Zeichnung von Gottfried Franz, Münchhausen

GEMEINFREI

Der Wahrheit die Ehre

Lügengeschichten und Fake News - "Diagonal" zur Person Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen.

Im 18. Jahrhundert war noch gern gesehener Gast an den russischen und deutschen Adelshöfen, wer mit Lügengeschichten die Gesellschaft zu unterhalten verstand. Vermutlich, weil die Anekdote, dass Münchhausen Enten einfängt, indem er Speckstücke an eine Leine bindet, die die Enten schlucken, und sich sodann durch die Lüfte tragen lässt, dermaßen fantastisch klingt, dass niemand auf die Idee kommen würde, sie zu glauben

Fakt ist: Im Mai 1720 hat Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen das Licht der Welt erblickt. Seine militärische Karriere hat ihn bis nach Russland und Finnland geführt. Dort hat er auch die Kunst des Geschichtenerzählens erlernt.

Als Page von Prinz Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, der die künftige Zarin von Russland heiraten sollte, erlebte der begnadete Erzähler das russische Militär und in Sankt Petersburg die russische Aristokratie. 1750 zurückgekehrt ins beschauliche Bodenwerder an der Weser, beeindruckte der Rittmeister seine Jagdfreunde mit Anekdoten.

Fake News bereits 1894

Heutzutage dienen Lügengeschichten nicht der Unterhaltung, sondern sollen die eine oder andere politische Agenda untermauern. 2017 wurde der Begriff Fake News ins Deutsche Wörterbuch aufgenommen. Donald Trump hat sogar stolz behauptet, den Begriff erfunden zu haben. Ein kurzer Faktencheck zeigt jedoch, dass bereits 1894 vor irreführenden Fake News in den Boulevardmedien gewarnt wurde.

Ohnehin haben die "falschen Nachrichten" kein leichtes (Über-)Leben mehr. In Österreich kann jeder dem Verein Mimikama mögliche Falschinformationen melden - dort wird dann umgehend nachrecherchiert und, wenn nötig, richtiggestellt. Die Plattform Correctiv wiederum arbeitet als Recherchezentrum für investigativen Qualitätsjournalismus.

"Münchhausen" mit Hans Albers

Auch in Zeiten vor den Sozialen Medien gab es übrigens die Möglichkeit, schnell und effizient das Volk zu erreichen, nämlich über das Kino. Als 1942 der Zweite Weltkrieg in seine düsterste Phase eintrat und die Entbehrungen der Bevölkerung unerträglich wurden, erteilte Propagandaminister Joseph Goebbels den Auftrag, die vermeintlich wahre Lebensgeschichte des Lügenbarons Münchhausen als farbenfrohes Fantasieabenteuer zu verfilmen. Ablenkung war das Gebot der Stunde. "Münchhausen", mit Hans Albers in der Hauptrolle, sollte ganz Hollywood in den Schatten stellen.

Tatsächlich gilt der berühmte Ritt auf der Kanonenkugel als eine der modernsten Trickaufnahmen dieser Zeit. Und auch sonst wurden keine Kosten und Mühen gescheut: Filmtechniker und Handwerker wurden vom Krieg freigestellt, um Braunschweig im 18. Jahrhundert nachzubauen, die Rationierung von textilen Materialien wurde aufgehoben, um historische Kostüme schneidern zu können, und 300 ausgehungerte Statist/innen wurden mitten im Krieg mit dem Zug von Berlin nach Venedig geschickt, um dort fröhlich Karneval zu spielen.

Als der Film "Münchhausen" im März 1943 im Ufa-Palast am Zoo in Berlin Premiere feierte, war das Zentrum der Stadt zwei Tage zuvor vom bis dahin schwersten Bombenangriff getroffen worden. Links und rechts vom Ufa-Palast stand kein einziges Haus mehr. Die Presse veröffentlichte dennoch glamouröse Bilder von Goebbels und Hitler bei der Filmpremiere. Auch das war ein gelungenes Lügenstück.

Starb gekränkt und verarmt

Übrigens hat Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen seine Geschichten nie selbst niedergeschrieben. Seine "Münchhausiaden" haben andere veröffentlicht und sind damit reich geworden. Münchhausen blieb die Schmach, nur noch als "Lügenbaron" bekannt zu sein. Er starb, darüber tief gekränkt und verarmt, 1797 im Alter von 77 Jahren in der niedersächsischen Kleinstadt Bodenwerder.

Text: Dominique Gromes, Infoboxen: APA

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