Eugène Delacroix' "Die Freiheit führt das Volk"

GEMEINFREI

"Der Tod und die Freiheit" von Christa Nebenführ

Im Pariser Louvre ist das bekannte Revolutionsgemälde "Die Freiheit führt das Volk" von Eugène Delacroix (1798-1863) ausgestellt. Im selben Raum befindet sich auch das drei Jahre früher entstandene Skandalbild "Der Tod des Sardanapal" desselben Malers, in welchem der Herrscher Sardanapal die Freiheit besitzt, seine Tiere, seine Diener und seine Frauen mit in den Tod zu nehmen. Christa Nebenführs "Kunstgeschichte" oszilliert entlang dieser beiden Monumentalbilder um Begriffe wie Freiheit und Macht, aber auch um Gefühle wie Angst oder Scham.

"Der Tod des Sardanapal" (Ausschnitt)

"Der Tod des Sardanapal" (Ausschnitt)

GEMEINFREI

Der Anblick einer Entblößung oder einer Wunde lässt das Auge weiterwandern wie ertappt, aber der flüchtige Eindruck hat sich schon eingeprägt, und es kehrt zurück um sich zu vergewissern, dass es keiner Täuschung durch eine überhitzte Phantasie erlegen ist. So muss es Josef Winkler ergangen sein, als er die schwarze Küche betrat und seinen Vater nackt in der Zinkbadewanne liegend vorfand. So erging es mir, als mein Blick in der überfüllten Straßenbahn auf einen Kampfhund fiel, der in meine Richtung starrte. Sein Fell glänzte tiefschwarz wie das Ledergeschirr um sein Maul, nur seine Erektion war dunkelgrau. Ich hatte den Blick abrupt abgewandt und war beinahe sicher gewesen, mich geirrt zu haben. Aber ich hatte mich nicht geirrt.

Und es erging mir nicht anders, als ich im Pariser Louvre Eugène Delacroix' "Die Freiheit führt das Volk" betrachtete. Die Erinnerung an geläufige Reprographien hatte mir die Marianne mit einer einzelnen entblößten Brust wie bei einer Stillenden oder einer Amazone vorgespiegelt. Aber diesmal hatte ich mich geirrt: es sind beide. An der linken Schulter hängt ein halber Ärmel, während die rechte völlig nackt den ausgestreckten Arm mit der französischen Tricolore trägt. Vor einer Front Entschlossener und über einer Reihe Erschossener oder anders zu Tode Gekommener schwingt sie das Banner der Freiheit. Ich wagte kaum die vergessene linke Brust anzusehen und den Faltenwurf zu studieren, mit dem Eugène Delacroix verbirgt und enthüllt, wie er das auch mit dem blutigen Hemd des Toten zu ihren Füßen tut. Dieser trägt nur einen Strumpf, und ein anderer Toter nur einen Schuh. Von beiden sieht man, genau wie von der fahnenschwingenden Marianne, einen einzelnen nackten Fuß.

Christa Nebenführ

DOMINIK HILLISCH

Christa Nebenführ wurde 1960 in Wien geboren, wo sie nach einer Schauspielausbildung und einem Philosophiestudium als Autorin, Herausgeberin und Journalistin lebt. Neben Lyrikbänden und literarischen Essays erschienen von ihr der Roman "Blutsbrüderinnen" sowie zahlreiche Texte zu alltagspolitischen und philosophischen Themen.

Als die Nachtschwester nach dem letzten Atemzug meines Vaters das Spitalshemd von der Leiche streifte, erschrak mein Blick vor seiner Brust nicht weniger als vor den nackten Einzelheiten bei Delacroix. Das vertraute, schlohweiß gewordene Haupt saß auf einem Körper, dessen Brust von einem dunklen Vlies bedeckt war. Der hochbetagte Tote überraschte mich zuletzt noch mit seiner Jugend. Josef Winkler hat mit sechzehn oder siebzehn Jahren die schwarze Küche betreten und seinen Vater nackt in der flachen Zinkbadewanne liegen sehen. Damals brachte er dieses Bild noch nicht mit dem Schaudern in Verbindung, das ihn erfasste, wenn er in Dracula-Filmen Christopher Lee in seinem Sarg liegen sah. Erst als er "Der Leibeigene" schrieb, schoben sich die Bilder ineinander.

