Nikolaus Harnoncourt

LUKAS BECK

Nikolaus Harnoncourt "Über Musik"

Auch vier Jahre nach seinem Tod wirkt Nikolaus Harnoncourt mit seiner unbändigen Leidenschaft für das Wissen um und die Wahrheit in der Musik unüberhörbar nach. Eine Reihe seiner Überlegungen zu Musikgeschichte, zeitgenössische Aufführungspraxis und der Bedeutung des musischen Denkens sind nun, herausgegeben von seiner Witwe Alice Harnoncourt, erschienen: "Über Musik - Mozart und die Werkzeuge des Affen".

Kulturjournal | 02 03 2020

Ein lebenslanges, drängendes Anliegen hat Alice Harnoncourt veranlasst, in den Archiven und Aufzeichnungen ihres Mannes zu stöbern, und seine teils unveröffentlichten Texte neu zusammenzustellen: "Ich finde, dass es heute in der Ausbildung noch immer nicht genügend Bewusstsein darüber gibt, dass es nicht reicht, sehr gut am Instrument zu sein, sondern dass man auch über die Musik selbst etwas erfahren muss, weil die Musik etwas aussagt. Und diese Inhalte sind so wichtig, da muss man sich wirklich drum bemühen."

Dieses Bemühen prägte den Cellisten und Dirigenten Zeit seines Lebens. Wann immer Nicolaus Harnoncourt über Musik sprach, egal ob bei den Proben zu den Orchestermusikern, bei den Aufführungen zu seinem Konzertpublikum oder zur interessierten Presse: Stets untermauerten durchdringende Blicke, vehemente Gesten und eine beherzte Stimme, was er in einfacher, aber bildreicher Sprache erzählte. Und früh auch schon niederschrieb. Zum Beispiel in seinen wegweisenden Büchern "Musik als Klangrede" und "Der musikalische Dialog".

"Die Jungen heute wissen gar nichts"

"Diese Bücher hatten über zehn oder 20 Jahre großen Einfluss auf Musiker und Hörer. Aber die Jungen heute wissen gar nichts. Sie haben nur einiges selbstverständlich übernommen, ohne zu wissen warum", beklagt Alice Harnoncourt. Also sammelte, redigierte und editierte sie etwas mehr als ein Dutzend der musiktheoretischen Texte ihres Mannes und gab sie in diesem Band heraus.

Von den Anfängen der abendländischen Musik bis zur Rolle der Musik im Schulunterricht der Gegenwart reichen Harnoncourts Überlegungen, die sich gleichermaßen an ein Fachpublikum und an völlig unbedarfte, aber interessierte Laien wenden. Etwa wenn es darum geht, die Entdeckung der frühen Mehrstimmigkeit zu erklären, oder wenn Harnoncourt mit derselben Leidenschaft über die unterschiedlichen Formen und Gebräuche des Vibratos schreibt.

Von der Technik des Vibratos bis zum Zeitgeist

"Solche technischen Details hab ich dazwischen immer wieder hineingegeben, ich dachte, es schadet ja nichts, wenn die Leute das auch lesen", sagt Alice Harnoncourt. Es schadet aber auch nichts, sich wieder einmal die gesellschaftliche und familiäre Situation vor Augen zu führen, aus der heraus Wolfgang Amadeus Mozart vom Wunderkind zum internationalen Star und später zum gescheiterten, völlig verarmten Außenseiter wurde.

Historisches Wissen als Voraussetzung

Gemeinsam gründeten die Harnoncourts das international renommierte und vielfach preisgekrönte Original-Klang-Ensemble Concentus Musicus, das bis heute für akribische Recherche zu historischer Aufführungspraxis und Instrumentenkunde steht. Viele dieser Fragen nach dem Wie und Warum hinter den Partituren seien aber selbstverständliche Aufgabe eines Musikers, wie Alice Harnoncourt meint.

So vehement und unmissverständlich die Herausgeberin ihre - und auch seine - Position vertritt, so unterhaltsam und zugänglich lesen sich die Texte, an deren Entstehung Alice Harnoncourt fast immer ihren Anteil hatte. Zum Beispiel auch jener Vortrag zu Mozarts 200. Todestag über die titelgebenden Werkzeuge des Affen, die ihn wesentlich vom Menschen unterscheiden.

Herausgekommen ist kein vertrackter, musikphilosophischer Band, sondern eine bunte Sammlung grundlegender, niederschwelliger Texte über die Musik und ihre Bedeutung für die Menschheit. Kurzweiliger kann Musikkunde kaum vonstattengehen.

Service

Nikolaus Harnoncourt, "Über Musik - Mozart und die Werkzeuge des Affen", Alice Harnoncourt (Hg.), Residenz Verlag

YouTube - Nikolaus Harnoncourt dirigiert und erklärt Bachs Brandenburgische Konzerte

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