Bolsonaro hält die Daumen in die Höhe währrend er eine Maske trägt.

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Brasilien: Wie die Pandemie Bolsonaro nützt

Mehr als 150.000 Menschen sind in Brasilien an Covid-19 gestorben. Zwei Gesundheitsminister haben das Handtuch geworfen. Zahlreiche Gouverneure haben sich gegen Präsident Bolsonaro gestellt. Die Wirtschaft ist um 11,4 Prozent geschrumpft und 13 Millionen Brasilianer/innen sind arbeitslos. Dennoch erfreut sich Jair Bolsonaro größerer Beliebtheit als je zuvor. Wie ist das möglich?

Laut einer Meinungsumfrage sind derzeit 40 Prozent der Brasilianer und Brasilianerinnen der Meinung, die Amtsführung von Präsident Bolsonaro sei "gut" oder sogar "großartig". Noch vor einem halben Jahr, zu Beginn der Pandemie sah das ganz anders aus. Da häuften sich die Proteste. In vielen brasilianischen Städten schlugen die Menschen aus ihren Fenstern auf Kochtöpfe und riefen "Weg mit Bolsonaro!". Sie hatten damals wenig Verständnis dafür, dass der Präsident die Pandemie als "kleines Grippchen" verharmloste, dass Chaos in der Pandemiebekämpfung herrschte.

Ein Machtkampf ging los zwischen dem Präsidenten und zahlreichen Gouverneuren. Viele von ihnen setzten – gegen den ausdrücklichen Willen Bolsonaros – Lockdowns und andere Einschränkungen in ihren Bundesstaaten durch. In Rio de Janeiro beispielsweise waren die öffentlichen Schulen mehr als ein halbes Jahr geschlossen und das Kulturleben steht immer noch still. Sogar der traditionelle Karnevalsumzug der Sambaschulen wurde für diese Saison abgesagt.

Mundschutz für "linke Spinner"

Inwiefern sich die Menschen an die Schutzmaßnahmen halten, hat viel mit ihrer politischen Einstellung zu tun. Für Bolsonaro-Anhänger sind Menschen mit MNS-Masken "linke Spinner". Im noblen Vorort Barra da Tijuca, in dem auch Bolsonaro selbst zuhause ist, habe man das Gefühl, als habe es nie eine Pandemie gegeben, erzählt die Ökonomin Luciana Chaves aus Rio de Janeiro. Sie selbst wohnt in einem Viertel der unteren Mittelschicht, einer traditionellen Hochburg der linken Arbeiterpartei: "Hier trägt auf der Straße fast jeder Maske".

"Zuhausebleiben ist etwas für Schwächlinge."
(Jair Bolsonaro)

Dass sich offenbar immer mehr Menschen auf die Seite des Präsidenten schlagen, habe auch mit Umbrüchen in der brasilianischen Gesellschaft zu tun, meint der Brasilien-Experte Andreas Novy. Seit der Absetzung der linken Präsidentin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT) im Jahr 2015 habe eine neoliberale Denkweise immer mehr an Akzeptanz gewonnen: Vom Staat brauche man nichts erwarten, jeder ist für sich selbst verantwortlich, die Starken setzen sich durch. Sie trotzen dem Virus.

"Die Entwicklungen in Brasilien sind für Außenstehende überraschend."

Andreas Novy, Wirtschaftsuniversität Wien

Keine Angst vor dem Grippchen

Bolsonaro hat es vorgemacht. Im Juli erwischte es auch ihn, das "kleine Grippchen". Lächelnd setzte er sich vor die Kamera, schluckte das umstrittene Malaria-Mittel Hydroxychloroquin und betonte, dass es ihm schon viel besser gehe. Sein leichter Krankheitsverlauf hat ihm zusätzliche Glaubwürdigkeit bei Teilen der brasilianischen Bevölkerung verschafft.

Gestiegen sind seine Umfragewerte aber insbesondere bei ärmeren Bevölkerungsschichten. Und das habe einen sehr banalen Grund, betont die Ökonomin Luciana Chaves: die breit angelegten Corona-Hilfsprogramme der Regierung. Mittlerweile erhält fast ein Drittel der brasilianischen Bevölkerung Corona-Notstandshilfe in Höhe von 600 Reais (etwa 90 Euro). "Manche der ärmsten Familien bekommen jetzt mehr Geld als vor der Pandemie", erklärt Chaves.

Fragile Popularität

Der Treppenwitz dabei: eigentlich war Präsident Bolsonaro zunächst gegen dieses Hilfsprogramm. Durchgesetzt wurde es vom brasilianischen Kongress. Doch hinterher sei es ihm geschickt gelungen, es als sein eigenes Projekt zu verkaufen, erklärt Brasilien-Experte Andreas Novy.

Allerdings sei die aktuelle Beliebtheit des Präsidenten äußerst fragil, betont Luciana Chaves. Denn demnächst werden die Coronahilfen gekürzt und die Preise für Grundnahrungsmittel seien gerade in die Höhe geschnellt. Die Armut werde im kommenden Jahr dramatisch ansteigen, prognostiziert die Ökonomin. Und dann werden die Betroffenen die Arbeit des Präsidenten vermutlich weniger "gut" oder "großartig" finden.

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