Samar Yazbek

MUHSIN AKGUN

An das denken, was möglich ist

2011 zeichnet Samar Yazbek die ersten Monate der syrischen Protestbewegung auf, danach muss sie mit ihrer Tochter fliehen. Nach Frankreich. Doch 2012 und 2013 kehrt die syrische Aktivistin und Autorin heimlich in ihre Heimat zurück und protokolliert erneut – wie sich der friedliche Protest in einen Krieg verwandelt hat.

„Ich finde, wir sollten nicht an das denken, was unmöglich ist, sondern an das, was möglich ist", sagt Samar Yazbek in ihrer kleinen Zimmer-Küche-Kabinett-Wohnung in Paris. Während meines Besuches, gemeinsam mit dem Übersetzer Maroine Dib, raucht Yazbek viel, telefoniert, schreibt immer wieder eine dringende SMS. Es ist Sommer 2016, der Bürgerkrieg ist in vollem Gang und die Autorin über Telefon mit den SyrerInnen verbunden.

"Der Himmel über Paris ist einer der Schönsten der Welt, einen schöneren habe ich noch nicht gesehen. Aber ich habe Schuldgefühle, während ich diesen Himmel genießen kann, bringt der Himmel in Syrien den Menschen nur Tod und Vernichtung", sagt Samar Yazbek.

Sie hat eine NGO gegründet, die Frauen unterstützt. Denn wer hält das Familienleben, den Alltag, die Gewohnheiten im Krieg aufrecht? Es sind die Frauen, davon ist die Autorin überzeugt. Über „Women Now For Development“ erhalten die Syrerinnen psychologische Unterstützung, sie lernen Fremdsprachen, lernen, mit dem Computer umzugehen oder werden dabei gefördert, über ein Fernstudium Ausbildungen abzuschließen, Diplome zu erwerben.

„Es ist wichtig, inmitten der Zerstörung und des Todes sich mit etwas zu beschäftigen.“

„Und es ist wichtig, dass die Menschen für die Zeit nach dem Krieg gerüstet sind, damit sie den Wiederaufbau der Gesellschaft wesentlich mittragen können,“ sagt sie. Dem Krieg etwas entgegenzusetzen, das versucht Samar Yazbek (Jahrgang 1970) auf unterschiedliche Art und Weise: 2012 und wieder 2013 verlässt sie das sichere französisch Exil und kehrt heimlich in ihre Heimat zurück. Überquert zu Fuß die türkische Grenze und protokolliert erneut: Familien, die sich vor Angreifern in Erdhöhlen verstecken oder unter den Trümmern bombardierter Häuser. Sie begleitet Kämpfer der Freien Syrischen Armee, die sich nicht nur gegen das Assad-Regime verteidigen müssen, sondern zunehmend auch gegen fundamentalistische Fraktionen. In Frankreich publiziert sie ihre Erfahrungen in den Büchern „Schrei nach Freiheit“, „Die gestohlene Revolution“ (Verlag Nagel & Kimche), sie hält Vorträge und gibt Interviews.

„Ich habe 2013 gesehen, dass wir auf einen Krieg zusteuern. Und dass die Ziele der Revolution, so wie wir sie erträumt hatten, gestohlen wurden.“

Es gäbe keine Sieger in diesem Krieg. Wenn überhaupt, so sei der Tod der einzige Sieger. Und die Besiegten, das seien diejenigen, die für demokratische Ziele gekämpft hätten.

"Du lebst so, als müsstest du jeden Augenblick sterben. Du möchtest noch alles, was möglich ist, tun und zugleich wird alles bedeutungslos", erzählt Samar Yazbek.

Samar Yazbek wirkt aufgewühlt und zugleich müde während unseres Gespräches. Doch man spürt auch ihren starken Willen, - und diesen hat sie sich bis heute bewahrt. Sie ist zwar seit 2013 nicht mehr in Syrien gewesen, aber mit ihrem Stift dokumentiert sie nach wie vor die Ereignisse, kämpft gegen das Vergessen an.

2019 hat sie in Frankreich einen neuen Band publiziert: „19 Frauen – Syrerinnen erzählen“, so der Titel. Es sind detaillierte Erfahrungsberichte von Frauen, die Revolution und Krieg erlebt haben. Yazbek: „Dieses Buch ist der Beweis dafür, dass wir unser Land verloren haben – aber nicht unsere Stimme.“

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