Thomas Wally

ORF/RAINER ELSTNER

Neue Musik auf der Couch

George Crumb: "Black Angels"

Auch wenn "Black Angels" aufgrund seiner Thematik ein dunkles Werk ist, so ist es doch gleichzeitig ein auffallend buntes; und das nicht nur aufgrund der heterogenen harmonischen und instrumentalen Farben, die sich in diesem Streichquartett wiederfinden.

"Vollendet am Freitag den Dreizehnten, März, 1970" - allein die Datumsangabe in der Partitur stößt Türen in verschiedenste Richtungen auf. So schwingt hier das Ungeheure des vielfach gefürchteten und angstbesetzten Datums mit, gleichzeitig wird hier eine jener beiden Zahlen genannt, die in diesem Werk allgegenwärtig sind (13 und 7) und schließlich, kombiniert mit der ebenfalls in der Partitur zu findenden Anmerkung "in tempore belli" (komponiert zu Kriegszeiten), verweist Crumb auf den zur Zeit der Komposition herrschenden Vietnam-Krieg.

Eine Seelenreise

Während Crumb die Verbindung zum Vietnam-Krieg heruntergespielt hat, so hat er ein anderes bestimmtes Programm dezidiert beschrieben. Laut Crumb stellt dieses Werk eine Seelenreise dar, "a voyage of the soul". Diese Reise umfasst drei Stationen: "Departure", "Absence" und "Return", vereinfacht zu übersetzen als: Abreise, Abwesenheit und Wiederkehr. Jede dieser drei Stationen ist von Crumb spezifiziert worden. So ist die Abreise als "fall from grace" (Sündenfall), die Abwesenheit als "spiritual annihilation" (spirituelle Vernichtung) und die Wiederkehr als "redemption" (Erlösung") zu verstehen. Diese dem Werk eingeschriebene Teleologie steht in einem Spannungsverhältnis zur ebenfalls ausdrücklich von Crumb beschriebenen gespiegelten Form. So sind alle Sätze konzentrisch rund um den Mittelsatz miteinander verknüpft. Der erste Satz mit dem letzten, der zweite Satz mit dem vorletzten etc.

Direkt um diesen zentralen Mittelsatz finden sich zwei zitathafte Passagen. Während im sechsten Satz der Beginn des langsamen Satzes von Schuberts Streichquartett "Der Tod und das Mädchen" anklingt, findet sich im achten Satz ein Pseudozitat: eine "Sarabanda de la Muerte Oscura" (Sarabande des dunklen Todes), welche mit harmonisch-melodischen Kunstgriffen die Zeit der Frührenaissance heraufbeschwört. Neben diesen beiden musikalischen Anspielungen, die aufgrund einer besonderen Spieltechnik klanglich an ein Gambenconsort erinnern sollen, lässt sich in diesem Quartett in stark verzerrter Form auch die "Dies Irae"-Sequenz aufspüren.

Rüttelt am akustischen Fundament

Diese harmonische Vielfalt geht Hand in Hand mit einem außergewöhnlichen Instrumentarium. Auf der einen Seite findet sich das Streichquartett durch zusätzliche Instrumente erweitert: Neben Schlaginstrumenten, nämlich Tam-Tam und Maracas, sind auch Kristallgläser vorgesehen, die mit dem Bogen zum Klingen gebracht werden. Auf der anderen Seite kommen diverse spezielle Klangerzeuger zum Einsatz, nämlich Glasstäbe, Fingerhüte und Metallplektron bzw. Büroklammer.

Die wichtigste Besonderheit ist allerdings die Tatsache, dass "Black Angels" genau genommen kein Werk für Streichquartett ist, sondern für "Electric String Quartet" - wodurch das Werk gehörig am akustischen Fundament des traditionellen Streichquartetts rüttelt.

Thomas Wally, neben seiner Tätigkeit als freischaffender Komponist und Violinist auch an der Wiener Musikuniversität als Senior Lecturer in musiktheoretischen Fächern aktiv, betrachtet dieses Werk aus (hör)analytischer Perspektive. In dieser neuen "Zeit-Ton"-Serie stellt er analytische Tools bereit, mit deren Hilfe Neue Musik mit einem geschärften Fokus wahrgenommen werden kann. Jedes Monat wird ein Streichquartett der letzten 100 Jahre analysiert, pro Jahrzehnt eines.

Gestaltung: Thomas Wally

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