am runden Tritonbrunnen vorbei, in dessen Mitte der Meeresgott eine Nymphe auf seiner Schulter aus dem Wasser hebt. Über mir ist der unverdeckte Himmel, vor mir begrenzen große Rosensträucher den Horizont.

Wenn ich durch das offene Gittertor vom Volksgarten auf den Heldenplatz hinaustrete, ist mein Blick nicht nur nach oben frei, sondern hat auch bis zur Neuen Burg hin viel Weite. Auf der großen Fläche, man könnte hier leicht vier Fußballplätze abstecken, stehen die zwei historischen Reiterdenkmäler, denen der Platz den Namen verdankt, wie kleine Störobjekte. Groß werden sie erst, wenn man sich ihnen ausreichend genähert hat. Sie bedeuten mir nichts, auch wenn das Reiterdenkmal von Erzherzog Karl durch das auf den Hinterbeinen ausbalancierte Aufbäumen des Pferdes eine statische Meisterleistung ist. Der zweite Reiter soll den Prinzen Eugen darstellen, die Statue ist weniger beeindruckend in der Ausführung, doch ebenbürtig prominent platziert. Heldenplatz hieß ab der Aufstellung der Reiterdenkmäler vor über 150 Jahren die Fläche im nie fertig gebauten Kaiserforum, das mit einem der Neuen Hofburg spiegelgleichen Gebäude abgeschlossen werden sollte. Aber das Geld dafür fehlte und der Platz blieb nach Nordwesten unbebaut, nur durch einen starken Eisenzaun vom Volksgarten abgegrenzt. Nach Westen schließt das Burgtor den Platz gegen den Ring ab, der dreispurig neben dem Maria-Theresien-Denkmal und den großen Museen vorbeiführt. Innerstädtisch gibt es keinen größeren Platz.

Barbara Neuwirth

Harald Friedl

Barbara Neuwirth wurde 1958 in Eggenburg geboren. Als Verlegerin im Milena Verlag, vormals Wiener Frauenverlag, und als Herausgeberin der Buchreihe "Frauenforschung" war sie eine der aktiven Vorreiterinnen in der feministischen Publikationswelt. Heute arbeitet sie als Schriftstellerin und Herausgeberin von wissenschaftlichen Sammelbänden und literarischen Anthologien in Wien und bei Retz. Für ihr Schaffen wurde sie u.a. mit dem Anton-Wildgans-Preis ausgezeichnet. Zu ihren jüngeren Veröffentlichungen zählen das Theaterstück "Eurydike" oder der Erzählband "Helden, Heldin, Superheldin" in der Reihe Haymonschwärmt.

Schon als Studentin liebte ich die Nationalbibliothek, vor allem den Augustinerlesesaal am Josefsplatz. Die meisten der von mir gewünschten Bücher waren allerdings im Hauptlesesaal in der Neuen Burg nutzbar, und so wurde der Gang über den Heldenplatz zu einem geläufigen Weg meines Alltags. Zu allen Jahreszeiten tauchte ich beim Betreten der großen Fläche in einen Zustand von Leichtigkeit. Mein Blick erfasste die stets flüchtigen Bilder des Himmels. Wie gerne hätte ich die eine und die andere Ansicht festgehalten, mir für immer verfügbar gemacht. Aber sie waren vergänglich, waren nur in mir als Wissen gespeichert für eine kurze Zeit, bald auch schon in mir verloren unter den stets neuen Eindrücken meines Lebens.

Am Ende des Platzes aber, zwischen den steinernen Löwen die Treppen hinauf und durch die gedeckte Einfahrtshalle hindurch, betrat ich das Reich der geschützten Erinnerung. Vor mir im Foyer lag der in den gewichtigen Metallladenschränken eingeordnete Zettelkatalog. Zwar gab er mir immer wieder Grund zur Verzweiflung, weil der Bestand im "Die Preußischen Instruktionen" genannten Regelwerk für mich oft unauffindbar blieb, und ich erst die Hilfe der Bibliothekarinnen brauchte, um das Gewünschte bestellen zu können, aber sobald die Bücher ausgehoben waren, begann das glückliche Sichten im großen Lesesaal. Abends ging ich dann aus dem riesenhaften Tor über die breite Treppe auf den Platz hinunter.

