Brückensprung

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Die Erforschung des Albtraums

Ein Drittel unseres Lebens sollten wir - idealerweise - verschlafen. Und dabei in schönen Träumen schwelgen. Doch viele Menschen leiden unter wiederkehrenden Albträumen.

Dann biegt manchmal ein Monster um die Ecke, oder wir werden verfolgt und (beinahe) umgebracht, fallen in einen tiefen schwarzen Abgrund oder werden gar selbst zur Mörderin, die sich, wenn sie schweißgebadet aufwacht, langsam darüber klar wird, dass sie nicht im ganzen Land zur Fahndung ausgeschrieben ist.

Albträume sind mit starken negativen Gefühlen wie Angst, Trauer, Ekel, Scham oder auch Wut verbunden. Aus solchen Träumen wachen wir oft mit Herzrasen auf und können uns meist auch noch sehr gut an das erinnern, was wir erlebt haben. Im Gegensatz zum normalen Traum, den das Gehirn selten abspeichert, bleibt der Albtraum nämlich relativ stark und lang in Erinnerung.

Die Wissenschaft weiß mittlerweile einiges über Albträume. Darüber, warum und bei wem sie gehäuft auftreten, welche Gehirnregionen daran beteiligt sind, aber auch, welche Funktionen Albträume für uns möglicherweise haben können.

"Das Glauben, was Albträume sagen oder bedeuten können, hat einen massiven Einfluss auf die Belastung durch Träume."

Die meisten Träume treten in einer Phase auf, die man als REM-Schlaf bezeichnet. REM steht für Rapid Eye Movement – die Lider sind geschlossen, die Augen bewegen sich schnell hin und her, doch der Körper ist wie gelähmt. Das Gehirn ist nachts dagegen weiter aktiv, das lässt sich neurologisch messen - während der Großteil des Körpers in einen Ruhemodus geht.

Der Frontallappen des Gehirns, der mit Rationalität und Entscheidungsfindung verbunden ist, der ist im Schlaf ebenfalls weniger aktiv. Auch deshalb ist alles so bizarr und instinktiv im Traum. Viele Menschen kennen das - man möchte schreien, hat aber keine Stimme mehr. Man möchte weglaufen, kommt aber nur ganz langsam voran. Die Erklärung: Wir sind, während des R.E.M Schlafes, eben wie gelähmt.

Körperlich messen kann man dann nach dem Aufwachen aus einem Albtraum Herzklopfen, rasenden Puls, Zittern oder Schwitzen. Die klassischen Symptome eines Menschen, der unter Stress steht. Wie eng das bunte, irre Treiben im Schlaf mit der Wirklichkeit zusammenhängt, das haben Wissenschaftler der Universität Genf im vergangenen Jahr in einer Studie publiziert.

"Der Hauptunterschied zwischen Bad Dreams und Albträumen ist, dass wir unter Albträumen auch tagsüber leiden.“

Skulptur eines schreienden Menschen

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Sie untersuchten dafür die „bad dreams“, also schlechte Träume. Nicht zu verwechseln mit Albträumen, betont der Psychiater und Neurowissenschaftler Lampros Perogamvros, einer der Studienautoren. Zumindest für die Wissenschaft besteht hier ein klarer Unterschied.

„Bei einem schlechten Traum haben wir auch negative Gefühle, wie Angst, Furcht, Bedrohung, aber wir wachen davon nicht auf, es ist unangenehm, aber nicht überfordernd. Tagsüber geht es uns normal. Beim Albtraum haben wir übertrieben negative Gefühle, von denen wir- meistens – auch aufwachen und dabei eben sehr aufgebracht sind. Das ist der Hauptunterschied zwischen Bad Dreams und Albträumen: dass wir unter Albträumen auch tagsüber leiden.“

Wahrscheinlich, so vermuten Forscher/innen, bereiten uns bad dreams im Schlaf darauf vor, bei echter Angst richtig zu reagieren. Schlechte Träume können uns also dabei helfen, negative Situationen im Alltag besser zu bewältigen. Doch für Albträume ist das nicht belegt. Vermutlich überschreiten wir in Albträumen eine Schwelle des Unwohlseins, die den positiven Nutzen zu Nichte macht.

"So ein Verfolgungstraum kann darauf hinweisen, dass im Wachzustand dieser Person irgendwas ist, was sie gerne vermeidet."

Schlafforscher/innen haben auch die verschiedenen Albtraum-Typen gesammelt und festgestellt: Am häufigsten geht es um das Bedroht werden und Weglaufen, gefolgt vom Sterben nahestehender Personen. Häufig sind auch Fall-Träume oder Träume vom Gelähmt sein, sowie dem Zu-Spät-Kommen.

Bis zu zehn Prozent der gesunden erwachsenen Bevölkerung leiden an einer Albtraumstörung. Sie haben etwa einmal pro Woche oder öfter einen Albtraum und leiden auch tagsüber noch an den Erinnerungen an die Nacht oder fürchten sich sogar davor einzuschlafen.

Das kann erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Depressionen, verminderte Leistungsfähigkeit und erhöhter Blutdruck können die Folge von Albtraumstörungen sein. Die Ursachen sind dabei manchmal banaler als man glaubt. Albträume können von einer Schlafapnoe verursacht sein, eine Atemstörung während des Schlafs. Auch Stress und Unzufriedenheit im richtigen Leben sind erwiesenermaßen Albtraum fördernd.

"Je mehr man das Gefühl bekommt, Kontrolle über die Träume zu haben, je weniger man sich von denen überwältigt fühlt, desto besser hilft dann auch die Therapie."

Wiederholt sich ein bestimmter Albtraum immer wieder, kann das ein Zeichen dafür sein, dass ein bestimmtes Problem im wirklichen Leben ungelöst bleibt. Der Traum spiegelt dann eine Stagnation in der Realität wider.

Aber manchmal bleiben die Albträume, obwohl der Stress oder die unglückliche Lebenssituation vorbei ist. Das kann man sich so ähnlich wie eine technische Störung vorstellen. Der Albtraum läuft, völlig grundlos, in Endlosschleife.

Wenn sich die Albträume in den Gehirnwindungen verselbständigt haben, bedarf es ein wenig Übung, sie wieder loszuwerden. Beim Imagery-Rehearsal-Therapy-Verfahren zum Beispiel wird man zum Regisseur seines Albtraums und denkt sich ein neues, positives Ende aus. Mit viel Übung kann es tatsächlich gelingen, auch dem Traum diese neue Wendung einzubauen.

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