Juliette Greco

AP/JEAN JACQUES LEVY

Die einzigartige Juliette Gréco

Sie war vor allem eines: selbstbestimmt. Muse von Saint-Germain, Grande Dame des Chansons, Ikone in schwarz … Die Bezeichnungen reichen nicht aus, Juliette Gréco zu beschreiben, geschweige denn zu erklären. Am Mittwoch ist sie im Alter von 93 Jahren gestorben.

Morgenjournal | 24 09 2020

Christian Fillitz

Das Paris der Nachkriegszeit, in dem sie zunächst als Schauspielerin die Szene betritt, muss ein einzigartiger Ort gewesen sein. In den Cafés und Clubs (eines dieser Lokale, das Tabou, führt bald sie) begegnen einander Jean Cocteau, Albert Camus, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Boris Vian, Jacques Prévert oder Raymond Queneau. Sie alle kennen die Gréco - und viele beginnen, ihr Lieder auf den Leib zu schreiben, sobald ihr Talent offenbar wird.

Juliette Greco

AP/LAURENT GILLIERON

Ich war skandalös, ohne etwas zu tun.

"Unsere Generation war verrückt; wir waren glücklich, wir hatten kein Geld, aber wir waren reich. Den Philosophen im Café Tabou konnten wir unsere Fragen stellen. Da gab es einen menschlichen Kontakt", erinnerte sich die Sängerin.

Ab 1950 erobern Juliette Grécos Schallplatten ein weites Publikum. Was frappiert, ist nicht nur ihre Jugend - sie ist 23, sondern auch, wie viel Lebenserfahrung ihre dunkle, tiefe Stimme auszudrücken scheint. Und wohl nicht nur scheint: In Kindheit und Jugend hat sie bereits vieles durchgemacht, als die Eltern sie nach kriselnder Beziehung zur Großmutter geben. Und ist als Jugendliche erst recht auf sich gestellt, als ihre in der Résistance aktive Mutter und ihre Schwester ins KZ Ravensbrück gebracht werden.

Juliette Gréco hat keine eigenen Lieder gesungen - war also keine klassische Autorin-Komponistin-Interpretin. Ihrem Genie und ihrer Bedeutung tut das keinen Abbruch. "In allem, was ich singe, bin ich irgendwo. Die Worte sind für mich sehr wichtig - ich kann keine in den Mund nehmen, die mir nicht gefallen. Die Dichter und Musiker brauchen jemand, der sie interpretiert. Manchmal finden wir, die Interpreten, etwas, das sie selbst nicht verstanden haben …"

So wurde Juliette Gréco zur Stimme von Autoren und Komponisten, die in ihr eine "Versteherin" zu finden schienen. An die Aura ihrer frühen Aufnahmen können die späteren vielleicht nur teilweise anknüpfen - ganz im Gegensatz zu ihren Auftritten. So wurde auch ihr Konzert in der Wiener Staatsoper vor zehn Jahren zu einem packenden Ereignis.

Die "Spielräume" würdigen die Interpretin, Feministin avant la lettre (und à la française) und einzigartige Verkörperung des französischen Chansons in einigen ihrer bleibenden Aufnahmen.

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Le Monde - La chanteuse Juliette Gréco est morte

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