Wenn man aus der Enge eines gedeckten Raumes tritt und in der hohen Freiheit des Platzes landet, streckt sich die Körperhaltung und die Atemzüge werden ruhig. So ging es mir oft beim Verlassen der Bibliothek. Mein Blick fing in der Ferne rechts das Dachgeschoß des Burgtheaters und links, weiter entfernt, den Turm des Rathauses. Aber eigentlich ist da vor allem Himmel, das Wolkenspiel der Wetterstimmungen, im Herbst vielleicht ein reiches Nebelnass in köstlicher Weite.

Silvia Meisterle

Silvia Meisterle, geboren 1978 in Wien, wuchs in Perchtoldsdorf auf. 2008 debütierte sie am Theater in der Josefstadt, seit 2010 ist sie festes Ensemblemitglied. Ö1 Hörerinnen und Hörern ist ihre charismatische Stimme aus ungezählten Literatursendungen vertraut.

Am schönsten ist es, den Platz hochmitternachts zu betreten, wenn man von "In der Burg" kommt und unter dem Festsaaltrakt heraus ins dunkle Offene tritt. Dann ist kaum mehr jemand unterwegs, es ist ruhig geworden, der Verkehrslärm versickert zwischen den am Ring wachsenden Bäumen. Ich schaue in die Dunkelheit und den tiefen Raum. Vielleicht ist da der Mond, und auch die strahlendsten der anderen Himmelkörper, die dem Stadtlicht trotzen, sind da. Das ist ein Trost. Nicht alles liegt in unserer Hand. Der Himmel über mir ist eine lange Welle, mein Leben nur ein Lidschlag.

Wenn ich den Heldenplatz überquere, ist er immer mein Platz. Er gehört seiner Geschichte und er gehört mir. Meine Geschichte ist nur ein Moment auf dem Platz. Andere haben ihn auch zu dem ihren gemacht, zu ihrer Geschichte. Über diese ist zu lesen und zu hören. Als wiederholt erinnerter wunder Punkt in der Vergangenheit dieses Landes überschattet ein Tag die Wahrnehmung aller anderen Tage des Platzes. An diesem Tag haben viele Menschen der Macht zu gejubelt und sich selbst ermächtigt. Geschichte zu gestalten. 55 Jahre später versammelten sich vielleicht noch mehr Menschen am Platz, und haben sich in einem Lichtermeer selbst ermächtigt, den Umgang mit Geschichte zu gestalten. Auch ich war in dieser Masse, froh, unter so vielen zu sein. Und dachte an Canetti und seine kluge Abhandlung über Masse und Macht. Und wollte nicht mehr dazugehören. Und doch dazugehören. Ich war Teil einer Bewegung, die nun räumlich an ihr Ende gekommen war, ihre Entladung erfahren hatte durch die Redebeiträge. Auch an diesem Tag war es laut gewesen, hatten Menschen gejubelt und zugestimmt, hatten wir einander bestätigt. Diesen Platz zu verwenden war logisch. Und dann zerfiel die Masse wieder in Individuen, die fühlten, an etwas Bedeutsamen beteiligt gewesen zu sein.

25 Jahre nach dieser friedvollen politischen Veranstaltung wurde in der Hofburg das Haus der Geschichte eröffnet. Ich mochte den Standort nicht, er war mir zu sehr mit der Monarchie verbunden und weniger mit der Republik, die doch im Zentrum stehen sollte. Das Palais Epstein wäre mir, so wie vielen anderen, der liebste Standort dafür gewesen, wurde aber vom Parlament nicht dafür frei gegeben. So gab es also unter dem Dach der Nationalbibliothek, dem Haus der gedruckten Erinnerungen, nun auch ein "Haus der Geschichte", und das junge Team unter seiner Direktorin Monika Sommer begann den kleinen Platz im großen Haus zu gestalten. Das Ergebnis söhnte mich aus.

