2 Portraits hängen an der Wand

Andreas Schindl

"Der Maler, der Autor, die Frauen" von Andreas Schindl

Die erste "Ö1 Kunstgeschichte" im neuen Jahr ist die Fortsetzung einer Kunstgeschichte vom Juni mit dem Titel "Porträt einer Dame, sitzend, undatiert". Damals wusste der Autor noch nicht, wessen Porträt das Ölgemälde in seinem Haus darstellt. Aufgrund der Sendung im Sommer und der Präsentation des Bildes auf oe1.orf.at/kunstgeschichten konnte das Geheimnis um das Bild gelüftet werden. Andreas Schindl verwebt authentische Szenen aus dem Leben des Malers Moritz Coschell mit einem Bericht von den bewegenden Ereignissen rund um das Frauenporträt. Die Ö1 Erstveröffentlichungsreihe "Kunstgeschichten" widmet sich dem Kunstblick von Autorinnen und Autoren. Redaktion: Edith-Ulla Gasser.

Andreas Schindl

Andreas Schindl ist Jahrgang 1968, er studierte Medizin in Wien und Photobiologie in Italien und lebt als Arzt in Wien. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Paurs Traum" über eine historische Figur aus der Zeit der beginnenden Aufklärung. Sein neues Buch "Die Verspätung" auf Grundlage der Feldpostbriefe seines eigenen Großvaters wird im März 2020 bei Braumüller herauskommen.

Es dauerte einige Augenblicke bis ihm klar wurde, dass das Donnern, das in die engen Grenzen des Niemandslandes zwischen Schlafen und Wachen eingedrungen war, seine Ursache weder in den elektrischen Entladungen eines frühlingshaften Unwetters noch im brüllenden Bellen einer feindlichen Artillerie hatte. Es stammte hingegen, ganz profan und daher umso erschreckender, von ungestümem Klopfen gegen die Wohnungstür. Einen Blick auf den Wecker und einen Lidschlag später wusste er, dass sich jetzt bewahrheitete, was man sich gerüchteweise seit einigen Tagen in Wien erzählte. Sechs Uhr dreißig, sie kamen tatsächlich im Morgengrauen. Weit hatten sie es ja nicht vom Hotel Metropol. "Geheime Staatspolizei! Aufmachen!"

Schlaftrunken griff er nach der Brille, angelte sich den gesteppten Morgenrock vom Sessel, schlüpfte in die Lederpantoffel und begab sich ins Vorzimmer. Im Korridor fiel ihm die Geschichte ein, die gestern im Café Central die Runde gemacht hatte: Egon Friedell hatte angesichts des Hämmerns seiner Häscher keinen anderen Ausweg gefunden, als den durchs Fenster auf die Gentzgasse. Zu seinem eigenen Erstaunen verwarf er diese Option im selben Moment, in dem sie ihm durch den Kopf ging. Dachte er dabei an seine Frau, an seinen Sohn? Nein, nicht der Gedanke an die Familie, die er schon vor Jahren in Deutschland zurücklassen hatte müssen, sondern der Gedanke an die Bilder, die er noch malen wollte, hinderte ihn an dem Schritt zum Fenster. Denn irgendwann würde dieser Wahnsinn zu Ende gehen. Dann würden wieder zahlungskräftige Kunden anklopfen und er könnte wieder wie früher schöne Frauen malen anstatt, wie zuletzt, immer nur sich selbst ...

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Modellsitzen beim Porträtisten, das weiß ich heute, ist ungleich unkommoder als eine Benimmstunde bei der Gouvernante! Aber was tut man nicht alles für ein treffliches Porträt von einem ausgezeichneten Meister seines Faches?! Noch dazu, wenn man den Papa mit dem Gemälde zum Geburtstag überraschen will. Immerhin soll Herr Coschell ja in allerhöchsten Kreisen geschätzt werden. Selbst der Kaiser soll ihn in seinem Atelier persönlich aufgesucht und einige Bilder erworben haben. Das erzählte mir zumindest Ilse Weichert, als ich sie nach einem renommierten Porträtmaler fragte. Vor dem Krieg war das natürlich. Im Krieg soll der Herr Kunstmaler als Hauptmann der österreichischen Armee eingerückt und wegen seiner Tapferkeit von der Apostolischen Majestät ausgezeichnet worden sein.

