Ljuba Arnautovic

LEONHARD HILZENSAUER

Ljuba Arnautovic

Roman "Junischnee"

In ihrem zweiten Roman erzählt Ljuba Arnautovic die Geschichte ihres Vaters, der als sogenanntes "Schutzbundkind" im Bürgerkriegsjahr 1934 von Wien nach Moskau geschickt wird und erst 20 Jahre später ins Nachkriegs-Österreich zurückkehrt.
Am Donnerstag und Freitag ist die Autorin in der Sendereihe "Im Gespräch" zu hören.

Die österreichische Autorin Ljuba Arnautovic ist eine Spätberufene. Vor drei Jahren hat ihr Debütroman "Im Verborgenen", in dem sie das Schicksal ihrer Großmutter erzählt, für Furore gesorgt und wurde für den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Nachwuchs nominiert. Jetzt legt die 67-jährige Autorin, die unter anderem als Übersetzerin und Rundfunkjournalistin gearbeitet hat, ihren zweiten Roman "Junischnee" vor.

Wien 1934. Eva, eine überzeugte Kommunistin und Schutzbund-Kämpferin schickt ihre beiden Söhne - neun und 13 Jahre alt - ins Ferienlager nach Moskau, um sie in Sicherheit zu bringen. Für den neunjährigen Karl, der später der Vater der Autorin wird, zunächst ein Ausflug ins Paradies. Denn die kleinen Kommunisten-Kinder aus Österreich leben dort in einer geschützten Blase, erzählt Ljuba Arnautovic.

Sommerlager, dann Gulag

"Die Kinder hatten genug zu essen, ein Freizeitangebot, ein Bildungsangebot und medizinische Versorgung, einmal im Jahr Ferien und als dann klar wurde, und als dieses Paradies zerbrochen ist, da wurden sie in diese Realität geschleudert und der Kontrast muss sehr stark gewesen sein."

Als Hitler den Pakt mit Stalin bricht, werden die österreichischen Kinder in Moskau plötzlich zu Volksfeinden. Karls Weg führt über Heime, Besserungsanstalten und Arbeitslager direkt auf die Straße, wo er sich als Kleinkrimineller durchschlägt und schließlich im Gulag landet.

Der Bruder verhungert

"Das hat viele Kinder zerstört, das hat etwas gemacht mit ihren Seelen und es haben viele auch nicht überlebt." Wie etwa Karls älterer Bruder Slavko, ein feinsinniger Bursch, mit literarischen Ambitionen, der im Alter von 21 Jahren in Gefangenschaft verhungert. Eingefügte Dokumente und Briefe belegen das Geschehene und schildern in trockener Amtssprache das Unsagbare.

"Ich lese so oft Texte, wo spannende Geschichten sind, traumatische Ereignisse, und die werden durch die verwendete Sprache dann zusätzlich dramatisiert und das ist etwas, das ich schwer aushalte. Ich möchte das als Leserin selbst empfinden", so die Autorin.

Buchcover

ZSOLNAY VERLAG

Unwillkommener Rückkehrer

Der kleine Karl überlebt den Gulag, und kommt erst 20 Jahre später als erwachsener Mann zurück nach Wien, mit russischer Ehefrau und Kind, als unwillkommener Flüchtling. Die Jahre haben Spuren hinterlassen. "Er hat sich natürlich einen Panzer zugelegt, er war später ein sehr harter Mensch, ein zynischer Mensch, aber weder Opfer noch Täter, sondern ein Mensch."

Wie die große Weltpolitik Charaktere formt, Schicksale durcheinanderwirbelt und Familiengeschichten über Generationen hinweg prägt, das erzählt Ljuba Arnautovic in einer klaren, poetischen Sprache, ohne Sentimentalität. "Ich bau ganz gern Distanz auf zu den Figuren, weil man sie aus der Distanz besser erkennen kann. Ich halte sie mir dadurch auch vom Leib."

Poetischen Sprache, ohne Sentimentalität

Schon jetzt schreibt Ljuba Arnautovic an einem dritten Roman. Der wird von den späteren Jahren des Vaters handeln und von ihr selbst, die in "Junischnee" nur als Kind vorkommt. "Es ist leicht über Familienangehörige zu schreiben, die bereits verstorben sind, ich muss überlegen: Bleibe ich beim auktorialen Erzählen, wähle ich eine Ich-Form? Wie sieht diese Figur aus, die dann ich bin. Für mich ist das wieder absolutes Neuland und ich kann jetzt noch nicht sagen: Wird das was oder wird das nix oder wird das was ganz anderes?"

Nimmt man die beiden ersten Bücher von Arnautovic als Gradmesser, darf man diesbezüglich durchaus und unbedingt optimistisch sein.

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Ljuba Arnautovic, "Junischnee", Roman, Zsolnay Verlag

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