Menschen unterwegs beim Hamstern

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Hamstern

Egal ob in Österreich, Deutschland, den USA oder Australien: Die Supermarktregale für Toilettenpapier waren leer. Angesichts der Corona-Pandemie legten sich die Menschen Vorräte an, kauften größere Mengen Reis, Nudeln und Konserven.

Die "Corona-Krise" führte gleich zu Beginn zu einem Phänomen, das als "Hamstern" bezeichnet wird: das Einkaufen von großen Mengen an Lebensmitteln, Hygieneartikeln und sonstigen Bedarfsgegenständen aus Angst vor einem bevorstehenden Mangel. Diese Gefahr bestand hierzulande real nicht, doch sind "Panikkäufe" psychologisch verständlich.

"Die Menschen haben das Bedürfnis, etwas zu tun, um sich und ihre Familie zu schützen", sagt der Wissenschafter Steven Taylor, der ein Buch über die Psychologie von Pandemien geschrieben hat. Durch die unzähligen Bilder von Einkaufswagen voller Klopapier-Rollen in den sozialen Medien sei Toilettenpapier zu einem "Symbol für Sicherheit" in den Köpfen der Menschen geworden, sagt der Professor für Psychiatrie an der Universität von British Columbia in Kanada. Und indem man selbst auch welches kaufe, tue man bewusst etwas.

Schild an einem Regal

APA/DPA/KAY NIETFELD

Kein neues Phänomen

Die Rede vom Hamstern ist nicht neu, sie reicht zwei Jahrhunderte zurück. Bereis im 19. Jahrhundert begann der Begriff vom Tier auf den Menschen überzuspringen. Die Hochblüte des Begriffs liegt in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, in den Notzeiten der Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise.

In ökonomischen Lehrbüchern, wie etwa in Wilhelm Roschers „System der Volkswirtschaft“ von 1873, gilt der Hamster als Vorbild für den rational, wirtschaftenden Menschen. Die Erfindung des Hamsterns ist eng verwoben mit dem liberalen Kapitalismus, der vom bürgerlichen Staat begünstigt wird. Der Geist des Kapitalismus verurteilt die Luxussucht feudaler Fürsten als Kapitalvernichtung. Sein Leitbild ist der asketisch lebende Bürger, der emsig wie ein Hamster, das Kapital durch Investitionen vermehrt.

Doch bald kehrt sich die positive Bedeutung ins Negative. Der menschliche Hamster dient der Kapitalismuskritik, der rechten wie der linken, als Feindbild. Was die Einen als Kapitalbildung loben, verteufeln die Anderen als Ausbeutung. Der Hamstervorrat wird zum Raubgut.

Die Kritik am raffenden Kapitalismus tritt häufig im Kleid des Antisemitismus auf. Schon 1822 beschuldigt Hartwig von Hundt-Radowsky, ein Kritiker des Hamsterns und Vordenker des modernen Antisemitismus, die jüdischen Kaufleute, alles Mögliche, vor allem finanzielle Mittel, rücksichtlos zusammen zu hamstern. Noch beschränken sich die Wortgefechte um das Hamstern auf die Sprache der Eliten. Das ändert sich im Ersten Weltkrieg. Da wird Hamstern vom Kampfbegriff der Wenigen zur Alltagserfahrung der Vielen.

Hamstern um zu überleben

Adelige und Großbürgerliche hamstern, um ihren Lebensstil zu bewahren. Sie horten Bedarfsgüter, die sie auf dem Schwarzmarkt teuer aufkaufen. Der kleinbürgerliche Mittelstand hamstert, um die kargen Lebensmittelrationen aufzubessern. Der Preisanstieg auf dem städtischen Schwarzmarkt treibt die Menschen in das Umland. Sie tauschen bei Bauern Schmuck, Kleidung und andere Wertsachen gegen Essbares ein.

Ausgeschlossen vom städtischen Schwarzmarkt wie vom ländlichen Tauschhandel sind die proletarischen Unterschichten. Sie leben hamsternd von der Hand in den Mund, sie sammeln Abfälle, erbetteln Geschenke und stehlen manchmal Vorräte.

Das Hamstern verschwindet nach Kriegsende nur kurz und kehrt im Zweiten Weltkrieg wieder, obwohl die Nationalsozialisten versuchen, alles zu tun, um eine Hungerkrise zu vermeiden. Lebensmittelproduzenten müssen alle Erzeugnisse über den Eigenbedarf hinaus abliefern, Konsumenten können nur persönlich zugeteilte Rationen in den Geschäften kaufen. An- und Verkaufspreise sind staatlich geregelt. Trotzdem werden im Laufe der Jahre die Rationen immer geringer, der Schwarzmarkt blüht. Wer kann, geht wieder aufs Land hamstern. Doch die Nationalsozialisten stufen die Hamsterer als „Volksschädlinge“ ein. Im Extremfall droht dafür sogar die Todesstrafe.

Vom Negativen ins Positive

Auch nach Kriegsende endet, auf Grund der schlechten Versorgungslage, das Hamstern nicht. Aber es verändert sich vom Negativen ins Positive, Hamstern gilt als Beitrag der kleinen Leute zum Wiederaufbau Österreichs.

In den folgenden Jahren des Wirtschaftswunders heißt die Devise shoppen statt hamstern. Endlich gibt es wieder Waren, und - nach der Währungsreform - haben die Menschen auch wieder Geld in der Tasche. Die Vorratswirtschaft verlagert sich von der Speisekammer ins Geschäftsregal. Der Massenkonsum wird zum Schwungrad der Massenproduktion.

Krisen lösen Sorgen um Versorgungssicherheit aus

Doch Krisen wie der Öl-Schock im Jahr 1973, bringen den Motor des Wirtschaftswunders zum Stillstand. Schnell begreifen die Konsumentinnen und Konsumenten, dass die Erdölknappheit die gesamte Wirtschaft zu lähmen droht, und stürmen Tankstellen, Apotheken und Lebensmittelgeschäfte - es wird wieder gehamstert.

Doch Hamsterkäufe auf Grund von Ölkrisen und Reaktorunfällen, wie 1986 in Tschernobyl, sind nicht irrational sondern vielmehr ein rationales Nachfrageverhalten in der Erwartung von Angebotsbeschränkungen. Es ist die Sorge um die lokale Versorgungssicherheit in der globalen Weltwirtschaft.

Bilder leerer Regale schüren Panikkäufe

Allerdings stecken sich Hamsterkäufer in ihrem Verhalten gegenseitig an. Vor allem in der Coronakrise konnte man das gut beobachten. Je mehr die Menschen hamstern, umso schneller lehren sich die Regale, und diese Bilder schüren wiederrum Panikkäufe. Bei den aufgeschreckten Panikkäufern und - käuferinnen handelt es sich aber um eine Minderheit.

Laut einer Studie aus dem März 2020 vertrauen 94 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher auf die Sicherheit der Lebensmittelversorgung. Das Vertrauen ist am stärksten in der Wirtschaftswundergeneration der 66 – 75jährigen. Das schwächste Vertrauen zeigt die Globalisierungsgeneration der 18 bis 25jährigen. Es sind vor allem die Jüngeren und die Frauen, die die Abhängigkeit vom Weltmarkt hinterfragen und sich für Versorgungssouveränität stark machen. Immer mehr Bürger fordern, die Lieferketten lebenswichtiger Bedarfsgüter zu verkürzen. Stellt sich die Frage, ob es den Hamsterern von Klopapier um etwas Ähnliches geht, nämlich um ein Stückchen Souveränität in der Krise.

Gestaltung: Ernst Langthaler/oe1.orf.at