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Datenpunkte im Informationszeitalter

Die Radiokollegreihe "Datenpunkte im Informationszeitalter" rollt anhand von Ereignissen und Momenten der Technikgeschichte die Entwicklung der Informationsgesellschaft im 20. Jahrhunderts auf.

Jahreszahlen dienen als Ausgangspunkt für Beiträge über neue Ideen, Thesen, Erfindungen und Arbeiten. Ihnen gemeinsam ist, dass sie in der Vergangenheit Grundsteine für die Zukunft legten, auf die unsere Gegenwart im 21. Jahrhundert aufbaut. Seien es die ersten Ideen zu einer analogen Weltdatenbank, dem ersten Computervirus, die Entwicklung von Smartphones, oder das Farbfernsehen

1939: Die Sprechmaschine

1939 konnten die Besucher/innen der Weltausstellung eine sonderbare neue Maschine bestaunen. Eine Art Orgel, der adrett gekleidete Damen einzelne Worte entlocken konnten. Der Voder ("Voice Operation Demonstrator") war die neueste Kreation der berühmten Bell Labs und der Menschheit erster Versuch, die menschliche Stimme künstlich zu erzeugen. Musste man sich damals noch ziemlich anstrengen um aus den gelallten Silben Wörter auszumachen, so sind heute Computerstimmen von echten Stimmen kaum mehr zu unterscheiden.

Der "Voice Operation Demonstrator" singt "Auld Lang Syne".

1950: Turing Test

1950 schreibt der britische Mathematiker und Kryptographie Experte Alan Turing einen für die damalige Zeit ketzerischen Aufsatz. In "Computing Machinery and Intelligence" fragt er, ob es möglich ist Computer zu entwickeln, die wie das menschliche Gehirn funktionieren, also Intelligenz zeigen. Er beließ es nicht bei reinen Gedankenspielerei, sondern stellt sich einen Test vor, mit dem sich Mensch und Computer miteinander messen lassen.

Im Aufsatz nahm Alan Turing vieles von dem vorweg, was Jahre später unter dem Begriff Künstliche Intelligenz ein eigenes Forschungsfeld wurde. Ab den 90er Jahren wurden Turing Tests tatsächlich abgehalten. Die Maschine ging zwei ein paar Mal als Mensch durch - allerdings mit äußerst billigen Tricks. Als intelligent gelten Computer noch immer nicht.

1972: TCP/IP

Im Jahr 1972 bestand eine der großen technischen Herausforderungen darin, verschiedene Netzwerke miteinander zu verbinden. Eine Aufgabe, die Robert Elliot Kahn und Vinton Cerf erfolgreich meistern würden. Im Jahr 2004 sollten die beiden für ihre Verdienste mit dem Turing-Award ausgezeichnet werden.

In den späten 1960er-Jahren setzte man sich im amerikanischen Verteidigungsministerium intensiver mit Computernetzwerken auseinander. Im Vordergrund standen dabei Weniger Verteidigungszwecke, sondern eine gemeinsame Plattform für die Zukunftsforschung. Würden sich die aufkeimenden Ideen von künstlicher Intelligenz verwirklichen lassen? Und wenn ja, wie? Und welche Möglichkeiten gäbe es, um die Forschung an angewandter Informatik voranzutreiben?

„Arpa, die Einrichtung für zukunftsweisende Forschungsprojekte, finanzierte einige Duzend Universitäten in den USA. Zum Beispiel, um die künftigen Potentiale von künstlicher Intelligenz zu erforschen. Die Einrichtungen brauchten naturgemäß immer wieder die neuesten Computer für ihre Forschungen. Da Arpa sich das nicht leisten konnte, begannen sie stattdessen an der Idee eines Netzwerks zu tüfteln, um künftig Ressourcen gemeinsam nutzen zu können", erzählt Vinton Cerf .

Im Jahr 1974 veröffentlichen Kahn und Cerf ihre Arbeit mit dem Titel "A Protocol for Packet Network Intercommunication", welches das Übertragungsprotokoll TCP beschreibt. Es Zerlegt alle Informationen in kleine Teile, und gibt ihnen quasi eine Adresse für den Empfänger-Computer. Adressen die fortan „IP-Adressen“ heißen würden. Weitere vier Jahre später, 1978, teilte Cerf das ursprüngliche Protokoll in zwei Teile. Den TCP-Teil, der den Fluss zwischen den Datenpaketen und dem Hauptrechner kontrolliert, und dem IP-Teil, der die Adressierung und Weiterleitung der einzelnen Pakete ermöglicht. Der weltweite Standard TCP/IP ist geboren.

„Bob und ich hatten einige Lehren aus dem ARPANET-Projekt gezogen. Wir hatten durch die Trennung der Protokolle dafür gesorgt, dass das IP-Layer-Protokoll nichts über die darunter ablaufende Übertragung wusste. Daher waren die neuen Technologien später leicht in die vorhandenen Strukturen zu integrieren. Die Datenpakete wussten ja nicht, wie sie transportiert wurden - es ist wie eine Postkarte, die nicht weiß, ob sie gerade auf einem Fahrrad, einem Flugzeug oder einem Auto transportiert wird", sagt Cerf.