Wie viele Jahre habe ich heimlich an der Totenrede meiner Eltern geschrieben? Und jedes Mal, wenn ein Satz ein Geheimnis zu enthüllen schien, sagte ich mir, dass Gott über dieser Ruchlosigkeit keine Blitze schleudern und keine Hand den Sargdeckel von innen anheben und sich mit einer Zurechtweisung an mich wenden würde. Tatsächlich saß ich beim Leichenschmaus unter den Verwandten und wunderte mich geradezu über die gelöste Stimmung, die nicht von der vertrauten Wut meines Vaters getrübt wurde.

Katharina Knap

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Katharina Knap gastierte nach Engagements in Graz, Mainz, Leipzig oder Stuttgart unter anderem mit dem Burgtheater-Ensemble bei den Salzburger Festspielen. 2014 wurde sie von der Zeitschrift "Theater heute" zur "Nachwuchsschauspielerin des Jahres" gekürt. Zur Zeit ist sie am Landestheater Linz in Lessings "Nathan der Weise" als Sultanin zu sehen.

Im selben Saal des Pariser Louvre hängt auch "Der Tod des Sardanapal" von Eugène Delacroix. Im Verhältnis zu dieser monumentalen Todesorgie nimmt sich das kaum halb so große Revolutionsbild beinahe unscheinbar aus. Statt eines entblößten Busens und dreier nackter Füße zeigt "Der Tod des Sardanapal" einen bacchantischen Massenmord an nackten Menschen, und alle zehn beringten Zehen des Herrschers. Sardanapal ist kein Revolutionär, sondern das Ziel der Revolutionäre, die schon zum Sturm auf den Palast ansetzen, angeführt vielleicht von einer barbusigen Galionsfigur, die nicht gewillt ist, ihr Leben zu Füßen eines Allmächtigen auszuhauchen.

Mein Vater hat sein Leben ausgeröchelt.
Nach der ersten durchwachten Nacht war ich nach Hause gefahren, weil die Müdigkeit Fröstelschübe auslöste. Es gab im Krankenhaus keine Ecke, in der ich eine Runde Schlaf bekommen hätte können. Von der gepolsterten Bank im nächtlich leeren Eingangsbereich war ich schnell vertrieben worden. Gegen elf Uhr vormittags wurde ich vom Telefonanruf des Stationsarztes geweckt: Die Verfassung meines Vaters hätte sich seit Freitag drastisch verschlechtert, und er würde nun mit den stärksten vertretbaren Schmerz- und Sedierungsmedikamenten versorgt. Ich fuhr erst abends wieder hin. Mein Vater lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und war nicht mehr ansprechbar. Jeder Atemzug war von einem rasselnden, gurgelnden Geräusch begleitet. Die Nachtschwester kam, um mit einem Schlauch den Schleim aus seinem Rachen abzusaugen. Er verzog das Gesicht und hielt den Schlauch mit seinen Zähnen fest um weiteres Eindringen zu verhindern. Ich holte mein Handy aus der Tasche, suchte nach „röcheln“ und „Tod“ und bekam sofort die Erklärung für ein Phänomen, von dem ich noch nie gehört hatte, und das mir nun am Bett des Sterbenden zum ersten Mal begegnete. Das Todesröcheln sei nicht schmerzhaft, das Absaugen des Schleims dagegen schon. Ich hinderte die Schwester daran, den Schleim ein zweites Mal abzusaugen.

Wenige Tage vor seinem Tod hatte mein Vater zu mir gesagt: "Du und ich, wir beide sind hinter unseren Möglichkeiten zurückgeblieben, meine ich."
Ich hatte mir davor tausendfach ausgemalt, dass mein Vater in seiner letzten Stunde versuchen könnte, sein Leben auf den Prüfstand zu stellen. Dabei nahm ich mir vor, ihm zu antworten, dass niemand außer ihm selbst entscheiden könne, ob er es als gelungen betrachte. Erst Monate nach seinem Tod wurde mir klar, dass er die Frage mit der Bewertung unserer beider Leben tatsächlich gestellt, und sich damit zugleich zur Instanz über mich aufgeschwungen hatte. Im Moment dieser halb fragenden Feststellung hatte ich das Gefühl einer Enttäuschungsbeichte. Dass er von mir enttäuscht war, hatte er oft genug wiederholt. Nun aber offenbarte er zum ersten Mal, was ich schon über dreißig Jahre davor gedacht und sogar aufgeschrieben hatte: dass er von sich selbst enttäuscht war.

