Urania mit Viennale-Lichtzug

VIENNALE/ALEXI PELEKANOS

Viennale startet

Eva Sangiorgi hat auch für den dritten Eröffnungsfilm ihrer Viennale-Direktion auf das Werk einer romanischen Regisseurin zurückgegriffen. Nach Celine Sciammas "Porträt einer jungen Frau in Flammen" läutet am Donnerstagabend nun das ungewohnte Biopic "Miss Marx" von Susanna Nicchiarelli den Filmreigen ein.

Kutlurjournal | 21 10 2020 | Eva Sangiorgi im Gespräch über die zentralen Themen des heurigen Festivals und die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Festivalprogrammierung und Filmwahrnehmung

Benno Feichter

Waren im Vorjahr rund 300 Werke zu sehen, ist diese Zahl heuer deutlich gekürzt worden. Dennoch finden sich alleine im regulären Programm 86 Spiel- und Dokumentarfilme sowie 27 Kurzfilme.

Gezeigt werden etwa die neuen Arbeiten von Kelly Reichardt und Frederick Wiseman, Lav Diaz und Francois Ozon, oder auch der Gewinner des Goldenen Löwen "Nomadland" von Cloe Zhao mit Frances McDormand in der Hauptrolle. Auf der durch Reisebeschränkungen reduzierten Gästeliste finden sich etwa der italienische Dokumentarfilmer Gianfranco Rosi oder Jasmila Zbanic mit "Quo vadis, Aida" über die Tage vor dem Massaker von Srebrenica.

Kulturjournal | 23 10 2020 | "In erster Linie bin ich Filmemacher", Christoph Schlingensief

Benno Feichter

Hinzu kommen zwei Monografien, die Christoph Schlingensief respektive Isabel Pagliai gewidmet sind, Kinematografien für Zelimir Zilnik, das Austrokino der 70er und eine Auswahl des heuer geplanten Diagonale-Programms sowie die traditionelle Retrospektive gemeinsam mit dem Filmmuseum, die heuer dem "Recycled Cinema" gewidmet ist.

Der Titel "Recycled Cinema" ist poetisch und auch ökologisch zu verstehen: Gezeigt werden ausschließlich Found-Footage-Filme, also Arbeiten, die einem bereits vorhandenen Fundus an Bildmaterial neues Leben einhauchen und ihm damit neue Bedeutungen und neue ästhetische Möglichkeiten verleihen.

Julia Baschiera

Eva Sangiorgi

VIENNALE/ALEXI PELEKANOS

"Wir öffnen neue Türen, anstatt sie zu schließen" Eva Sangiorgi

Eine Präsenzausgabe des heurigen Festivals sei für sie von zentraler Bedeutung gewesen, unterstrich Sangiorgi, sei doch das Zusammenleben in gemeinsamen Räumen auch in Viruszeiten wichtig.

Die Viennale setzt dabei wie alle großen Kulturinstitutionen auf ein eigenes Corona-Sicherheitskonzept, das von Abstand zwischen gebuchten Sitzen über fixe Sitzplatzzuweisung und Maskenpflicht bis hin zum Dauertesten der Teams mit Kundenkontakt reicht. Um die reduzierte Sitzplatzkapazität zumindest teilweise auszugleichen, kooperiert man heuer mit fünf weiteren Kinos der Hauptstadt; der Eröffnungsfilm "Miss Marx" ist am Eröffnungsabend in allen Spielstätten zu sehen. Und auch wenn die Mehrheit der Künstlerinnen und Künstler heuer nicht persönlich nach Wien wird anreisen können, versucht man diese fehlende Präsenz mit digitalen Mitteln zu kompensieren.

"Miss Marx" - Seiltanz zwischen Liebe und Politik

Wie der Vater so die Tochter, könnte man sagen, wenn man sich das Leben von Eleanor Marx ansieht, eine von drei Töchtern von Karl Marx. Nach dem Tod ihrer berühmten Vaters 1883 führte sie seine Ideen als Aktivistin in der politischen Praxis fort und spielte eine wichtige Rolle bei der Gründung englischen Gewerkschaftsbewegung Ende des 19 Jahrhunderts. Privat hingegen lief es für Eleanor nicht so gut, vor allem, weil sie sich in den falschen Mann verliebte. Eine Liebe, die nun der Film "Miss Marx" der italienischen Regisseurin Susanna Nicchiarelli in den Mittelpunkt stellt.

Kulturjournal | 21 10 2020 | Eröffnungsfilm "Miss Marx"

Arnold Schnötzinger

Nach einem Theaterbesuch gratuliert Eleanor Marx dem Autor des Stücks, Edward Aveling. Doch bei Komplimenten wird es nicht lange bleiben, als sie den englischen Zoologen, Schriftsteller und Freidenker 1883 kennenlernt. Von Anfang an hegen die beiden große Zuneigung zueinander doch ebenso groß scheinen die Hindernisse für eine gesellschaftskonforme Verbindung, Denn Edward lebt zwar getrennt von seiner Frau, geschieden ist er aber nicht.

Vernunft und Gefühl

Man entscheidet sich für eine eheähnliche Verbindung, mit eher wenigen Höhen und vergleichsweise vielen Tiefen, zumindest ist das die Sichtweise, die der Film "Miss Marx" nahelegt. Denn das Leben an der Seite von Edward ist eine Geduldsprobe, geprägt vom menschlichen Grundwiderspruch zwischen Vernunft und Gefühl, "zwei Seiten in einem Konflikt, die sich auch bei Eleanor Marx nicht auf einen Nenner bringen lassen", meint Regisseurin Nicchiarelli.

Bürgerliche Annehmlichkeiten

Vor allem mit Geld kann das Paar nicht umgehen, insbesondere Edward; man lebt weit über die eigenen Verhältnisse. Noch so ein Widerspruch, die glühenden Verfechter des Sozialismus, die die bürgerlichen Annehmlichkeiten des Kapitals gerne in Anspruch nehmen: Ausführlich schweift die Kamera durch edle Wohnräume, flaniert zwischen massiven Lederfauteuils und Brokatvorhängen, platziert sich zwischen üppigen Mehlspeisen, nimmt dicke Zigarren und feine Tweet-Stoffe ins Visier.

Als schroffen Kontrast dazu montiert Regisseurin Nicchiarelli Schwarz-Weiß-Fotografien der Verelendung der Arbeiterklasse. Zwischen den eigenen Taten und den Worten der sozialistischen Vorkämpferin klafft also so manche Lücke.

Viennale-Plakat

VIENNALE/RAINER DEMPF

Brückenschlag in Richtung Feminismus

Nur sporadisch wagt sich der Film aus der privaten Zone heraus. Die politische Rolle von Eleanor Marx gerät mehr zur Dekoration, geschuldet der einschlägigen Prominenz. Das Leiden an den Eskapaden von Edward nutzt der Film für einen Brückenschlag in Richtung Feminismus. "Das ist durchaus beeinflusst von den Theorien von Karl Marx, also der ökonomischen Ausbeutung von Frauen durch Männer", so Susanna Nicchiarelli.

Als politische Verneigung und als Zeitporträt bleibt der Film eher unpräzise, arbeitet sich hauptsächlich am persönlichen Leidensweg der Protagonistin ab, das aber ohne großes Pathos und ohne schrille Gesten.

Text: Red., APA

Service

Viennale - 22. Oktober bis zum 1. November 2020

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