Bo Skovhus (Ruprecht), Andrew Owens (Jakob Glock), Ausrine Stundyte (Renata), Schauspielensemble

BERND UHLIG

Prokofjew mit dem RSO

"Der feurige Engel" als Radiopremiere

Was tun mit einer Produktion, die vor knapp einem Jahr schon einmal verschoben wurde und jetzt wieder nicht vor Publikum stattfinden kann? Vor dieser Herausforderung steht - wohl nicht als einziges Haus - das Theater an der Wien mit Sergej Prokofjews "Der feurige Engel". Nun wandert das Frühjahrshighlight mit namhafter Besetzung zumindest ins Radio, wo die Produktion Samstagabend im Ö1 "Opernabend" Premiere hat. Fernsehausstrahlung und DVD-Produktion sollen folgen.

Seit ihrer Kindheit ist Renata (Ausrine Stundyte) in Visionen und später in einer körperlichen Beziehung mit einem feurigen Engel verbunden, obwohl sie zum keuschen Leben einer Heiligen bestimmt ist. Als er sich ihr entzieht, bleibt sie verzweifelt und verstört zurück. Durch Zufall trifft Ruprecht die Frau und begleitet sie auf ihrer Suche nach dem entschwundenen Engel. Unterwegs entsteht ein Wechselspiel aus Begehren und Ablehnung, während sie auf skurrile Gestalten vom Buchhändler über den Gelehrten Agrippa bis zu Faust und Mephistopheles treffen.

Basierend auf einer Romanvorlage schrieb Sergej Prokofjew Libretto und Musik zu einer Oper, deren wirre Handlung viele Fragen aufwirft, wie Andrea Breth meint: "Wer ist eigentlich Agrippa? Warum sitzen Faust und Mephisto in der Kneipe und warum isst Mephisto ein Baby? Das sind lauter undurchschaubare symbolistische Elemente, die das Stück unverständlich machen."

Bo Skovhus (Rupert), Ausrine Stundyte (Renata) und die Schauspieler Siegbert Pacher, Helmut Jannach, Johann Steunzer & Ensemble

Bo Skovhus (Rupert), Ausrine Stundyte (Renata) und die Schauspieler Siegbert Pacher, Helmut Jannach, Johann Steunzer und Ensemble

BERND UHLIG

Ein Opernkosmos in der Nervenheilanstalt

Also entwirrt und verlegt die Regisseurin die gesamte Handlung kurzerhand in eine Nervenheilanstalt mit brutalen Umgangsformen und Behandlungsmethoden, lässt Renata an epileptischen Anfällen leiden und den übrigen Patienten unterschiedliche Wahnvorstellungen und Zwänge angedeihen. Aus den skurrilen Figuren werden plötzlich "Menschen mit schwierigen Gemütszuständen", so die Regisseurin.

Das Grau in Grau der Bühne wird bevölkert von kargen Eisenbetten, gestreiften Matratzen, zynischen Ärzten und armseligen Patienten. Und plötzlich dreht sich der Spieß um: Was, wenn die leidende Liebende keine Verrückte ist, sondern von der Gesellschaft zu einer solchen erklärt wird? Wenn Ärzte Henker statt Heiler sind und der Inquisitor einem Mafiaboss zum Verwechseln ähnlichsieht?

Musikalischer Höllenritt

Im Radio ist von einem solchen, für das Verständnis essenziellen Regieansatz, freilich wenig spürbar. Wohl aber von den essenziellen musikalischen Eingriffen, die der Dirigent Constantin Trinks gemeinsam mit dem RSO Wien zugunsten des Werks vorgenommen hat, das auch ein wenig die fehlende Opernerfahrung des Komponisten widerspiegelt, wie er meint.

Denn Prokofjew, der ein Leben lang vergeblich versuchte, als Bühnenkomponist zu reüssieren, vollendete die Partitur dieses Werks schon 1927. Uraufgeführt wurde die Oper aber erst 1954, also ein Jahr nach seinem Tod, und auch nur konzertant. "Er hat es nie gehört, konnte also auch nie Korrekturen vornehmen, die er ganz sicher noch gemacht hätte", ist Trinks überzeugt. Prokofjews düstere, ambitionierte Klangvorstellungen haben trotzdem einen großen Reiz, sagt Constantin Trinks und verweist auf eine Passage im Finale: "Der Chor mehrfach geteilt, im Orchester ist die Hölle los, dazu die Solisten, also das hat schon einen Effekt."

Es steht also ein feuriges Hörerlebnis bevor - ebenso mächtig wie packend und faszinierend.

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Wikipedia - Sergej Prokofjew

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