Massentests

APA/GEORG HOCHMUTH

Der Journalismus im Schnelltest

Die Corona-Massentests laufen, das Medienecho ist gewaltig, die Meinungen zur Sinnhaftigkeit sind gespalten. Es ist auch ein Marketing-Coup von Sebastian Kurz. Alles, was zuletzt aus dem Ruder gelaufen ist, wird von den News über den nationalen Kraftakt, wie die Massentestung genannt wird, zugedeckt. Es ist ein exemplarisches Beispiel dafür, wie sich die ÖVP immer wieder die Themenhoheit sichert. Und gleichzeitig ein Beleg dafür, dass die Ankündigungspolitik Marke Kurz schwächelt.

Kurz überraschte alle, sogar seinen Gesundheitsminister. Rudolf Anschober rückte wiederholt mit der Warnung aus, dass auch ein negatives Ergebnis beim Massentest kein Freibrief für Sorglosigkeit an den Weihnachtsfeiertagen sei. Nur: was einmal draußen ist, lässt sich nicht mehr leicht einfangen. "Massentests als Befreiungsschlag", titelte die "Kronen Zeitung" auf dem Cover. "So will Kanzler Weihnachten retten", schrieb die Gratiszeitung "Österreich".

Sebastian Kurz und Rudolf Anschober

APA/ROLAND SCHLAGER

Risiko-Kompensation zum Christkind

Und da war die Frage, wie sinnhaft diese Tests überhaupt sind, noch gar nicht wirklich gestellt. Selbst Regierungs-Berater warnen vor einem falschen Sicherheitsgefühl durch die Tests, der Experte für Krisenkommunikation Martin Zechner nennt den Fachausdruck dafür: "Im schlimmsten Fall könnte die Bevölkerung zu einem Verhalten animiert werden, das wir als Risikokompensation beschreiben." Risikokompensation zum Christkind? Diejenigen, die die Tests durchführen, müssen des Kanzlers Vorhaben verteidigen: Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker, sonst gern kritisch, präsentierte im Ö1 Morgenjournalinterview die Feel-Good-Variante. Das sei auch ein Beitrag "zur Verbesserung des seelischen Zustandes, wenn Sie so wollen".

Medien surfen auf dem News Cycle

Und auch die Medien machen mit. Leonhard Dobusch, Uni-Professor in Innsbruck und Fernsehrat beim öffentlich-rechtlichen ZDF in Deutschland: "Wenn Kurz plötzlich Massentests verkündet, ist das natürlich die Top-Meldung in allen Nachrichtensendungen des Landes. Die Kommunikationsstrategie des Kanzlers ist erfolgreich, weil die Medien versuchen, auf dem news cycle zu surfen und auf der aktuellen Themen-Konjunktur mitzuschwimmen." Das rechne sich auch, das bringe Reichweite, erklärt Dobusch.

Wenn das Regierungsnarrativ wirkt

Die Erzählung der Regierung schafft es nicht selten auch direkt in die Redaktionen: "Die Regierung hat bereits vier Millionen Antigentests geordert, die besten, die auf dem Markt sind", schrieb der "Kurier". Dabei hat das Bundesheer als Abwickler jene Tests nehmen müssen, die es in der kurzen Zeit nach der überraschenden Ankündigung halt kriegen konnte, wie das Ö1 Mittagsjournal recherchiert hat. Die "Kronen Zeitung" jubelt über die Nikolo-Ausnahmeregelung im Lockdown: "Aufatmen bei allen braven Mädchen und Buben in Österreich: Laut Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) darf der Nikolaus trotz Corona zu ihnen kommen!" Und Journalisten-Fragen drehen sich bisweilen auch darum, ob es auf Skihütten Germknödel zum Mitnehmen geben wird.

Das Virus kommt wieder mit dem Auto

Aber für den Kanzler wird es auch schwierig, etwa als er in den Raum gestellt hat, dass Urlaubsheimkehrer vom Westbalkan an der zweiten Virus-Welle schuld seien: "Wir hatten im Sommer sehr, sehr niedrige Ansteckungszahlen nach dem Lockdown und haben dann durch Reiserückkehrer, und insbesondere auch durch Menschen, die in ihren Herkunftsländern den Sommer verbracht haben, uns Ansteckungen wieder ins Land hereingeschleppt." An sich ist das ein Heimspiel für Sebastian Kurz. "Das Virus kommt mit dem Auto" ist sein Spruch. Und sein Markenkern.

Immer dieses Haar in der Suppe

Als "Puls24"-Reporter Paul Batruel ihn in der Regierungspressekonferenz anlässlich der Öffnungs-Schritte fragt, wie er das denn belegen könne, kommt der Kanzler ins Schwimmen. So wie in der ZIB2, wo ihn Armin Wolf ebenfalls dazu löchert. "Ich bitte nur darum, nicht überall das Haar in der Suppe zu suchen", hat Kurz bald einmal entnervt gesagt. Und: "Ich kann die Pandemie nicht wegzaubern!" So gezaubert hat der ÖVP-Obmann bei einem Medienauftritt noch selten.

Wenn der Kanzler ins Zaubern kommt

Leonhard Dobusch, er ist auch Mitbegründer des progressiven Momentum-Instituts, hat eine Erklärung dafür: "Wenn ich bei Corona ankündige, dass wir eine Zweite Welle verhindern wollen, und dann zu wenig dafür tue und im weltweiten Vergleich ganz hinten lande, dann merkt man, dass das eine neue Situation ist. Einfach das Thema wechseln geht in einer anhaltenden Pandemie nicht."

Sogar Kogler geht auf Distanz zu Kurz

Der news cycle ist durchbrochen, der ÖVP-Chef versucht, sein PR-Konzept mit Feindbildern und Polarisierung aufzufangen. Das hat nicht nur zu heftiger Kritik und persönlicher Betroffenheit im Netz geführt, sondern auch zu einer Distanzierung des Koalitionspartners, was selten ist. Grünen-Chef Vizekanzler Werner Kogler warf Kurz "einseitige und mangelnde Sensibilität" vor. Die Tageszeitung "Die Presse", kein linkes Kampfblatt, schrieb: "Da geht es um den Aufbau von Sündenböcken - eine unnötige wie falsche Aktion."

Ping-Pong mit dem Sündenbock-Spiel

Sündenböcke suchen, das ist das berühmte "Blame Game" - das Kurz bei Auftritten in deutschen Medien ganz entrüstet zurückgewiesen hat, als es im Frühjahr um Ischgl und die Verantwortung für die Verbreitung des Virus in Europa gegangen ist. Die europäischen Partner haben Ischgl nicht vergessen. In der Diskussion, wann die Ski-Saison in Österreich starten soll hat sich auch Altkanzler Wolfgang Schüssel per Gastkommentar in der "Süddeutschen Zeitung" zu Wort gemeldet. Fehler seien überall gemacht worden, für "Blame-Games" bestehe kein Anlass, bläst Schüssel ins selbe Horn wie Kurz. Während der das Sündenbock-Spiel auf die Spitze treibt.

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