Die Frau von Andreas Schindl

ANDREAS SCHINDL

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Es dämmerte bereits als wir uns an diesem Sommerabend im Schlafzimmer versammelten. Unsere drei Mädchen, meine Frau und ich. Durch die geöffnete Tür hörten wir aus der Küche das Radio. Die sonntägliche "Kunstgeschichte" wollte ich Claudia ursprünglich als Überraschung zu unserem achtzehnten Hochzeitstag am 18. August schenken: meinen Text über das geheimnisvolle Porträt einer Dame, deren Aura soviel mit der Ausstrahlung meiner Frau gemeinsam hat. Das Ölgemälde, das seit langem bei uns im Wohnzimmer hängt, stammt mutmaßlich aus den 1920er Jahren. Der Name des Porträtisten war uns mittlerweile bekannt, die Identität der auf einem Kanapee sitzend dargestellten Frau jedoch nicht.

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Jetzt schauns doch bitte nicht immer weg, Fräulein Lucy, sagt er schon wieder, der Herr Coschell. Dieses Österreichisch ist schon eine drollige Sprache. Putzig irgendwie. Wie alt mag er sein, der Herr akademische Maler? Vierzig, fünfundvierzig vielleicht. Also fast so alt wie Papa! Trotzdem, fesch ist er schon ...

Ich glaube, die Ilse hatte ein Techtelmechtel mit Herrn Coschell. Angeblich malte er sie sogar nackt. Und das in einer ziemlich anzüglichen Pose. Zustände sind das wie in den Stücken von diesem Herrn Doktor Schnitzler! Der ist ja auch ein Wiener. Das erfuhr ich alles von Ilse. Sie schwärmt immer so von ihrem Max. Sie nennt ihn als Einzige Max, obgleich er doch Moritz heißt.

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Er öffnete die Türe. Und war zunächst nur überrascht. Denn so sehr der frühmorgendliche Angriff gegen die Wohnungstür dem Bild entsprach, das er sich von dieser Situation ausgemalt hatte, so sehr konterkarierten die beiden Männer, die ihm in Begleitung des Hausmeisters Schebesta gegenüber standen, eben dieses. Keine stiernackigen Schlägertypen in schwarzen Ledermänteln und breitkrempigen Hüten standen da im fahlen Licht des Stiegenhauses vor ihm. Vielmehr hatte er es mit Männern zu tun, wie man sie aus Amtsstuben und Lehrerzimmern kannte. Zwei unauffällige Gesichter unter akkuraten Scheiteln, zwei langweilige Allerweltsanzüge samt dezent gemusterten Krawatten, darüber Staubmäntel, und auf der Nase des älteren der Männer eine Nickelbrille, in deren blanken Gläsern er selbst sich spiegelte. Der bebrillte Oberlehrer sprach auch so, als müsste er morgens die vollständige Anwesenheit seiner Schüler überprüfen: "Moritz Coschell, eigentlich Moritz Kocheles, Kunstmaler, geboren am 18. September 1872?"

Um ein Haar hätte Coschell mit "anwesend" geantwortet. Stattdessen nickte er nur stumm. "Ich nehme an, Sie wissen, warum wir hier sind?" Wieder nickte er wortlos. "Ich darf Sie ersuchen", der Mann sagte wirklich: ersuchen, "ich darf Sie ersuchen, sich anzukleiden, Ihre Dokumente, Geld, Schmuck und einige Kleidungsstücke zusammenzupacken und uns zu begleiten."

Er sagte wirklich: begleiten. Mit diesem Wort drückte er die Eingangstüre zur Gänze auf und trat am Wohnungsinhaber vorbei in den Korridor. Der andere folgte ihm. Und auch der Schebesta wand sich die Wand entlang ins Zimmer. "Sie brauchen nicht viel: Wäsche zum Wechseln, Waschzeug - ein kleiner Koffer genügt", sagte in verbindlichem Tonfall der ältere Hüter eines Gesetzes, das Menschen wie Moritz Kocheles jedes Rechtes und oft genug auch des Lebens beraubte.

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Wenige Wochen zuvor hatte uns der behandelnde Onkologe mitgeteilt, dass die genetische Untersuchung der Tumorzellen keine weiteren Therapieoptionen eröffnet hatte. Da wir von der Möglichkeit ausgehen mussten, dass Claudia unseren Hochzeitstag nicht mehr erleben würde, hatte ich die Radioredakteurin gebeten, den Sendetermin vorzuverschieben.