Das offene Design stellt es jedem frei, neue Protokolle und neue Anwendungen zu entwickeln. Derer gab es im Lauf der Jahre einige. Je schneller Übertragungsraten wurden, desto mehr Anwendungsgebiete, wie das Streamen von Filmen, Musik oder Spielen, erblickten das Licht der Online-Welt.

Eine Idee, die Vint Cerf seit den späten 1990er-Jahren begleitet: Die Entwicklung eines Sicherheitsnetzes fürs Internet, das nicht nur uns Menschen auf der Erde, sondern auch der Weltraumforschung zugutekommen soll. „Wenn Raumschiffe ihre Forschungsmissionen abgeschlossen haben, wollen wir sie als Internet-Knotenpunkt verwenden, und dadurch ein interplanetares Netz kreieren. Während also junge Menschen aufwachsen und neue Möglichkeiten für das Internet kreieren, wird dieses System langsam wachsen. Mitte des 21 Jahrhunderts wird es dann groß und stabil genug sein, um die Weltraumforschung zu unterstützen.“

1981: Chaos Computer Club

Es ist ein kurze, aber visionäre Anzeige, die am 1. September 1981 in der Berliner Tageszeitung TAZ erscheint. Unter den Pseudonymen Tom Twiddlebit und Wau Wolf laden Klaus Schleisiek und Herwart Holland-Moritz, besser bekannt als Wau Holland, andere, wie sie schreiben, „Komputerfrieks“, zu einem Treffen ein. Sie wollen nicht länger „unkoordiniert vor sich hinwuseln“. Die Anzeige thematisiert Gebiete in der IT, die nichts an ihrer Aktualität verloren haben. So fanden sich auf der Agenda damals schon Themen wie Copyright, Datenrecht, Verschlüsselung, sowie internationale Netzwerke.

Nicht nur in technischer, auch in kultureller Hinsicht sollte der Chaos Computerclub die Entwicklung von Gesellschaft und Technik begleiten. Eine eigene Zeitschrift mit dem Namen „Datenschleuder“ sollte ab 1984 eine Möglichkeit bieten, Interessierte mit Wissenswertem zu Technik und Innovation zu versorgen.

„Das war anfangs nur eine gefaltete A3-Seite, wo wir ein paar, damals echt spacige und wirre, Ideen versucht hatten unters Volk zu bringen und das war ein Meilenstein, weil wir damit im Grunde auch die Öffentlichkeit oder andere Leute, die die Ideen auch gut fanden, einbezogen haben", erinnert sich der Computeforensiker Peter Franck.

Je wichtiger Computer und IT wurden, desto größer wurde auch die gesellschaftliche Wahrnehmung des CCC für den gesellschaftlichen Diskurs. Groß war die Aufmerksamkeit naturgemäß, wenn Hackerinnen und Hacker des, mittlerweile dezentralisierten, Vereins zum Beispiel im Jahr 2017 bewiesen, dass Software, die für Wahlen eingesetzt wurde, fehlerhaft war. Oder 2008, als sie den angeblichen Fingerabdruck des Innenministers Wolfgang Schäuble nachgebildet hatten, um zu demonstrieren, wie leicht man biometrische Daten missbräuchlich verwenden kann.

Und natürlich im Jahr 2011 als Mitglieder des CCC den sogenannten Staatstrojaner genau untersucht hatten und beweisen konnte, dass sich die Spionage-Software nicht mit Grundrechten vereinen ließ. Dem politischen Diskurs, der mit der technischen Weiterentwicklung einher geht, widmet sich seit Oktober 2011 ein eigener Podcast: Logbuch Netzpolitik, an dem neben Tim Prittlove auch Linus Neumann, einer der ehrenamtlichen Sprecher des CCC mitwirkt.

„Es ist sehr wichtig, die Menschen informiert zu halten für diese Themen zu interessieren, mir sind diese Themen ja wichtig. Und deswegen nutze ich diesen Kanal, um über diese Themen zu sprechen", sagt Neumann.

Unter anderem, so die Jury-Begründung, weil der Verein seit Bestehen die gesellschaftlichen Folgewirkungen neuer Technologien beleuchtet, war der CCC im Jahr 2010 auch einer der sieben Haupt-Preisträger bei der Ars Electronica in Linz. Sei es ästhetisch, künstlerisch, technisch oder politisch: Die grundlegenden Themen, die bereits 1981 adressiert wurden, lange bevor Emails, online-Shopping oder soziale Medien den Alltag bestimmten, haben sich kaum verändert.

„Das worum es eigentlich immer geht ist: Entwickelt sich die Technik so, dass sie die Autonomie und die Selbstbestimmtheit der Individuen stärkt, oder bewegen wir uns hin zu in Ökosysteme, die von großen Konzernen kontrolliert werden, bewegen wir uns hin in Überwachungssysteme, die Regierungen ermächtigen. Und das ist der Kampf, um den es eigentlich geht", erklärt Linus Neumann.

Gestaltung: Sarah Kriesche und Anna Masoner