Endgültig für das neue Museum eingenommen war ich aber mit einer den Platz erfassenden Klanginstallation "The Voices" der schottischen Klangkünstlerin Susan Philipsz. Am 12. März 2018 erklang die Installation zum ersten Mal. Ich verließ, um sie zu hören, die Bibliothek um 12.30 Uhr. Die auf Wassergläsern erzeugten Töne vibrierten über dem Platz. Sie kamen von zwei Lautsprechern am Altan der Neuen Hofburg, jenes oft als Hitlerbalkon bezeichneten zentralen Gebäudeteils, von dem aus 1938 Adolf Hitler den zusammengelaufenen Wienern und Wienerinnen seine Sicht auf Gegenwart und Zukunft triumphierend verkündet hatte. Und die Töne kamen auch von den beiden Parlamentspavillons, die für die vier Jahre der Parlamentsrenovierung just am Heldenplatz errichtet worden waren. Die Pavillons standen nahe dem Volksgarten, dort, wo der früher geplante spiegelgleiche Westflügel der Hofburg gebaut worden wäre, hätte die Monarchie nicht der parlamentarischen Demokratie weichen müssen. Eine Selbstverständlichkeit war es daher, hier die Ausweichpavillons aufzustellen mit rechteckigem Grundriss, einer moderaten Höhe und dezenter Außengestaltung. Bahnen mit aufgedruckten Zitaten aus Verfassung und Gesetztestexten umwickeln das Gebäude. Was immer man darauf zu lesen bekommt, erinnert an Grund- und Freiheitsrechte, an die gemeinsamen Werte von Demokratie und Parlamentarismus, an Menschenrechte und ihre internationale Anwendung.

Ohne das Wissen, wo man die Lautsprecher finden könnte, hätte ich sie an diesem ersten Aufführungstag nicht entdeckt. Denn der ätherische Klang erfüllte den ganzen Raum und verwies in den Himmel. Auch aus ihm hätte der Klang kommen können. Die Töne verstummten, nicht aber die Stille, die danach einsetze, obwohl die Menschen einander Fragen stellten oder ihre Empfindungen mitteilten. Zwischen den ziehenden, fließenden, vibrierenden Klängen verunsicherten Pausen die Zuhörenden: War nun das Ende des Kunststückes gekommen? War das schon alles? Und wieder begann ein glasfeiner Ton, fand sich ergänzt durch andere, gedehnt in sich selbst, aufgehoben und verweht. Zehn Minuten währte die Klanginstallation, manche Pause minutenlang.

Am nächsten Tag kam ich wieder aus der Bibliothek heraus, um erneut zehn Minuten meiner Klanginfusion zu bekommen. Die Stimmen. Die verflogenen. Die leisen. Ich hörte keine Wörter, sie waren nicht nötig. Denn wenn der feuchte Finger über den Glasrand fuhr, erinnerten die Töne an Stimmen, die mehr vermochten als nur Wörter zu formulieren. Es waren vergangene und zugleich noch nicht erklungene Stimmen, die in meiner Phantasie existierten. Ich kannte diese Menschen, deren Stimmen ich hörte, nicht. Aber sie wurden zur Erweiterung meiner selbst, öffneten mich in mich hinein.

Vor einigen Jahren hat ein Pfauenschrei am Nachtheldenplatz meine Gedanken zu meiner englischen Tante gelenkt. Das ist seltsam, denn ich konnte keinen Pfau sehen und ich habe den Platz nie mit meiner Tante betreten. Aber den Schrei einem Pfau zuordnen, das konnte ich. Und sofort hatte ich an meine Tante denken müssen. Mit ihr verbindet mich eine innigere Geschichte als mit den anderen Schwestern meiner Mutter, eine Geschichte voll Sehnsucht und Liebe. Als Teenager war diese Tante, einem englischen Besatzungssoldaten folgend, nach Südengland ausgewandert und hatte ein Leben voll wundersamer Wendungen geführt. Einmal, ich war noch ein Volkschulkind, war sie für eine Familienzusammenkunft mit ihrem englischen Ehemann nach Österreich zurückgekommen. Da wurde meine Liebe zu England durch denselben Mann geweckt wie die Liebe meiner Tante. Meine Faszination galt aber - anders als bei ihr - nicht seiner Person, sondern seiner Sprache. Denn als Soldat hatte er kaum Deutsch gelernt, und auch beim Familientreffen benötigte er die Übersetzungshilfe von Frau und Schwägerin. Seine britische Aussprache mit den gemächlich nacheinander abrollenden Silben übte eine magnetische Wirkung auf mich aus. Ich fand sie schöner als alle mir bekannten Variationen meiner Muttersprache. Die fremden Wörter verhießen Zugang zu einer unbekannten Welt voller Geheimnisse und Verlockungen. Die englische Sprache war an jenem Tag in mein Leben gekommen und verband mich nicht nur mit all den kommenden Lektüren und Reisebegegnungen, sondern auch mit dem abenteuerlichen Leben meiner Tante.