Die Erzählung wurde am 16. Juni ausgestrahlt. Lauschend lagen wir im Halbdunkel, hielten einander an den Händen und hatten schließlich Tränen in den Augen, als Joseph Lorenz mit meinen Worten endete: "Man muss etwas, das man liebt, nicht unbedingt benennen können!"

Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von einem mir unbekannten Mann. Nachdem er seinen Namen kurz und undeutlich genannt hatte, begann er das Gespräch mit dem Hinweis, dass er solche Radiosendungen sonst eigentlich nie höre, und schloss an diese Einleitung sogleich die Frage an, ob ich an Wiedergeburt glaube? Ich verneinte und hörte, bevor ich das Gespräch beendete, gerade noch, dass sich der Anrufer anschickte, mir Beweise für seine Theorie zu unterbreiten, derzufolge meine Frau die Inkarnation der Dame auf dem Ölbild sei.

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Noch immer unfähig, ein Wort zu erwidern, machte Coschell einige Schritte in Richtung Kabinett, hielt kurz inne und überlegte, ob er seine Situation etwa dadurch verbessern könnte, dass er den Männern anböte, Platz zu nehmen. Während der Hausmeister im Hintergrund der Szene probeweise einige Schubladen öffnete und in Schränke spähte, hatte es sich der jüngere Gestapo-Mann ohnehin schon in einem der Fauteuils bequem gemacht. Sein mutmaßlicher Vorgesetzter betrachtete mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und im Zimmer auf- und abgehend die Bilder an den Wänden. Unter anderen Umständen hätte man den Eindruck eines interessierten Ausstellungsbesuchers gewinnen können. Als sich ihre Blicke trafen, meinte er in der Miene des Polizisten einen Ausdruck des Bedauerns über die ungenügenden Manieren seines Untergebenen auszumachen.

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Etwa zehn Tage nach der Ausstrahlung der Sendung erhielt ich dann je ein E-Mail von Herrn Doktor Nolte, einem Kinderarzt in Marburg an der Lahn und Sammler von Coschell-Bildern, und von Herrn Büttner, einem weiteren Sammler, der im mittelfränkischen Lauf an der Pegnitz lebt. Beide waren durch Herrn Dr. Walda, Direktor des Kunstmuseums in Dortmund, den ich bezüglich unseres Porträts kontaktiert hatte, auf mich und das Bild aufmerksam geworden, das auch in einem Online-Beitrag zur Radiosendung zu sehen war. Der Sammler aus Lauf schrieb mir, dass nach seiner Einschätzung ein Frauenporträt von Moritz Coschell, das 1904 in der Großen Berliner Kunstausstellung gezeigt worden sei, Ähnlichkeiten mit der auf unserem Bild dargestellten Dame hätte. Da es sich bei dem beigefügten Bild um eine Schwarz-Weiß-Reproduktion aus dem Ausstellungskatalog handelte, war ein Vergleich mit dem Gesicht auf dem farbigen Ölbild schwierig.

Wir korrespondierten hin und her, schließlich erhielt ich eine umfangreiche Aufstellung der von Coschell in Berlin zwischen 1901 und 1913 ausgestellten Bilder. Im Ausschlussverfahren suchte ich die Titel jener Bilder heraus, unter denen sich eventuell das Ölbild in unserem Wohnzimmer befunden haben konnte, oder zumindest ein weiteres Porträt derselben Frau: Fräulein Sylvia Levisohn, Frau M.M., Frau H.B., Frau Margot U., Annemarie. Doch es gab in den Katalogen leider keine Abbildungen der aufgelisteten Exponate.

Mittlerweile verschlechterte sich Claudias Allgemeinzustand zunehmend. Zum Gewichtsverlust kamen Sehstörungen und kaum beherrschbare Knochenschmerzen. Trotzdem nahm sie in diesen Tagen, die sie auf unserer Wohnzimmer-Couch zu Füßen des Porträts zubrachte, weiterhin lebhaft Anteil an den Ergebnissen meiner Recherchen. In den Gesprächen mit Freunden und Familienmitgliedern, die gekommen waren, um sich von ihr zu verabschieden, verwies sie nun immer wieder auf die Geschichte und die Bedeutung des Bildes. Am 28. Juli frühmorgens um halb sieben starb meine Frau zu Hause.

