Querschnitt eines Ohrs

ORF

Ausgezeichnete Radiokunst

Die Preisträgerinnen des Prix Palma Ars Acustica im "Ö1 Kunstradio"

Unter der rassistischen Herrschaft der Roten Khmer wurden Ende der 1970er Jahre um die zwei Millionen Menschen in Kambodscha ermordet; die Bevölkerung wurde verfolgt, vertrieben und ihrer Zukunft beraubt. Vier Jahrzehnte nach dem Genozid, auf den ein jahrelanger Bürgerkrieg folgte, erhebt sich Kambodscha langsam aus dem kollektiven Trauma; eine junge Generation an Kunstschaffenden und Medienleuten belebt die seit dem historischen Bruch brachliegende Kulturlandschaft.

Ein Drehpunkt des kulturellen Lebens in Phnom Penh ist heute das Meta House, ein deutsch-kambodschanisches Kulturzentrum, das sich auch zeithistorischen Thematiken widmet. An einem Abend im März 2019 performte dort die Dokumentarfilmerin Sopheak Sao; basierend auf der Liveaufnahme entwickelte sie ein Hörstück mit dem Titel "Phnom Penh FM: Re / Disc / Over", das jetzt mit dem europäischen Radiokunstpreis Prix Palma Ars Acustica ausgezeichnet worden ist.

Vergeben wurden zwei erste Preise

Verliehen wird dieser Preis jährlich von der Ars Acustica - einer Gruppe von Radiokunst-Redaktionen und freien Radiomacher/innen innerhalb der Europäischen Rundfunkvereinigung EBU. Die Mitglieder können jeweils eine neue Produktion einreichen; die Jury tagt bei der jährlichen Versammlung der Ars-Acustica-Gruppe.

Heuer wurden zwei erste Preise vergeben: Neben Sopheak Sao wurde auch die tschechische Künstlerin Veronika Svobodová für ihr vom Tschechischen Rundfunk produziertes Stück "Ror-bu" ausgezeichnet. Außer über die Prämie in der Höhe von 2.000 Euro dürfen sich beide auch über eine weite Verbreitung ihrer Radiokunstwerke freuen, denn diese werden von allen Ars-Acustica-Radios gesendet und sind somit europaweit zu hören.

Gleichstellung der Geschlechter

Sopheak Sao will durch ihre künstlerische Arbeit auf ihr Heimatland und dessen Kampf für Frieden und Demokratie in den vergangenen vier Jahrzehnten aufmerksam machen, mit besonderem Augenmerk auf die Frauen: "Ich möchte, dass wir uns an meine Schwestern, die nicht so weit gekommen sind wie ich, erinnern. Wir sind eine neue Generation von Müttern und Töchtern, die nicht aufhören werden, sich für die Gleichstellung der Geschlechter, für Frauenrechte und für die Beseitigung von häuslicher Gewalt, sexueller Belästigung und die Lösung anderer sozialer Probleme einzusetzen."

Für Marcus Gammel, den Leiter der Abteilung Radiokunst bei Deutschlandfunk Kultur, war Sopheak Sao die große Entdeckung im Palma Ars Acustica 2020: "Da kommt jemand mit einem Background im Dokumentarfilm, mit starken Storys im Hintergrund, mit einer Lebenserfahrung aus einer Welt, die uns überhaupt wenig oder nur durch Klischees bekannt ist. Über Kambodscha kennt man die schrecklichen Geschichten des Genozids der Roten Khmer, man weiß aber weniger über die Entwicklung des Landes in den Jahren davor und in den Jahren danach, und Klänge aus diesen Entwicklungen führt uns Sopheak Sao in ihrem Hörstück behutsam vor Ohren.

"Ich kann mich einhören in eine Welt, die fremd klingt, aus der ich aber vertraute Gesten wahrnehme, …" Marcus Gammel

… aus der ich popkulturelle Bezüge zu unserer Gegenwart, aber auch der europäischen Vergangenheit wahrnehme, und bei der ich immer mehr Lust bekomme, mich weiter damit zu beschäftigen. Toll finde ich auch, wie das Stück komponiert ist, dass die Künstlerin nicht der Versuchung erliegt, die Zutaten ihrer Collage bis zur Unkenntlichkeit zu verarbeiten. Die Materialien sind immer auch in ihrer Körnigkeit, in ihrer Zeitlichkeit erkennbar und bilden trotzdem einen starken musikalischen Bogen."

Entstanden ist die Radiokunstarbeit "Phnom Penh FM: Re / Disc / Over" im Rahmen des Projekts "re/dis/cover", das von der österreichischen bildenden Künstlerin Gertrude Moser-Wagner in Kooperation mit der Medienwerkstatt Wien, dem Weltmuseum Wien und dem Meta House Phnom Penh, unterstützt durch das Goethe-Institut, initiiert wurde. Nach der Erstsendung in "Radiokunst - Kunstradio" im Mai 2019 ist es am 9. August in Ö1 wieder zu hören - gemeinsam mit dem zweiten Prix-Palma-Siegerstück von Veronika Svobodová.

Gestaltung

  • Anna Soucek