Buchcover: Mann auf einem Schiffsdeck

HANSER

Porträt von Gustav Mahler

Der letzte Satz

In seinem neuen Roman begleitet Robert Seethaler Gustav Mahler auf dessen letzter Schiffsreise, bei den Gedanken und Erinnerungen an sein Leben. Ein geglückter Versuch, das Verlorene zu rekonstruieren.

Seit seinem Roman "Der Trafikant" ist der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler ein Begriff, seine Romane stürmen die Bestsellerlisten. Meistens handeln seine Bücher von so genannten "einfachen" Menschen, die abgeschieden in der Provinz leben.

Musik spielt in Robert Seethalers Leben eigentlich nur eine untergeordnete Rolle. Hätte er etwas wie Lieblingsmusik, so wäre das Stille, sagt er beim Gespräch in einem ruhigen Park in seiner Wahlheimat Berlin. Dabei handelt sein neuer Roman von einem der größten Komponisten des vergangenen Jahrhunderts: Gustav Mahler - dessen Musik Seethaler aber sehr wohl inspiriert hat.

Buchcover Robert Seethaler, "Der letzte Satz"

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Der Stille Raum geben

Oft sei ihm diese Musik aber auch zu viel geworden: "Diese Musik bestürmt mich, ich will aber angeweht werden", sagt der Autor: Er bewege sich überhaupt gerne in der Stille. "Das Schreiben heißt für mich: Der Stille Raum geben und Stille aushalten."

Stille aushalten, das muss auch Gustav Mahler in Seethalers Roman "Der letzte Satz": Es ist 1910, irgendwo auf dem Atlantik. Schwerkrank sitzt Mahler auf dem Sonnendeck eines Passagierschiffs. In New York hat er gerade sein letztes Konzert dirigiert, jetzt fiebert er, hustet, stirbt.

Plötzlich schwach und nahbar

Mahler erinnert sich an seine Zeit als Operndirektor in Wien, an die Sommerfrische in Südtirol. An den Tod seiner Tochter, an seine Ehe mit der um viele Jahre jüngeren Alma. Der weltberühmte Komponist - plötzlich schwach, einsam und nahbar. Das habe Robert Seethaler besonders an der Figur Gustav Mahler berührt.

"Wenn er wollte, konnte er ein Despot sein, ein fast cholerischer Mensch; gleichzeitig aber auch sehr liebevoll wie ein Kind - verletzlich, traurig, entzündet. Von Anfang an ein körperlich kranker Mensch, der letztendlich auch an seiner Entzündung verbrannt ist."

Robert Seethaler

SINISA NEZIC

"Musik sollte man nicht näher beschreiben, das geht meistens schief." Robert Seethaler

Sein Leben lang kämpft Mahler um Anerkennung, als jüdischer Musiker konvertiert er zum Katholizismus um seine Karriere zu fördern. Als Mann kämpft er um Alma, die längst einen anderen liebt. Auch ihrer unglücklichen Beziehung widmet sich Seethaler in seinem Roman. Die Liebe habe viel mit Härte zu tun: "Für manche Menschen kann sie ein Geschenk sein, für andere ist es nur ein Schicksal, das man ertragen muss."

Ertragen muss Mahler viel. Eindrücklich schildert Seethaler seine Migräneattacken und Fieberträume, Kummer und Krisen. Die Musik allerdings - Mahlers Lebensinhalt -, die klammert er aus. Ganz bewusst, wie er sagt. "Literatur ist Klang und Klang öffnet Bilder. Der Text soll von sich heraus wirken; er soll seine eigene Harmonier oder Disharmonie bilden. Musik sollte man nicht näher beschreiben, das geht meistens schief."

"Schreiben ist kein Spaß"

Und so beschreibt Seethaler den Menschen Gustav Mahler. Seine Ängste, Schmerzen und künstlerischen Anstrengungen, die Seethaler auch persönlich nachempfinden kann: "Der fast handwerkliche Umgang mit dem Wort kann anstrengend sein." So ein Werkstück müsse schließlich zubereitet werden. Er kämpfe schon mit den Worten, mit den Sätzen, mit der Struktur. Ja, es sei kein Spaß.

Das Ergebnis macht trotzdem Freude: Es ist ein berührendes Buch über das Abschiednehmen geworden, für das Gustav Mahler am Ende seines Lebens viel Zeit blieb. Die ersten Gedanken sind einfach, sagt er im Buch. Die letzten auch. Nur dazwischen verliert sich alles. Der Roman "Der letzte Satz" ist ein geglückter Versuch, das Verlorene zu rekonstruieren.

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Robert Seethaler, "Der letzte Satz", Hanser

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