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In diesem Moment fragte sich der Maler, ob das Grauen, das von der Amtshandlung der beiden ausging, durch deren pedantisch korrektes Verhalten verstärkt oder gemildert wurde. Wäre die Situation vielleicht leichter zu ertragen, würden die Männer brüllen, ihn demütigen, ihn schlagen? Beinahe schien es ihm tatsächlich so, dass ein verbrecherisches Regime, das in der Lage war, brave Familienväter zu Häschern, korrekte Beamte zu Schlächtern zu machen, schrecklicher sei als eines, das sich alleine auf polternde Schläger stützte. Mit einer Geste, die mehr einladend als auffordernd wirkte, bedeutete der Vorgesetzte ihm, der erteilten Anordnung nun unverzüglich nachzukommen. Eine Viertelstunde später hatte Coschell sich flüchtig rasiert und angekleidet und den kleinen Lederkoffer gepackt. Solcherart reisefertig trat er zurück ins Zimmer.

Dort stand der Polizeibeamte und betrachtete das Porträt, das über der Biedermeier-Kommode hing. Unwillkürlich folgte Coschells Blick dem des Polizisten. Augenblicklich stellte sich seine Erinnerung an die Nachmittage im Berliner Atelier ein, an denen er an diesem Gemälde gearbeitet hatte. Eine Geburtstagsüberraschung für den Bankier Paul Heinrich Wiskott sollte das Bild nach dem Willen von dessen Tochter werden. Anfangs hatte sich Lucy beim Modellsitzen offensichtlich unwohl gefühlt. Unnatürlich steif war sie auf dem grünen Kanapee gesessen. Calvinistisch verkrampft, hatte er sich bei der ersten Sitzung gedacht und dabei still in sich hineingelächelt: das Fegefeuer der Protestanten befindet sich bereits im Diesseits. Erst nachdem er einige Episoden aus seiner Jugend in der Leopoldstadt und ein paar Erlebnisse aus dem Feld erzählt hatte, hatte sich die junge Frau mit dem kastanienbraunen Haar entspannt. Und als er sie am Beginn der vierten oder fünften Sitzung mit dem fliederfarbenen Seidenschal überrascht hatte, war das Eis gebrochen gewesen. An diesem Tag schenkte sie ihm erstmals diesen unter den ein wenig schweren Lidern gleichermaßen sehnsüchtigen wie wissenden Blick.

Nur einmal vorher war es ihm gelungen, die Seele eines Menschen in dessen Augen so trefflich sichtbar zu machen. Damals, im Jänner 1916 in der Bukowina, hatte er unmittelbar nach der Schlacht von Toporoutz im Feld ein Porträt des Oberst Josef Trauttweiler von Sturmberg gemalt. Die traurige Verzweiflung im Blick des Ranghöheren war körperlich greifbar gewesen.Er, Coschell, war später bei Zurin in russisches Artilleriefeuer geraten und mit dem "Signum Laudis" ausgezeichnet worden.

"Sind wir soweit?" Der Mann mit der Oberlehrermiene stand neben ihm. "Meine Frau", drängte es jetzt aus dem Maler heraus, mit einer Geste gegen das Bild, "ich musste sie und den Buben in Dortmund zurücklassen." "Ja, die Nürnberger Rassegesetze! Da kann man nichts machen."

Die Fahrt in dem offenen Lastwagen ging den Ring entlang. Immer mehr Menschen drängten sich auf der Ladefläche. Auf der Höhe des Burgtheaters erfühlte Moritz Coschell in der Innentasche seines fadenscheinig gewordenen Tweedsakkos den ersten Brief seiner späteren Frau. Seit seiner unfreiwilligen Übersiedlung nach Wien hatte er ihn stets bei sich getragen:

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"Sehr geehrter Herr Coschell! Ich möchte Ihnen im Anschluss an unsere heutige Sitzung vor meiner Abreise noch schnell einige Zeilen zukommen lassen. Sie haben mich einigermaßen durcheinandergebracht und ich habe gespürt, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, meine Prinzipien auf den Kopf zu stellen. Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie diesen Moment meiner Schwäche nicht ausgenutzt haben. Lassen Sie uns, bitte, Freunde werden und einander auf Basis einer seelischen Verbundenheit bald wiedersehen. Ihre ebenso verwirrte wie dankbare Lucy Wiskott."