In späteren Jahren hat meine Tante ihre Muttersprache ein wenig verloren. Einmal, als wir gemeinsam in ihrem schönen Garten in Kent Begonien pflanzten, kreierte sie das Wort Rootseln, weil ihr Wurzeln nicht mehr einfiel. Ihre erste Ehe hatte nicht gehalten, eine zweite mit einem aus Kenia stammenden Inder war emotional beständig, existentiell aber abenteuerlich und führte sie vom kleinbürgerlichen Reihenhaus über die luxuriöseste Villa und großen Reichtum wieder zurück sogar bis unter das Niveau des Beginns und schließlich in den Sozialwohnbau. Im Garten ihres Luxuslebens hatte eine große Voliere gestanden, in der ein Pfauenpaar gehalten wurde. Während meines Ferienbesuchs bei der Tante hatte ich nächtens die Fenster geschlossen, um die hässlichen Schreie der Vögel auszuschließen.

Meine Tante hat in ihrem Leben die eine und die andere Vergangenheit hinter sich gelassen. Manche Sprünge dabei waren mutig, manche gingen auf Kosten anderer, manche waren erstaunlich. Wie sie es geschafft hat, nach dem Verlust ihrer Ausweisdokumente neue zu bekommen, in denen das angegebene Geburtsjahr sie zehn Jahre jünger machte, bleibt in ihrer Herkunftsfamilie ein Rätsel. Um in der traditionsliebenden indischen Familie des neuen Mannes anerkannt zu werden, war aber genau das hilfreich. Ebenso das Verschweigen der früheren Ehe, der bereits halbwüchsigen Kinder. Da die Eltern des neuen Mannes in Kenia lebten, war diese Maskerade ja nur für den Hochzeitsaufenthalt nötig. Das neue Geburtsjahr im Pass war aber zu ihrem wahrhaft Angenommenen geworden. Als sie, die immer so jugendlich gewirkt hatte, im Alter dement wurde und in ein Pflegeheim musste, klagten ihre beiden jüngeren Kinder, es sei ungerecht, dass ihre Mutter so früh unter der schrecklichen Krankheit leide. Alle anderen im Heim wären viel älter als sie. Meine Mutter und ich, die von dem Dokumentenbetrug wussten, schwiegen.

Der Familiengeheimnisse gab es aber noch mehr. Als mich meine jüngere englische Kusine, die ich zuletzt in ihrer Kindheit getroffen hatte, nun als Erwachsene in Wien besuchte, bemerkte ich beim Gespräch überrascht, dass ihr noch immer nicht bekannt war, ein Adoptivkind zu sein. Es lag nicht an mir, Verwirrung zu stiften. Plötzlich wurde es schwierig zu sprechen. Worte lenken Menschen durch das Leben. Aber in diesem Augenblich hatte ich nur eine Hürde erkannt, nicht den Weg, den ich gehen sollte. Rückzug. Welche Stimmen erzählen welche Geschichten? Und wer darf sie hören und verstehen?

