Eine Ortschaft in Ungarn die von Giftschlamm verseucht wurde.

APA/HELMUT FOHRINGER

Radiokolleg

Raus aus der Klima-Bubble

Wird das 1,5 Grad Ziel nicht eingehalten, leiden zukünftig vor allem sozial benachteiligte und vulnerable Bevölkerungsgruppen unter den Folgen der Klimakrise. Umso wichtiger ist es, dass alle sozialen Schichten am Klimadiskurs teilhaben. Bisher ist das allerdings nicht der Fall. Warum?

2019 erregte die Klimabewegung durch ihre Mobilisierungskraft Aufmerksamkeit. Damals protestierten allein in Österreich 150.000 Menschen. Mittlerweile sorgen Klima-Ativist:innen mit zivilem Ungehorsam für Schlagzeilen. Während sich immer mehr Menschen Sorgen um die finanzielle Bewältigung von Heiz- und Lebenskosten machen, bewerfen Aktivist:innen wertvolle Gemälde mit Tomatensuppe. Es drängt sich die Frage auf: Ist der Diskurs über die Klimakrise elitär?

Die Zeit drängt. Wird das 1,5-Grad-Ziel nicht eingehalten, leiden zukünftig vor allem sozial benachteiligte und vulnerable Bevölkerungsgruppen unter den Folgen der Klimakrise. Höhere Heiz- und Stromkosten, wenig Grünraum oder starke Hitzewellen treffen Armutsbetroffene und einkommensschwache Personen besonders stark. Ein weiterer Aspekt, der diese Gruppe zukünftig belasten kann, sind Umweltkatastrophen. Starkregen und Überschwemmungen belasten bereits jetzt einige Gebiete in Österreich und Deutschland.

Klimafreundlich ist nicht immer klassenfreundlich

Wie mit diesen Wetterkatastrophen umgegangen wird, ist auch eine soziale Frage. So wurden etwa bei einer Flutkatastrophe im Raum Münster Schleusen geschlossen, um Gebiete zu schonen, in denen überwiegend wohlhabende Personen leben. Das Wasser wurde in Regionen mit einkommensschwacher Bevölkerung abgeleitet. Das Argument dahinter: Je teurer die Häuser, desto höher die Schäden. Der Begriff „climate classism“, übersetzt Klimaklassismus, fasst die vielschichtige Benachteiligung von Menschen aus einkommensschwachen und bildungsfernen Haushalten in der Klimakrise zusammen.

Umso wichtiger ist es also, dass alle sozialen Schichten am Klimadiskurs teilhaben. Momentan sind aber nicht alle klimafreundlichen Maßnahmen auch klassenfreundlich. Die Überlegungen beginnen bereits beim Arbeitsplatz: Viele Menschen sind gezwungen, klimaschädliche Jobs, etwa in der Stahlindustrie, anzunehmen. Ein anderes Beispiel ist die fehlende Infrastruktur im ländlichen Raum, die dazu führt, dass Arbeiternehmer:innen auf ihr Auto angewiesen sind.

Das Dilemma zwischen Klimafreundlichkeit und Klassenfreundlichkeit betrifft auch die Ernährung und das Wohnen. Denn ökologisch nachhaltige Lebensmittel und klimaneutrales Wohnen muss man sich leisten können. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass Produkte, die bisher nachhaltig und leistbar waren, wie Secondhandkleidung, durch eine steigende Nachfrage teurer werden. Wo und wie kann man also ansetzen, um auch Menschen mit niedrigem Einkommen an der Bewältigung der Klimakrise teilhaben zu lassen?

Verantwortung übernehmen in der Klimakrise

Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Ein kritischer Blick auf althergebrachte, klimapolitische Narrative könnte dabei helfen. Ein Beispiel: Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s allen gut. Der Mythos, Klimaschutz koste Arbeitsplätze, wurde sowohl von Unternehmer:innen als auch von Arbeitnehmer:innen verinnerlicht. Auch Erzählungen wie jene, dass Produkte nachhaltiger werden, wenn Konsument:innen dies fordern würden, prägen den Klimadiskurs in Österreich und lenken von der Dringlichkeit zu handeln ab.

Eine transparente Aufarbeitung dieser Fehleinschätzungen und konstruktiver Journalismus könnten hingegen neue Handlungsmöglichkeiten bieten. Dies sei laut dem Umweltpsychologen Sebastian Seebauer essenziell, um sich von Katastrophen nicht überrollt, sondern selbstwirksam zu fühlen und die Motivation für klimafreundliches Verhalten zu steigern.

Wie kann die Klimabewegung den Klassismus überwinden?

Das 1,5-Grad-Ziel kann also nur gemeinsam erreicht werden. Und dazu gehören auch die circa 2,15 Millionen armutsbetroffenen, -gefährdeten und einkommensschwachen Menschen in Österreich. Sie sollen nicht nur in der Klimapolitik mitgedacht werden, sondern selbst Platz am Verhandlungstisch nehmen können. Dazu braucht es Bildung und Solidarität. Das Kollektiv „Bildung für utopischen Wandel“ bietet etwa Schulworkshops zu Klima und Klassismus an. Wie Klima-Aktivist:innen Arbeiter:innen unterstützen können, sah man in München. Die beiden Gruppen protestierten gemeinsam gegen die Entlassung von 250 Fabrikangestellten und forderten eine Umstellung des Werks auf klimafreundliche Produkte.

Gestaltung: Johanna Hirzberger

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  • Johanna Hirzberger