Maria Happel, Hans Dieter Knebel, Annamáría Láng, Tommy Hojsa

MATTHIAS HORN

"Automatenbüfett" im Akademietheater

Noch wird in Österreich Theater gespielt. Am Wiener Akademietheater zum Beispiel das selten gespielte Werk "Automatenbüfett" der 1901 in Wien geborenen Dramatikerin Anna Gmeyner. Darin stellt eine junge Frau (Katharina Lorenz) ihre Reize in den Dienst einer Utopie und deckt ganz nebenbei die Scheinmoral einer verkorksten Provinzgesellschaft auf.

Seit der österreichischen Erstaufführung im Theater in der Josefstadt 2004 stand "Automatenbüfett" nicht mehr auf dem Spielplan, die Premiere im Akademietheater holt das zu Unrecht vergessene Werk nun endlich wieder aus der Versenkung.

Morgenjournal | 30 10 2020

Judith Hoffmann

Michael Maertens, Katharina Lorenz, Maria Happel

Michael Maertens, Katharina Lorenz und Maria Happel

MATTHIAS HORN

Die Frau, die aus dem Wasser kam

"Hier ist baden verboten", ruft Herr Adam (Michael Maertens) etwas zögerlich dem Mädchen (Katharina Lorenz) entgegen, das er gerade aus dem Teich fischt. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie sich ob einer unglücklichen Beziehung das Leben nehmen konnte. Herr Adam bringt die triefnasse junge Eva ins Automatenbüfett seiner Frau (Maria Happel), wo Biergläser, Teller mit belegten Broten und selbst der Barpianist hinter kleinen Glastürchen ausharren und erst per Münzeinwurf der Gäste heraus-, und in seinem Fall ans Klavier, geholt werden.

Evas Anwesenheit schürt Frau Adams Argwohn ebenso wie den Appetit der hohen Herren der Provinzstadt und Mitglieder des Amateurfischervereins, die hier regelmäßig verkehren. Vom Apotheker über den Schulrat bis zum Oberförster zeigen sich plötzlich alle so konsumfreudig wie nie. Also muss die Automatenbüfettbesitzerin zähneknirschend nachgeben und die junge Eva bei sich beherbergen und beschäftigen.

Michael Maertens, Katharina Lorenz

Michael Maertens und Katharina Lorenz

MATTHIAS HORN

Man wird doch noch träumen dürfen

Herr Adam hat indes andere Pläne. Mit Hilfe von Evas Reizen will er die Stimmen des Amateurfischervereins für seine Vision einer Fischzucht im großen Stil gewinnen. Das ganze Land könnte mit frischen Süßwasserfischen versorgt, der kleine Mühlbach zum Kanal ausgebaut und so eine direkte Verbindung zum Meer hergestellt werden, lautet die Idee.

Eva spielt mit und verführt, einen nach dem anderen, die Entscheidungsträger der Stadtgemeinde und des Fischervereins. "Es ist eine Spielart des Undine-Stoffs, allerdings mit dem Unterschied, dass Eva und Adam keine Liebesgeschichte, sondern eine Art Komplizenschaft verbindet", sagt die Regisseurin Barbara Frey, die das Stück in Martin Zehetgrubers schäbig schönem Bühnenbild inszeniert.

Von Nazis verbannt und vergessen

Uraufgeführt wurde Anna Gmeyners "Automatenbüfett" vor fast 90 Jahren in Hamburg. Es war das Debütstück der Autorin, die daraufhin gern in die stilistische Nähe von Karl Kraus gerückt wurde. Bei einer zweiten Aufführungsserie in Berlin war sie allerdings nicht mehr zugegen, sondern schon auf dem Weg ins Londoner Exil.

Das Stück wurde von den Nationalsozialisten abgesetzt, "nicht, weil sie darin die Nazis offen kritisiert hätte, sondern weil sie eine andere Welt geschaffen hat: eine antiheroische Gesellschaft, in deren Zentrum eine selbstbewusste, unabhängige Frau steht. Das hat den Nationalsozialisten natürlich gar nicht gepasst", erzählt Barbara Frey, die in diesem Stück vor allem eines sieht: "Eine Fabel über die Unzulänglichkeiten einer Provinzgesellschaft, die langsam auseinanderbröckelt."

Wohl auch deshalb lässt Frey das Automatenbüfett nicht als Gaststube, sondern als unwirtlichen, in die Jahre gekommenen Bunker erscheinen und die Gäste als schräge Schablonen provinzieller Gepflogenheiten und Prinzipien.

Am schönen Schein gescheitert

Adams Idee gewinnt nach und nach Befürworter und scheitert am Ende doch an der kleinbürgerlichen Doppel- und Scheinmoral der Vereinsmeier. Evas magnetische Wirkung auf die Männer ruft eine skurrile Hausfrauen-Armada auf den Plan und Frau Adam lässt sich von einem Taugenichts um den Finger wickeln, um Verstand und Vermögen bringen.

Am Ende stehen sie da, Herr Adam und seine Eva. Liebespaar wird keines mehr aus ihnen, aber das tut nichts zur Sache. Viel mehr interessiert die beiden ohnehin, ob sie irgendwo noch ein Plätzchen finden und gemeinsam weiterleben können.

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