An diesem Abend, ich hatte meine Kusine in ihr Airbnb-Quartier gebracht, ging ich auf dem Heimweg durch die Plankengasse. Plötzlich hörte ich eine Glasstimme. Sie senkte sich zwischen den engstehenden Häusern zum Gassenboden herunter, hell, vibrierend, rufend, blieb aber dabei fern wie eine Illusion. Ich ging schneller und eine Sehnsucht nach den Stimmen erfasste mich. Würde ich, wenn ich liefe, noch rechtzeitig auf dem Heldenplatz eintreffen, um die letzten Töne zu hören? Oder war es nur eine akustische Fata Morgana gewesen? Es schien mir unmöglich, dass der Ton so weit entfernt in den Schluchten des Häuserlabyrinths der Stadt zu hören wäre. Die Stimmen hatten meine Gedanken in den Himmel aufsteigen lassen, sie waren wie Flügel, die mich zu anderen Wahrnehmungen führten. Bei jedem neuen Anhören der Klanginstallation hatte ich die Geschichte dieses Platzes verkostet - mit all den Irrwegen, die hier eingeschlagen worden waren, und all den guten Pfaden, die von hier aus betreten wurden. Seit einem Jahr waren die Klänge zweimal am Tag zu hören gewesen, ich war immer wieder hergekommen, um mit ihnen zu schwingen und zu fliegen, im leeren Raum der Stille zu hoffen und schließlich vom letzten Ton freigelassen zu werden. Zunächst nur vom März bis November 2018 geplant, bis zu dem Tag, der uns an die Ausrufung der Republik erinnert, sollte die Klanginstallation dann noch bis ins kommende Jahr zu hören sein.

Plötzlich hatte ich Angst, dass heute der letzte Tag sein könnte, an dem die Glastöne auf diesem prächtigen Platz zu hören wären. Ich lief unter der Michaelerkuppel in die Burg und kam beim Festsaaltrakt auf den Platz heraus. Er war fast leer. Aber die Töne waren da. Sie hoben mich auf ihre Schwingen und ich stieg in die Höhe, übers Dach der Hofburg. Der Platz ist auch aus der Höhe betrachtet nicht klein. Aber die Stimmen wurden kleiner. Dünner. Sie verloren sich unter mir, ich verlor den Kontakt zu ihnen.

Es war nicht der letzte Tag gewesen, an dem die Klanginstallation zu hören war, aber wenige Tage später endete sie. Am 12. März 2018 hatte sie zum ersten Mal den Heldenplatz beschallt, zur Erinnerung an den Tag des "Anschlusses" Österreichs an Hitlerdeutschland. Am 8. Mai, dem Jahrestag der Befreiung vom nationalsozialistischen Terror, ertönte sie zum letzten Mal. Ich kam an diesem 8. Mai zur Verabschiedung auf den Platz. Es traf sich, dass mein Weg zu einem Termin genau diese Aufenthaltsdauer vertrug. Aber ich blieb nicht bis zum letzten Ton. Ehe dieser ansetzte, war ich schon am Michaelerplatz. Dieses Mal trug der Ton nicht so weit. Ich wünschte, die Klanginstallation wäre für immer Teil der künstlerischen Gestaltung des Heldenplatzes geworden. Eine Intervention, die Menschen innehalten lässt. Die sie motiviert, sich umzusehen und genau wahrzunehmen, was um sie herum passiert und welche Töne die Welt gebiert.

Der talentierte Bildhauer Anton Dominik Fernkorn, der die beiden Heldendenkmäler schuf, endete in einer Anstalt für Nervenleiden. Es wurde behauptet, dass er den Gram nicht verwand, das statische Kunstwerk des ersten Reiterstandbildes bei der zweiten Reiterfigur nicht mehr erreicht zu haben. Die Reiterstatuen erinnern uns an Fernkorns Schicksal und an den Heldenbegriff in der Zeit ihrer Aufstellung. Aber Susan Philipsz‘ Klanginstallation ging weit über all diese historischen Ereignisse, mit denen sie auch verknüpft sind, hinaus. Sie verband uns auf zärtliche Weise mit dem Raum des großen Platzes und der Zeit des Menschseins.

Service

HDGÖ - Ein Rückblick: The Voices – eine Klanginstallation von Susan Philipsz jeden Tag am Heldenplatz

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