Glastüre und Schatten

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Gefährliche Beziehungen

Liebesbeziehungen sollten uns eigentlich Vertrauen, Sicherheit und Glücksmomente schenken, uns Halt geben und wachsen lassen. Doch bei manchen Beziehungen tritt genau das Gegenteil davon ein.

Dies gilt insbesondere dann, wenn man sich beispielsweise auf eine Beziehung zu einem narzisstischen Soziopathen eingelassen hat. Das sind Menschen, die nur an sich und ihre eigene Persönlichkeit denken, die sich durch die Erniedrigung des Partners - oder zumeist der Partnerin - selbst erhöhen, sich rücksichtslos nehmen, was sie wollen und beim Partner auch noch Abhängigkeit und Schuldgefühle erzeugen.

Eine Frau geht an einer Wand vorbei, an dem das Wort "LIEBE" in großen Buchstaben steht

DPA/PETER KNEFFEL

Soziopathen hegen Misstrauen und Neid, und lassen ihren Ärger und Zorn am Partner oder an der Partnerin aus. Sie isolieren sie von familiären und freundschaftlichen Beziehungen, benutzen sie, würdigen sie herab, tyrannisieren sie und üben Gewalt aus, bis das Selbstwertgefühl der Opfer schwer beeinträchtigt ist. In nicht wenigen Fällen sind auch "Stalking" und Sadismus mit im Spiel. Wegen ihrer eigenen Minderwertigkeits- und Schuldgefühle fühlt sich die Partnerin jedoch noch mehr zu ihm hingezogen.

„Gott vergibt, ein Narzisst aber nie.“

Außerdem sind narzisstische Soziopathen, wie zum Beispiel verdeckte oder maligne, also bösartige, Narzissten für die meisten Menschen nur schwer erkennbar. Denn nach außen präsentieren sie sich als angepasst, nett und zuvorkommend. Innerlich aber brodelt eine Mischung aus Überheblichkeit, Kälte, Hass und Sadismus.

Maligne Narzissten sind vollkommen von ihrer Großartigkeit überzeugt. Ihre Persönlichkeitsstörung, der bösartige Narzissmus, ist eine Mischung aus Narzissmus, Aggression, Paranoia und antisozialem Verhalten. Gerät ihr Selbstbild ins Wanken, und fühlen sie sich von anderen nicht genügend wertgeschätzt, dann rächen sie sich - und zwar ohne Reue. Deshalb sind sie auch zu grausamen Taten fähig. Der Gerichtspsychiater Reinhard Haller bringt diesen Charakter pointiert auf den Punkt: „Gott vergibt, ein Narzisst aber nie…“

"Kennzeichnend für emotionalen Missbrauch ist immer, wenn die emotionale Bindung so ausgenützt wird, dass Macht und Kontrolle ausgeübt werden oder dem anderen Leid zugefügt werden kann. Es wird am Anfang oft Bewunderung mit Liebe verwechselt. Das heißt, der Narzisst ist derjenige der bewundert werden will, der nimmt. Der Komplementärnarzisst ist derjenige der gibt und alles recht machen will", sagt Katharina Schuldner, Psychologin sowie Psychotherapeutin. In ihrer Praxis in Wien ist sie auf Narzisstischen Missbrauch spezialisiert.

Emotionale Kontrolle

Selbst nach Erfahrungen massiver Gewalt müssen Angehörige und Freunde oft ohnmächtig mitansehen, wie das Opfer entgegen aller Vernunft und Hilfsangebote wieder in den Bannkreis des Gefährders zurückkehrt. Der Polizei und den Interventionsstellen gegen häusliche Gewalt sind die Hände gebunden, solange das Opfer nicht von selbst über die erfahrene Gewalt wahrheitsgemäß aussagt oder um Hilfe ansucht.

In der psychotherapeutischen Fachsprache nennt man diese Form der suchtförmigen Abhängigkeitsbeziehungen "Beziehungssucht", "toxische Beziehungen", beziehungsweise "Narzisstischer Missbrauch". Warum diese Beziehungen so schwer aufzulösen sind, hat damit zu tun, dass der narzisstische Partner den anderen emotional kontrolliert und in einem ständigen Wechselspiel von Liebesbezeugungen ("love bombing"), Entwertung und angedrohter Trennung gefügig macht.

