Charlie Parker

WILLIAM P. GOTTLIEB

Der Vogel fliegt noch immer

Charlie "Bird" Parker - zum 100. Geburtstag des früh verglühten Jazzgenies

Wie er zu seinem Musikernamen kam, das wird die Musikgeschichtsschreibung wohl nicht mehr endgültig klären können: Zu unterschiedlich sind die Erzählungen darüber, wie Charlie Parker noch als Teenager, in den späten 1930er Jahren in seiner Heimatstadt Kansas City, zu "Yardbird" und später zu "Bird" mutierte.

Wobei die meisten dieser Geschichten davon handeln, dass Parker Hühner zum Fressen gern hatte: So auch in jener über den unglücklichen Vogel, der vor das Auto lief, mit dem der Altsaxofonist damals auf irgendeiner Straße des US-Mittelwestens zu einem Auftritt unterwegs war. Parker bat den Lenker zurückzusetzen, nahm das tote Huhn und ließ es sich später zum Verzehr zubereiten.

Bebop - der neue Jazzstil

Unstrittig ist indessen unter Chronist/innen die Bedeutung jenes Mannes für die Entwicklung des modernen Jazz. Der so oft wortkarge Miles Davis meinte gar, man könne die Geschichte jener Musik in vier Wörtern erzählen: "Louis Armstrong. Charlie Parker." Das sei’s gewesen. Tatsächlich war der Jazz vor und nach Charlie Parker eine gänzlich andere Musik: Der meist in kleinen Combos gespielte nervöse, hitzige Sound, der ab den frühen 1940er Jahren in Jamsessions in den Clubs von Harlem entwickelt wurde, war nicht tanzbar wie der von Bigbands dominierte Swing der 1930er Jahre.

Astrid und Beate Wiesinger, Philipp Jagschitz und Lukas Aichinger wandeln in der Ö1 Radiosession gemeinsam mit Gastgeber Klaus Wienerroither auf Charlie Parkers Spuren - "Now's The Time"

Der Bebop - wie der neue Jazzstil genannt wurde - war eine konzertante Musikform, getragen von raschen Tempi, komplexen Harmonien und halsbrecherischen, oft im Unisono vorgetragenen Melodielinien, die in den virtuosen Improvisationen um mannigfaltige chromatische Erweiterungen bereichert wurden. Charlie Parker war neben dem Trompeter Dizzy Gillespie nicht nur der führende Pionier dieser für viele Zeitgenoss/innen schockierenden Revolution, er wusste seinen Avantgardismus zugleich auf überaus sinnliche Art und Weise im Ursubstrat afroamerikanischer Musik zu erden: im Blues.

Miles Davis folgte auf Dizzy Gillespie

Mit Gillespie, mit dem er zuvor gemeinsam in den Bands von Earl Hines und Billy Eckstine tätig war, nahm Parker ab 1945 die ersten beispielgebenden Stücke des Bebop auf: "Shaw ’Nuff", "Billie’s" "Bounce", "Ko-Kov, "Ornithology", "Now’s The Time" - so heißen einige Genreklassiker aus der Feder Parkers, die als Standards bis heute gespielt werden. Doch die Zusammenarbeit der beiden Musiker war nicht so dauerhaft, wie ihre empathische Wesensverwandtschaft es nahegelegt hätte. Denn Parkers Heroinsucht legte sich als immer größerer Schatten auf seine Karriere. Er galt als launisch, unberechenbar, unzuverlässig - gegenüber Club-Betreiberinnen ebenso wie gegenüber Kolleg/innen.

Der blutjunge Miles Davis war einer der Trompeter, der in Parkers Band an die Stelle Gillespies trat, später anlässlich eines Kalifornien-Gastspiels auch Chet Baker. Das berühmte Massey Hall Concert in Toronto im Mai 1953 war das letzte große Zusammentreffen der einstigen Kollegen aus den Gründertagen des Bebop. Weniger als zwei Jahre später war Parker tot, nach nicht einmal 35 Lebensjahren: Als Musiker ein Genie, als Mensch eine der tragischen Figuren des Jazz. Der lange Nachhall seiner Musik reichte bis zu den Free-Jazz-Avantgardisten der 1960er Jahre - und weit darüber hinaus, materialisierte er sich doch auch im Werk Jackson Pollocks und Jean-Michel Basquiats. Und er hält bis heute an: Bird lives!

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