AP/Ed Johnson
Radiokolleg | 30 09 2024 – 03 10 2024
Ein Jahrhundert Kulturbeschleunigung Radio
22. September 2025, 13:24
Radiowellen kreuzen Klassengrenzen
Musik im Radio war immer schon auch eine politische Angelegenheit: Nur fünf Jahre nach ihrer Gründung übernimmt die British Broadcasting Corporation (BBC) 1927 die Produktion der "Proms", eines im 19. Jahrhundert mit dem Ziel der Popularisierung klassischer Musik gegründeten Londoner Musikfestivals. Die Radioübertragung potenziert die Wirkung dieser didaktischen Mission. Gleichzeitig wird in den ländlichen USA jene Country- und Bluegrass-Musik, die bisher nur in der Provinz zu hören war, über die Radiowellen in die Städte hinausgetragen. 1925 wird aus Nashville, Tennessee, der erste WSM Barn Dance übertragen, zwei Jahre später erhält er seinen bis heute geführten Namen: Grand Ole Opry. Auf beiden Seiten des Atlantiks geht es letzt um die Etablierung einer nationalen Musikkultur. Aber auch in Österreich bricht das Radio von Anfang an die Klassengrenzen des Musikkonsums, andererseits bzw. belehrt die kleinen Leute, nicht immer zur ungeteilten Freude aller - "Quält uns nicht mit eurer Klassik!" heißt es in der ersten Hörer*innenbefragung.
Medienmacht Radio: Die Neuordnung der Welt
Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreißigerjahre ist die Radio Corporation of America (RCA) in den USA so mächtig, dass sie sich mit dem Grammophonhersteller Victor zu einer marktdominanten Macht vereint. Radio bestimmt also, welche Musik die Menschen hören und welche Platten sie kaufen.
Statt Big Bands, die die größten Tanzhallen beschallt hatten, bevorzugt das neue, elektrische Mikrophon kleinere Besetzungen und die leise, aber nahe an der Membran singende, menschliche Stimme ("crooners"). Nicht mehr die Big Band-Leader, sondern die Sänger*innen sind die neuen Stars des Radiozeitalters.
Während des zweiten Weltkriegs erleben die USA den ASCAP-Boykott der Radiostationen gegen die etablierten Songwriter und kurz darauf einen zweijährigen Streik von Musiker*innen gegen die ausbeuterischen Praktiken der Plattenindustrie. Als Folge dieser Konflikte werden die Karten im US-Musikgeschäft völlig neu gemischt, und mit dem Sieg der Alliierten verbreiten sich diverse, neue Klänge über den europäischen Kontinent - der ideale Nährboden für die kommende Pop-Revolution.
Mittel, lang oder ultrakurz: Die Frequenzenkriege
Im USA der Sechzigerjahre ist das weiter strahlende AM-Mittelwellen-Radio das bevorzugte Medium für billige, junge Pop-Musik. Gleichzeitig hört die europäische Jugend mangels öffentlicher Popsender per AM-Langwelle Radio Luxemburg.
AM, also Amplituden-Modulation bedeutet aber, dass diese Musiksender auf dynamische Schwankungen ganz empfindlich reagieren. Um gut gehört zu werden, setzen junge Produzenten wie Phil Spector und Labels wie Tamla Motown auf helle Stimmen, Schellenringe, Piccolo-Flöten und vor allem die Technologie der Kompression. Es beginnt der bis ins digitale Zeitalter anhaltende "Loudness War", der auch im technisch avancierten FM-Radio tobt und bis tief ins 21. Jahrhundert hinein eskaliert. Bis ein - übrigens von einem ORF-Techniker führend ausverhandelter - Friedenspakt das Geböller und Gebolze beendet.
Piraten und College Radio: Zwischen Subkultur, Kommerz und Community
Mitte der Sechzigerjahre herrschen in Großbritannien noch die strengen Vorschriften die Musicians Union zum Schutz live im Radio spielender Ensembles. Nur ein geringer Anteil an Musik im Radio darf von Tonkonserve übertragen werden - und das zu Zeiten einer explodierenden Pop-Szene. Von Schiffen aus dem Ärmelkanal sendende Piratenradiosender füllen diese Marktlücke, indem sie rund um die Uhr Charts-Pop spielen. Sie erzwingen so indirekt die Gründung des öffentlichen Pop-Senders Radio One im Jahr 1967, etwa zeitgleich mit Ö3 in Österreich. Die als Teenager-Kram missachtete Popmusik wird zum Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrags.
In der vom Kommerz regierten amerikanischen Medienlandschaft wiederum formiert sich in den Achtzigern ein Netzwerk von Studierenden betriebener College Radios als Alternative zum alle Variation erstickenden Formatradio. Es dauert nicht lange, und der Erfolg von Bands wie R.E.M. und Nirvana macht die Nische des Alternative Rock wird selbst zu einem globalen Genre.
Und heute? Läuft man den Algorithmen nach, oder kann sich das Medium Musikradio in der digitalen Ära neu erfinden?