Es gibt fünf gängige Manipulationstechniken, die der narzisstische Partner zur emotionalen Kontrolle einsetzt:
1. Gasligthing: Die Wahrnehmung des Anderen wird manipuliert. Man behauptet, dass Dinge stattgefunden haben, die so nicht passiert sind.
2. Victim-Blaming, die sogenannte Schuldumkehr. Die Schuld am Missbrauch wird dem Opfer in die Schuhe geschoben.
3. Entwertungen als Gegenpol zur Idealisierung
4. Soziale Isolation: Man versucht Opfer von Familie und Freunden zu isolieren
5. Love Bombing und „Silent treatment“: Aufwertung und Liebesentzug

"Dahinter steckt ganz viel Sehnsucht, eine unglaubliche Sehnsucht nach einem Partner, Familie. Diese Sehnsucht nährt sich oft aus kindlichen Erfahrungen. Das führt dazu, dass Frauen sagen:'Ich kann mich nicht trennen, weil ich nie einen Ort hatte, wo ich wirklich zu Hause war, es war nie jemand konstant da. Jetzt habe ich das, jetzt kann ich endlich diesen Ort finden, den ich immer gesucht habe.' Das ist aber ein kindliches Bedürfnis. Die erwachsene Frau sieht sehr wohl, dass hier kein guter Ort ist, aber das innere Kind schreit: 'Ich will hier bleiben'," erklärt Dr. Bärbel Wardetzki, Psychotherapeutin und Buchautorin, spezialisiert auf Narzissmus und toxische Beziehungen.

Je länger eine solche Beziehung dauert, desto mehr wird die Wahrnehmung des Opfers manipuliert, sodass mit der Zeit immer schlimmere Formen von Entwertung und Gewalt erduldet werden.

Die krankhaft narzisstische Person selbst ist mangels eines gesunden Selbstwertgefühls und Vertrauens oft nicht in der Lage, das eigene manipulative Tun zu durchschauen, und rechtfertigt selbst Gewaltakte in der Beziehung mit einem Übermaß an Zuneigung. Das ist ein Zeichen einer sogenannten dependenten Kollusionsbeziehung, eine Beziehung in der zwei von einander abhängige Partner eine oft unbewusste, uneingestandene Rollenverteilung eingehen, die nur sehr schwer aufzulösen ist.

Lange Leidenszeit

Jede fünfte Frau in Österreich ist im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen. Laut einer Studie der Medizinischen Universitätsklinik Innsbruck ist jeder und jede vierte, der/die ins Spital oder die Ambulanz kommt, potenziell von aktueller Gewalt im häuslichen Umfeld betroffen. Die Betroffenen leiden häufig unter Depressionen, Angststörungen und Traumafolgeerkrankungen. Sie sind übererregt, leicht reizbar, häufig abwesend und können sich nicht konzentrieren.

Trotzdem wird Gewalt in Beziehungen von Frauen oft sehr lange ertragen. Denn die Angst vor weiterer Gewalt, Angst vor dem Verlust der materiellen Existenz, Angst vor der öffentlichen Beschämung machen es Frauen oft sehr schwer, häusliche Gewalt anzuzeigen.

Die stellvertretende Direktorin am Department Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsklinik Innsbruck, Astrid Lampe, erklärt die Situation folgendermaßen: „Wenn man an viel Gewalt, Missachtung und Demütigung gewöhnt ist, dann verinnerlicht man das. Für mich ist nicht mehr im Leben drin. Es ist eh normal. So tickt die Welt. Wer viel Gewalt gewöhnt ist für den ist das normal. Wenn man missbraucht wurde und dann gedemütigt wird, fühlt man sich bestätigt nur ein Stück 'Scheiße' zu sein.“

Außerdem gesellt sich zu den realen Ängsten auch die große Scham dazu. Es ist einfach sehr schwer jemandem zu erzählen, welche Demütigungen, Erniedrigungen und Grenzverletzungen man erlebt. Deshalb öffnen sich viele nicht und bleiben mit ihrer Situation isoliert, alleine und unverstanden.

Wie entkommen?

Häusliche Gewalt ist ein Thema, mit dem die Polizei häufig konfrontiert wird. Allein im letzten Jahr wurden deshalb österreichweit über 9.000 Wegweisungen ausgesprochen, das sind im Schnitt 25 Fälle am Tag. Aber wenn man weiß, dass jede fünfte Frau in Österreich im Laufe ihres Lebens von Gewalt betroffen ist, lässt sich leicht erkennen, dass hier nur die Spitze des Eisbergs offiziell erfasst wird.

"Die Opfer bekommen gratis Unterstützung von Opferschutzeinrichtungen, der Polizei, das geht hin bis zu psychsozialer Begleitung, juristischer Prozessbegleitung. Das heißt, sobald das Opfer sich entscheidet sich helfen zu lassen, wird ihm geholfen", sagt Polizeijurist Gerold Taschek, er arbeitet im Rechtskundigen Dienst am Polizeikommissariat Wien-Fünfhaus.

In Österreich gibt es verschieden Opferschutzeinrichtungen wie Frauenberatungsstellen, Frauenhäuser und Interventionsstellen wie zum Beispiel die Wiener Interventionstelle gegen Gewalt. Diese Kriseneinrichtung hilft in Fällen akuter Gewalt in der Familie und bei Stalking. Die Polizei ist in diesen Fällen verpflichtet Opferschutzeinrichtungen sofort zu informieren. Binnen weniger Stunden wird dann der Kontakt zu den Betroffenen hergestellt und aktive Krisenunterstützung angeboten: Information, Beratung, Begleitung zu Gericht oder zur Polizei.