Sardanapal kommt dem langen, quälenden Eingeständnis seines Scheiterns mit einem letzten Aufleuchten der Macht zuvor. Mein Vater hat uns immerhin am Leben gelassen.

So weit dachte ich vor fünfzehn Jahren im Pariser Louvre nicht. Mein Mann hatte Euro-Disney übernommen und ich den Louvre, und nachdem ich im knipsenden Gewühl vor dem Bild der verschlagen Grinsenden die Kinder verloren und wiedergefunden hatte, widmete ich den weiteren Nachmittag den Franzosen. Napoleon hier und Napoleon da, Napoleon in der Schlacht und Napoleon bei der Krönung. Und dann Marianne und Sardanapal. Ich sah das Bild zum ersten Mal. Das einzige Wesen, das sich dem Tod zu widersetzen scheint, ist das Araberpferd des Herrschers, das der schwarze Sklave am Zaumzeug heranziehen muss, um ihm den Dolch bis zum Schaft in die Brust zu stoßen. Die Menschen lassen sich auf Geheiß des Herrschers hinmetzeln, und folgen damit nicht weniger einer Idee als die Revolutionäre unter der Fahne der Freiheit.

Vor mehr als zwanzig Jahren - damals lebten meine Großmütter noch - breitete ich vor einem Arzt eine wiederkehrende Wunschphantasie aus: Vater, Mutter, Großmutter und Großmutter würden zu einem gemeinsamen Urlaubsflug aufbrechen, von dem mein Bruder Bernhard und ich ausgenommen wären. Da meine Großmütter nie in ihrem Leben ein Flugzeug bestiegen haben, war es eine ganz spezielle Herausforderung, sich die Umstände und Beweggründe auszumalen, die diesem Ereignis vorausgingen. Die Folgen waren klar: Das Flugzeug stürzte ab. Der Arzt reagierte wie das französische Bürgertum 1827 auf Delacroix’ wüste, blutrote Orgie. Er rief aufgebracht: "Aber Sie wünschen doch niemandem den Tod!"

Neun Jahre vor dem Tod meines Vaters hat meine Mutter den Freitod gewählt. Der Begriff nötigt Auge und Ohr, über diese Bezeichnung der Ungeheuerlichkeit hinweg zu huschen wie über eine Entstellung oder Blöße. Es gilt genauso als ausgemacht, dass niemand entstellt ist, wie dass niemand freiwillig aus dem Leben scheidet.

Eine Nackte liegt hingeworfen zu Füßen Sardanapals. Ihr Haar berührt sein Gewand, ihr gebogener Rücken strahlt als hellster Moment des Gemäldes auf dem scharlachroten Bett. Die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt gemahnt sie an eine Gekreuzigte und scheint den Nacken einem tödlichen Beil darzubieten. Das halbe Profil ihres Gesichtes zeigt keine einschüchternde Entschlossenheit, wie jenes der fahnenschwingen Marianne. Aber noch weniger als Wut oder Aufbegehren ist Angst darin zu finden. Die Frau soll Myrrha, Sardanapals bevorzugte Geliebte sein.

"Ich glaube ja, dass Sie ihn noch immer lieben" hatte der Arzt, der nicht glauben wollte, dass man sich den Tod eines anderen wünschen könne, auch gesagt, nachdem ich beklagt hatte, mich von dem Mann, mit dem ich lebte, im Stich gelassen zu fühlen. Er sagte auch, dass er in der Beziehung zwischen dem Mann, mit dem ich lebte und mir noch Hoffnung sehe. Diese lag offenbar darin, dass ich ihn immer noch liebte.

Liebt Myrrha Sardanapal? Ist es ein Zeichen von Liebe, friedlich den Tod zu erwarten, wenn er durch die Hand des Geliebten vollstreckt oder durch sein Gesetz verhängt wird? Ist sie die einzige ohne Angst, weil sie sich gegen die Freiheit, ihrem Leben einen eigenen Wert beizumessen, entschieden hat? Fühlt sie, dass der größte Schmerz und die vollkommenste Wertlosigkeit darin bestehe, Sardanapal nicht mehr anzugehören und dienstbar sein zu können? Myrrha als Verkörperung der Ergebenheit und Marianne als jene des Aufbegehrens?

Das Besondere an Delacroix’ Darstellung ist die kraftvolle Weiblichkeit der Nationalfigur. Das ist keine fünfzehnjährige Jungfrau aus Orleáns, die mit der Standarte voranreitet, das ist eine Frau in den Zwanzigern, die sich um der eigenen und der Zukunft ihrer Kinder Willen in die Schlacht wirft.

