Ilya Gringolts

Kaupo Kikkas

30. November

Wien Modern: Abschluss im Livestream

Bereits zum zweiten Mal hat ein Lockdown das Festival Wien Modern vorzeitig beendet. Das Abschlusskonzert am 30. November im Wiener Konzerthaus findet aber statt und kann via Livestream mitverfolgt werden. Eine Konzertvorschau und eine Festivalbilanz.

"Eine Mischung aus Sex und Autorennen", beschrieb die "Münchener Abendzeitung" die "sinnliche Oberfläche" von Beat Furrers Violinkonzert nach der Uraufführung vor einem Jahr. Der Solist, dem Furrer sein Werk gewidmet hat und viel Raum für Entfaltung bietet, ist auch bei der Aufführung im Wiener Konzerthaus der russische Stargeiger Ilya Gringolts. Am Dirigentenpult steht diesmal der Komponist selbst, ausführendes Orchester sind die - ebenfalls auf Jahre ausgebuchten - Wiener Symphoniker.

"Das kann drei, vier Jahre dauern, bis wir das wieder hinkriegen, und jetzt machen wir’s einfach", sagt Bernhard Günther, Intendant von Wien Modern. "Jetzt ist alles aufgegleist. Klar, mir wäre auch lieber, das Publikum dürfte live im Saal dabei sein."

Vorstufe zu einer Oper

Live dabei sein kann das Publikum nun über Videostream, der am Dienstag ab 19.30 Uhr über die Homepage von Wien Modern zugänglich sein wird. Dirigieren wird Beat Furrer auch sein viersätziges Werk "Tableaux", das erst im Oktober bei den Donaueschinger Musiktagen das Licht der Welt erblickte. Wie schon das Violinkonzert entstand diese Musik in Pandemiezeiten und beziehe sich auf die frühen Waldbilder des Malers Max Ernst, so Beat Furrer.

Darin finde sich eine "Mauer von abgestorbenem Wald", ein Motiv "voller Leben und Tod. Das ist eine Art Bühne eines Welttheaters."

Die "Tableaux" seien auch die Vorarbeit zu einer Oper, die er zurzeit für die Oper Zürich schreibe, verrät Furrer. Nach einem Roman der argentinischen Schriftstellerin Sara Gallardo gehe es darin um einen Menschen, der vor Hunger aus dem Amazonas fliehen musste und heimatlos geworden ist.

Jubel für Cerha und das RSO

Trotz erschwerter Bedingungen konnte Wien Modern drei Wochen lang so etwas wie Festivalstimmung erzeugen. Michael Herschs gewaltsam-mitreißende Oper "Poppaea" etwa, einer der angekündigten Höhepunkte, entfaltete im Odeon-Theater große Wirkung. Zum unfreiwilligen, aber fulminanten Schlusspunkt des Festivals geriet Friedrich Cerhas monumentales Orchesterwerk "Spiegel"; die Aufführung mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien ging im Wiener Konzerthaus an dem Tag über die Bühne, an dem der Lockdown verkündet wurde.

"Das war eine unfassbare Festivalstimmung", blickt Bernhard Günther zurück. "Ich habe in meinem Leben noch keine Viertelstunde Standing Ovations gesehen, wie es sie für den 95-jährigen Friedrich Cerha gegeben hat. Es waren wirklich große Momente dabei. Da sind wir erst einmal sehr, sehr froh."

Weiter große Vorhaben - wie etwa ein von Georg Baselitz kuratiertes Kammermusikfestival im Festival oder Georg Friedrich Haas‘ Klanglabyrinth "ceremony II" mit historischen Instrumenten im Kunsthistorischen Museum - sind vorerst wieder dem Lockdown zum Opfer gefallen. Allerdings, so der Intendant von Wien Modern: alles werde nachgeholt.

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