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Lucys zweiter, wenige Wochen später verfasster Brief, hatte mit den Worten begonnen:

Zeichnung von Lucy Coschell

ARCHIV DES MUSEUMS FÜR KUNST UND KULTURGESCHICHTE DORTMUND

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"Mein Lieber! Jetzt ist es soweit! Der Moment ist gekommen, in dem ich einfach nicht anders kann, als dir meine Liebe zu gestehen ..."

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Eine Stunde später hielt der offene Lastwagen, auf dessen Ladefläche während der Fahrt durch die Gassen der Innenbezirke noch knapp zwei Dutzend weitere Menschen gepfercht worden waren, vor der Schule in der Malzgasse. Einige der Festgenommen wussten zu erzählen, dass man in diesen Sammellagern so lange festgehalten wurde bis genügend "rassisch Minderwertige" und "politisch Unzuverlässige" beisammen waren, damit es sich lohne, einen Zug zu einem der Arbeitslager zusammenzustellen. Angesichts der heute demonstrierten Effizienz der Häscher würde dies wohl nur wenige Tage dauern. "Runter mit euch, ihr jüdisches Gesindel! Marsch, marsch!", bellte ein offenbar aus dem Altreich stammender SS-Mann. Ungeduldig schlug er mit einer Reitgerte an den Schaft seines Stiefels. "Oder muss ich euch erst Beine machen?!" Steif durch die morgendliche Kälte und durch das lange Stehen kletterte Moritz Coschell vom Lastwagen. Um ihn herum sprangen die Jüngeren und Kräftigeren bereits herab. In dem Gedränge rutschte ihm der Koffer aus der Hand, schlug aufs Trottoir und verteilte seinen Inhalt zwischen den Beinen der Laufenden und Strauchelnden. Er bückte sich, um seine Habseligkeiten zusammenzuraffen, wurde angerempelt und fiel hin. Jemand reichte ihm eine helfende Hand. Zu seiner Überraschung steckte diese Hand im Ärmel einer schwarzen Uniform.

"Herr Oberleutnant sind nach dem russischen Angriff bei Zurin ausgezeichnet worden, hab ich recht?" Der Uniformierte deutete auf den Orden, den der Maler am Revers seines Mantels trug. "Herr Oberleutnant werden sich nicht an mich erinnern. Ich bin der Schneider Johann. Ich war die Ordonanz vom Oberst Trauttweiler. Aber jetzt is keine Zeit für Heldentaten, Herr Oberleutnant. Wenn S’ net krepieren woll’n, dann schaun S’, dass ihna aus dem Staub machen können, bevor angetreten und durchzählt wird. Sperr’n S’ Ihna in einem von den Klosetts ein, und sobald die Luft rein is’: nix wie weg durch den Seitenausgang in den Schulhof. Im rechten hinter’n Eck gibt’s ein kleines Türl, das was auf die Augartenstraße geht. Viel Glück, Herr Oberleutnant!"

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Am 18. September, Claudias (und auch Moritz Coschells) Geburtstag, brachte mir der Briefträger ein Paket von Herrn Büttner. Darin befanden sich eine von Moritz Coschell illustrierte Reproduktion der Zeitschrift "Le Figaro Illustré" aus dem Juli 1907 und der Bericht eines Forschungs- und Ausstellungsprojektes des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund zu Moritz Coschell. Begierig darauf, vielleicht doch noch einen Hinweis auf die Identität der Frau auf unserem Bild zu finden, studierte ich die Schriftstücke. In der Publikation des Dortmunder Museums stieß ich auf ein mit Bleistift angefertigtes Porträt einer Dame, das Coschell mit seinem Namen und dem Zusatz "Wien 1939, Weihnachten" signiert hatte. Und obwohl auf der Bleistiftzeichnung die Frisur der Frau kürzer, das Gesicht schmaler und die Augen trauriger waren als auf dem Ölbild, konnte es keinen Zweifel geben: Es handelte sich um dieselbe Person: um Lucy Coschell, die Frau des Malers! In diesem Augenblick wusste ich mich eines Sinnes mit ihm. Eines Sinnes in dem Versuch, bleibendes Zeugnis zu geben, bleibendes Zeugnis einer großen Liebe.

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