Damit sich Frauen die unter Gewalt leiden aus ihren toxischen Beziehungen lösen können, müssen sie sich ihrer Situation bewusst werden. Die Psychotherapeutin Katharina Schuldner beschreibt vier Schritte. "Der wichtigste Schritt ist zu Erkennen, dass ich in einer narzisstischen Beziehung bin. Ich muss die eigene Opferrolle ablegen, ich möchte etwas ändern. Der zweite Schritt: Was sind meine eigenen Glaubenssätze und Verhaltensmuster und wie kann ich die entsprechend verändern. Der dritte Schritt: Selbtsliebe, Selbstverantworung und seelisches und körperliches Wohlbefinden einsetzen. Der vierte Schritt: Wie kann ich mein Leben ohne toxische Beziehungen gestalten. Wie sieht das aus?"

"Die Patientinnen müssen lernen zu unterscheiden zwischen realer Schuld und innerer Schuld. Damit sie diese Schuld 'Ich habe es verdient' überwinden können. Nur weil ich einen Wunsch nicht befolge, bin ich nicht schuldig. Ich wehre mich zurecht", erklärt Univ. Prof. Dr. Astrid Lampe, Leiterin der Trauma-Ambulanz an der MedUni Innsbruck.

Positiver und negativer Narzissmus

Narzissmus ist dann unbedenklich, wenn darunter ein positiver Narzissmus verstanden wird. Also ein Mensch, der ein gesundes positives stabiles Selbstwertgefühl hat, selbst wenn er im Leben Rückschläge erleiden muss. Solche Menschen sind anderen zugewandt und strahlen Wärme aus. Davon zu unterscheiden sind mehrere Formen des negativen Narzissmus, die in unterschiedlichen Graden ein gemeinsames Merkmal haben: Negative oder pathologische Narzissten sind vorwiegend sich selbst zugewandt. Sie leben nach dem Motto: im Leben geht es nur um mich. Die anderen haben mir zu geben und ich nehme das, was für mich passt. Um das zu bekommen, was sie wollen, manipulieren sie ihre Partner und erzeugen Abhängigkeit durch das Wecken ihrer Schuldgefühle ihnen gegenüber.

Service

Robin Norwood, "Wenn Frauen zu sehr lieben", Rowohlt Verlag
Anne Wilson-Schaef, "Co-Abhängigkeit. Die Sucht hinter der Sucht.", Heyne Verlag
Bärbel Wardetzki, Und das soll Liebe sein? Wie es gelingt sich aus einer narzisstischen Beziehung zu befreien, DTV
Bärbel Wardetzki, Weiblicher Narzissmus - der Hunger nach Anerkennung, Kösel
Reinhard Haller, Die Narzissmusfalle. Anleitung zur Selbst- und Menschenkenntnis, Ecowin
Christine Merzeder, Wie schleichendes Gift. Narzisstischen Missbrauch in Beziehungen überleben und heilen, Scorpio
Umberta Telfener, Hilfe - ich liebe einen Narzissten. Überlebensstrategie für alle Betroffenen, Goldmann
Marie-France Hirigoyen, Die toxische Macht der Narzissten, C.H. Beck
Marie-France Hirigoyen, Die Masken der Niedertracht" Seelische Gewalt im Alltag und wie man sich dagegen wehren kann, C.H.Beck
Meg Kennedy Dugan und Roger R. Hock, Neu anfangen nach einer Misshandlungsbeziehung, Hogrefe
Sofia Müller, Im Kopf des Narzissten. Schlag ihn mit seinen eigenen Waffen, Eigenverlag (Internet-Donwload)
Rotraud Perner, Aufrichten! Anleitung zum seelischen Wachstum, Orac, 2019

16 Tage gegen Gewalt an Frauen
Bundeskanzleramt - 16 Tage gegen Gewalt
Kriseninterventionszentrum
Frauen-Helpline gegen Gewalt (kostenlos, anonym, 0.00-24.00)
Hilfe bei Gewalt Onlineberatung f. Frauen & Mädchen (16.00 - 22.00)
Frauentelefon der Stadt Wien
Frauen beraten Frauen
Familienberatung
Gewalt in der Familie - Info
Info für Kinder über Gewalt (Deutsch, Englisch, Türkisch)
Gewaltschutzzentrum
Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt
Frauenhäuser Wien
Männerberatungsstellen
Gewaltprävention und Forensische Therapie
Polizei
Selbsthilfegruppen

Weiterführende Links:
Das Portal für und über die narzisstische Persönlichkeitsstörung: narzissmus.net
Überblick über destruktive Beziehungen und Lösungen daraus:
re-empowerment
re-empowerment: Warum tut er das?
Die Opferschutz-Toolbox

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