Samara Arena, Russland

AFP/MLADEN ANTONOV

Literarische Stadien-Erlebnisse

Vieles wurde und wird über den Fußball-Sport geschrieben, von Schriftstellern, Journalisten und Fans. Ein literarisches Ersatzprogramm zum kommerziell aufgeblasenen Fußball-EM-Spektakel, das um ein Jahr verschoben wurde.

Vieles wurde und wird über den Fußball-Sport geschrieben, von Schriftstellern, Journalisten und Fans. Wenn die Wörter zu Bällen werden und das Spiel munter hin und her geht, dann erhält das runde Leder seine Seele zurück, die es scheinbar schon verloren hat.

Birgit Riezinger war für die Tageszeitung „Der Standard“ als Sport-Journalistin tätig und schreibt für das Fußball-Fan-Magazin Ballesterer. Ihre Welt sind Gebrauchstexte mit Anspruch. Sie portraitiert mit Vorliebe starke Frauenpersönlichkeiten, wie zum Beispiel die US-amerikanische Fußballerin Megan Rapinoe, die seit langem für eine Gleichstellung bei der Bezahlung mit den Männern kämpft.

Ein Ausschnitt aus einem Online-Artikel für Radio FM4 über den Sieg der USA bei der Fußballweltmeisterschaft 2019 in Frankreich.

Megan Rapinoe breitete ihre Arme aus. Ihre Mitspielerinnen kamen von hinten angelaufen, herzten sie, feierten sie. Es dauerte bis zur 61. Spielminute, bis die US-Amerikanerinnen am Sonntagabend im Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich gegen die Europameisterinnen aus den Niederlanden in Führung gingen. Rapinoe, 34 Jahre alt, hatte soeben einen Elfmeter verwandelt. Rose Lavelle sorgte acht Minuten später für das 2:0. Dabei blieb es.

Eine Milieustudie der Welt der Fußballer

Mit seinem ersten Roman „Nicht wie ihr“ erregte der 28-jährige Tonio Schachinger Aufsehen im Literaturbetrieb. Ein Fußball-Star als Hauptfigur, das war ungewöhnlich. Eine Passage aus Schachingers Roman.

Seit Ivo am rechten Flügel spielt, muss er keine Tore schießen. Es ist gut, wenn er welche schießt, aber sie sind nicht mehr Teil seiner Identität wie früher. Er muss sich nicht vorbeidribbeln, key passes spielen, Flanken schlagen. Sein Spiel ist nicht „Ich gegen den Torhüter“ oder „Ich gegen die Welt“ sondern „Ich gegen Dich“, 1 gegen 1, immer wieder, bis niemand mehr übrigbleibt und der Ball im Netz liegt.

Ständig auf der Jagd nach dem Erfolg, viel Geld, Ehefrau, zwei Kinder, Geliebte und Selbstzweifel, das ist die Welt von Ivo Trifunovic. Man ist geneigt, die Figur des Ivo Trifunovic als Marko Arnautovic zu identifizieren. Seine Karriere begann in Österreich führte ihn nach Holland, Italien, Deutschland, England und schließlich nach China. Tonio Schachinger unterläuft allerdings den Versuch der genauen Zuordnung.

Thomas Trummer, Direktor des Kunsthauses Bregenz, schrieb folgendes Resümee zum Buch: Es ist ein Buch, das die Psyche des Profifußballs bloß legt, die weniger dümmlich ist als der beschränkte Wortschatz erahnen lässt, die aufzeigt, wie Fußballer, die wöchentlich mindestens einmal die Bühne massenhafter Identifikation betreten, im privaten Leben nach Sinn und sogar nach familiärer Geborgenheit suchen, die zwar überteuerte Autos und Analsex im Sinn haben, dennoch aber existenzielle Fragen aufbringen, und Beobachtungen von einer Präzision reifen lassen können, wie wir sie nur von literarischen Charakteren kennen.

Zwei Vereine, zwei Zugänge, ein Verlag

Die beiden „Fußballfibeln“ von Clemens Zavarsky und Thomas Lanz sind 2019 neben einer Reihe von Bänden von Fans anderer Vereine beim Culturcon Verlag erschienen.

Der Südtiroler Thomas Lanz, langjähriges Mitglied der Ultra-Fan-Gruppe des SK Rapid Wien, kam 1998 zum Studium nach Wien und schreibt unter anderem für das Fan-Magazin Forza Rapid. Er engagierte sich im Block West von Rapid Wien und war in den 2000er Jahren für die Organisation der inszenierten Tribünenbilder in der Kurve verantwortlich.

Eine Passage aus seinem Buch schildert den Zusammenprall mit Fans des griechischen Klubs PAOK Thessaloniki im Rahmen eines Europa-League Spiels.

Als dann mehrere hundert PAOK-Fans über die Laufbahn in Richtung Auswärtssektor kamen, war klar, was kommen würde. Pyro, Eisenstangen; Metallplatten und alles Mögliche mehr kam in den Block geflogen, wurde zurückgeschossen und kam wieder. Wir konnten den Riesenmob nicht vertreiben, wir konnten nur versuchen, solange dagegenzuhalten, wie es ging.

Am Abend nach einem verlorenen Derby gegen Rapid beginnt der Roman von Clemens Zavarsky über die Geschichte der Wiener Austria mit der Frage des Enkels an den Großvater: „Opa, wie war des, wie die Austria noch gut war?“

Und der Beginnt zu erzählen, über die Geschichte, Vereinspolitik und grandiose Spieler wie zum Beispiel Ernst Ocwirk, Nationalteamspieler und ein großartiger Techniker, wie man sie bei der Austria immer wieder finden konnte.

Die Austria hatte damals den Ruf, schön, aber nicht unbedingt effizient zu spielen. Ernst Ocwirk sollte das ändern. Aber in seinem ersten Spiel war alles noch ein bissl wie früher. Da kam eine Austria-Elf aufs Spielfeld, legte ein faszinierend schönes und effektives Spiel hin, wie man es nur alle Jubeljahre sieht. Sie lässt dem gegnerischen Führungstreffer drei blendend schöne Tore folgen, baut den Vorsprung weiter aus und spielt auf, dass die Massen rundum schon Mitleid mit dem Gegner haben. Lange vor der Pause haben wir uns auf der Tribüne gefragt: Wird’s zweistellig oder bleibt die Schlappe der Döblinger im erträglichen Rahmen? 5:2 hat die Austria zur Halbzeit geführt und weißt, was der Endstand war? 6:6 Mit der Mannschaft, Bub, ich sag’s dir, da machst was mit.

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