Demonstranten liegen auf brasilianischer Flagge

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Brasilien unter Bolsonaro

Wie konnte Bolsonaro im Jänner 2019 als Präsident sein Amt antreten, nachdem in den zehn Jahren unter Lula da Silva und seiner Arbeiterpartei rund 30 Millionen Brasilianer aus der Armut in die untere Mittelschicht aufgestiegen sind, sich die Bildungschancen deutlich verbessert haben und Brasilien wirtschaftlich stark wurde? Und was bedeutet Bolsonaro für die Armen in den Comunidades? - Mit diesen zwei Fragen sind wir im März 2020 nach Brasilien gefahren.

Jair Bolsonaro

Jair Bolsonaro

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Und wir lernten in Sao Gonzalo bei Rio de Janeiro in einer Favela, heute weniger stigmatisierend Cumunidade genannt, gleich in der ersten Woche: Bolsonaro bedeutet mehr tödliche Polizeigewalt. Sechs schwarze Jugendliche waren in den ersten Tagen unserer Recherche von der Policia Militar erschossen worden. Alle 23 Minuten wird in Brasilien ein Afrobrasilianer erschossen.

"Die Drogenmafia in Rio de Janero war schon immer stark. Aber wenn eine Regierung öffentlich ankündigt das sie töten wird, vom Hubschrauber aus eine Favela unter Beschuß nehmen wird, dann wird die Polizei zusätzlich ermutigt zu schießen", sagt Gisele, Pädagogin und eine der Leiterinnen der Näherinnen-Kooperative ‘Mulheres de Salgueiro’.

Und wir lernten zweitens: im seit 2013 immer härter werdenden Überlebenskampf der Favelados macht ein Bolsonaro keinen großen Unterschied.

"Bolsonaros Wahl war ein Kollateraleffekt der Wahrheitskommission. Es ist die Rückkehr des Unterdrückten."

Wahlbegeisterte feiern Bolsonaros Erfolg 2018

2018

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Aber warum hatten in dieser von Comunidades bestimmten Gegend im Oktober 2018 65 Prozent Bolsonaro gewählt? “Er verbreitet Lügen mit regelrechten fake-news-Fabriken. Es sind Zyniker, die glauben, dass Gott die Welt schuf, dass die Erde flach ist. Sie sehen das Volk als ‚das Andere, Fremde‘ an. Das ist die Basis. Und die Basis dieser Basis sind die Evangelikalen, gut organisiert mit Führern, die die Hirne und Herzen der Brasilianer gewinnen können”, sagt Bernardo Kucinski, Lulas Staatssekretär für soziale Kommunikation.

Und: “Meine Hypothese ist: Bolsonaros Wahl war ein Kollateraleffekt der Wahrheitskommission. Es ist die Rückkehr des Unterdrückten. - Es gibt immer einen Teil der Bevölkerung, der für die Diktatur ist. Und ein Teil der Jugend, der nicht politisiert ist, beginnt an die Diktatur zu glauben, weil es da keine Korruption gegeben haben soll. An die Stelle der Politik tritt die Moral und die braucht keine Information”, sagt Rita Kehl, Psychoanalytikerin und Mitglied der unter Dilma Rouseff berufenen Wahrheitskommission. Die Kommission wurde 2011 gegründet, um Menschenrechtsverletzungen in Brasilien vor allem während der Militärdiktatur (1964-1985) zu untersuchen.

"Während seiner gesamten Regierungszeit hat Bolsonaro keinen einzigen positiven Vorschlag gemacht. Alle seine Aktionen sind Akte der Demotage. Das ist die Strategie, Institutionen zu zerbrechen um die Macht der Exekutive zu stärken", sagt der Schriftsteller Luiz Ruffato.

Und das waren die Lektionen Drei und Vier: Wie alle Rechtpopulisten macht Bolsonaro politische Gegner zu Feinden, schürt Hass gegen Minderheiten und Abweichler, zerstört staatliche Institutionen, greift den Rechtsstaat, spaltet, polarisiert.

"Die letzte Diktatur war aufgezwungen, jetzt ist es viel schlimmer, das Volk will sie."

"Präsident, Brasilien ist mit ihnen!"

"Präsident, Brasilien ist mit ihnen!"

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Aber es gibt eine besondere brasilianische massenpsychologische Basis für den Bolsonarismo: eine in 350 Jahren Kolonialismus und der Diktaturzeit gedemütigte Bevölkerung, die sich mit ihrem Henker identifiziert und so ihre Gewaltgeschichte weiter verdrängt und: es gibt eine darauf basierende, in der Welt beispiellose Macht der Evangelikalen in Brasilien. Mit brutaler Macht taucht so das Verdrängte auf der leeren Bühne wieder auf.

Wir sahen die hassverzerrten Gesichter der pro-Bolsonaro-Demonstranten in Sao Paulo, die einen Militärputsch forderten und es ging uns wie Rita Kehl: „Die letzte Diktatur war aufgezwungen, jetzt ist es viel schlimmer, das Volk will sie. Das macht mich nicht nur depressiv, es macht mir Angst.“

Mitte März gab es in Brasilien elf Corona-Tote, sieben Monate später sind es über 150.000. Bolsonaro der ‘tropical Trump’? Geradezu ein Euphemismus!

Und der Widerstand gegen Bolsonaro? Er scheint schwach zu sein.

Text: Anselm Weidner