Christoph Ransmayr

Magdalena Weyrer

"Der Fallmeister"

Neuer Roman von Christoph Ransmayr

Mit seinem vorigen Roman "Cox oder der Lauf der Zeit" war Christoph Ransmayr in die chinesische Vergangenheit eingetaucht, jetzt wirft er einen Blick in die Zukunft. "Der Fallmeister" heißt der heute erscheinende neue Roman, und der Untertitel "Eine kurze Geschichte vom Töten" gibt schon einen Hinweis darauf, dass es mit der Zukunft nicht zum Besten bestellt ist.

Zwergstaaten, Kleinfürstentümer und Grafschaften - das Europa der Zukunft, das Christoph Ransmayr entwirft, ist eine Scherbenwelt, ein kleinstteiliges Mosaik, das eine Durchquerung des Kontinents entweder zu einem Hürdenlauf oder wegen der zahlreichen Konflikte überhaupt unmöglich macht.

Dogmatiker an der Macht

"Ich bin weder Historiker, noch politischer Analyst oder gar Prophet", sagt Christoph Ransmayr über sein Bild eines zukünftigen Europa, "aber es stellt sich doch die Frage: Wenn diese zum Teil wirklich widerlichsten Dogmatiker und Prediger, die jetzt in europäischen Parlamenten und sogar von Regierungsbänken herab ihre Stimme erheben, wenn die sich durchsetzen, wohin würde das eigentlich führen."

Membran der Moral

Hauptfigur und Ich-Erzähler seines Romans ist ein Hydrotechniker, dessen Vater als Fallmeister für ein ausgeklügeltes Schleusensystem verantwortlich ist, durch das sich ein mächtiger Wasserfall umschiffen lässt.

Eines Tages ertrinken durch seine Schuld fünf Menschen und der Sohn glaubt an Mord und beginnt nach den Ursachen zu forschen. "Es stellt sich doch immer die Frage", so Christoph Ransmayr: "Wie dünn ist die Membran, die uns Menschen mit möglicherweise guten oder besten Absichten, trennt von einem Wesen, das bereit ist, zu töten?"

Buchumschlag

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Vom Mekong zur Traun

Als Hydrotechniker arbeitet der Ich-Erzähler entlang großer Flüsse. Im Amazonasgebiet oder am Mekong, wo es einen Zubringer gibt, der während der Monsunzeit die Fließrichtung wechselt. Christoph Ransmayr kennt sowohl Südamerika als auch Kambodscha von seinen Reisen und schildert atmosphärisch und bildmächtig die exotischen Schauplätze, die tiefen Dschungelwälder und reißenden Wassermassen.

Der Heimatort des Ich-Erzählers liegt jedoch in der Grafschaft Bandon, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Salzkammergut aufweist. "Ich bin am Ufer der Traun groß geworden", sagt Christoph Ransmayrs: "Roitham, das Dorf, aus dem ich stamme, liegt ja ganz in der Nähe des Wasserfalls. Der Fluss ist dort tief eingeschnitten, es gibt Wände, die direkt aus dem Weißwasser zu ragen scheinen."

Inzest und Feuersturm

Den Weg zurück nach Europa findet der Ich-Erzähler erst, als er sich im krisengebeutelten Europa auf die Suche nach seiner Schwester macht. Diese Mira hat mittlerweile einen blauhaarigen Deichgrafen geheiratet und war in einen Turm an der Nordsee gezogen. Die Glasknochenkrankheit der Schwester und ein einst inzestuöses Verhältnis der Geschwister lassen das Wiedersehen jedoch zum tragischen Fiasko werden.

Des Ich-Erzählers anschließende Reise durch Europa führt ihn durch einen Feuersturm im Hamburger Hafen bis hinunter an die Adria, das Durchkommen ermöglicht ihm dabei einzig seine gehobene Position bei einem Syndikat. "Die einzigen großen Konzerne, die es in der Fallmeister-Welt noch gibt", erzählte Christoph Ransmayr, "sind Wasserkonzerne, die einerseits Süßwasser fördern und andererseits Wasser in Energie verwandeln."

Dystopie und Reisebericht ist Christoph Ransmayrs "Der Fallmeister", Liebesgeschichte und Erkundung dunkler Seelenabgründe. Ein mächtig mäandernder Strom durch das brennende Europa.

Service

Christoph Ransmayr, "Der Fallmeister - Eine kurze Geschichte vom Töten", Roman, S. Fischer

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