Und noch etwas: Ist es Zufall, dass die orgiastische Leidenschaft eines Untergangs einem Mann zugeschlagen wird, und die revolutionäre eines Übergangs einer Frau? Es mag Zufall sein und ist es doch wieder nicht. Freiheit ist eine Idee; ebenso wie die Liebe und wie - bevor er uns ereilt - sogar der Tod. Mann und Frau sind Ideen. Und wem sie nicht zufallen, den zwingen diese Ideen, sie zu erfüllen.

Bilder zu enträtseln führt die Betrachtenden ins Labyrinth der eigenen Rätsel. Um diese, wenn schon nicht zu lösen, so doch wenigstens aufzuspüren, gilt es aber, sich vor institutionalisierten Entschlüsselungen abzuschotten. So durfte die barbusige Marianne mit der Tricolore in der rechten und einem Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in der linken Hand 1979 zwar den 100-Francs-Schein zieren, knapp vierzig Jahre später wurde sie jedoch auf Facebook zensiert. So schnell kann’s gehen. Die Freiheitshoffnungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts sitzen in der Falle wie der Lüstling Sardanapal, und werden im heranbrandenden Sturm der Digitalisierung untergehen. Marianne wird nicht mehr gebraucht, schon gar nicht auf Banknoten, die in absehbarer Zeit abgeschafft und durch einen jederzeit nachverfolgbaren digitalen Finanzverkehr ersetzt werden sollen. Keine Schnitzeljagden mehr. Und umso mehr auf einer Seite durchleuchtet wird, umso mehr wird auf einer anderen verhüllt. Aus "La Liberté guidant le peuple" wurde schon 1875 "La Liberté éclairant le monde". Die amerikanische Freiheitsstatue, ein Geschenk der Franzosen, wurde anders bezeichnet als Delacroix’ Marianne: Die Freiheit führte nicht mehr das Volk aus der Unterdrückung, sondern erhellte die ganze Welt. Eleganter kann man revolutionäres Gedankengut kaum im Keim ersticken!

Der französischer Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi soll überlegt haben, die Statue mit einer Jakobinermütze wie Delacroix’ Freiheitsikone auszustatten. Das war ihm aber dann doch zu heiß, genau wie ein nackter Busen. Also erhielt die amerikanische Liberté die Fackel des Fortschritts in die Hand und ein züchtiges Wallekleid über ihre Blößen. Bei der Einweihungszeremonie am 28. Oktober 1886 wurden nur zwei Frauen zugelassen, unter ihnen die Gattin Bartholdis, was einige Suffragetten dazu bewegte, sich in Booten zu nähern und das Frauenwahlrecht zu fordern. Die afroamerikanische Zeitung Cleveland Gazette höhnte überhaupt: "Die Vorstellung, dass die ‚Freiheit‘ dieses Landes ‚die Welt erhellt‘ ist zutiefst lächerlich."

Eingedenk dieser Lächerlichkeit sparte ich mir bei meinem Besuch im Big Apple gegen Ende des letzten Jahrtausends die 393 Stufen zum Inneren der Krone. Dafür stand ich vor den Panoramafenstern im 107. Stock des World Trade Centers, das im Namen einer bizarren Freiheit einige Jahre später in Schutt und Asche gelegt werden sollte. Und damit sind wir wieder bei Delacroix’ Revolutionsbild: Jene Besucherin, die es 2013 vorübergehend beschädigte, hat mit schwarzem Filzstift in der rechten unteren Ecke die Bezeichnung einer Internetkampagne gekritzelt, die eine unabhängige Untersuchung der Terroranschläge vom 11.09.2001 verlangt: AE911. Was hat die französische Juli-Revolution mit 9/11 zu tun? Beides sind faktische Ereignisse und Ideen zugleich.

Um dreiviertel vier verstummte das Todesröcheln meines Vaters mit einem Schlag. Die angekündigte Schnappatmung blieb aus. Mit dieser Plötzlichkeit überraschte er mich ein allerletztes Mal. Neun Jahre zuvor hatten ihn zwei Polizisten überrascht, als sie an der Wohnungstüre klingelten und meldeten, dass im Hof die Leiche seiner Frau liege.

Ich frage mich angesichts von Marianne und Myrrha, von welcher Idee sich meine Mutter in den Tod leiten ließ. Und in der Entscheidung darüber entwerfe ich eine Idee meiner Mutter.

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