ORF/URSULA HUMMEL-BERGER
März 2026
Ö1 Buch des Monats: "Im ersten Licht"
Norbert Gstreins Antikriegsroman "Im ersten Licht" ist das Ö1 Buch des Monats.
22. Februar 2026, 17:00
"Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten."
Ernest Eller, Martin Baumgartner und Teddy Stephen sind die tragischen jungen Männer, die Adrian Reiter im Laufe seines Lebens den Schrecken der Kriege vor Augen führen. Adrian Reiter, 1901 geboren und in der Nähe von Salzburg aufgewachsen, blieb vom Krieg verschont - dank einer Verletzung, die ihm sein Vater absichtlich zugefügt hatte. Zu gerne wäre Reiter genau das im Krieg gewesen: ein Reiter. Das schlechte Gewissen, nicht im Krieg gedient zu haben, ergänzt durch den Komplex seiner einfachen Herkunft lässt Adrian zu einem kauzigen Mann werden. Ein Lehrer, der erst gegen Ende seines Lebens in den englischen Downs eine gewisse Offenheit erlangt.
Präzise, klar, kunstvoll
Der in Tirol geborene Autor Norbert Gstrein schafft mit Adrian einen feigen, unsicheren und unterwürfigen Mitläufer. Gstrein stellt die Frage der Schuld bzw. Mitschuld in den Mittelpunkt und zieht die Frage der Pflichterfüllung gekonnt bis hin zu einem Bundespräsidenten, der sich an nichts erinnern kann.
Sprachlich präzise und klar und dennoch kunstvoll und stilistisch ausgereift erzählt Gstrein diesen historischen Stoff mit beeindruckenden Figuren, die den Roman gliedern. Vom Großbürgerlichen Ernest Eller, der vom Krieg entstellt von seiner Familie für tot erklärt wird, zu Martin Baumgartner, dem kriegsbegeisterten Schüler Adrian Reiters, der zum Nazi wird, bis zu dem englischen Soldaten Teddy Stephen, der im Ersten Weltkrieg von den eigenen Leuten hingerichtet wurde. Den kurzen vierten Teil betitelt Gstrein mit "Der Autor" und bringt sich geschickt selbst ein.
Wunden, die nie verheilen
Gstrein zeigt in diesem bedeutenden Roman Fanatismus und Begeisterung für Kriege, die zwar umschlägt, deren tiefe Wunden nie verheilen. Ein Jahrhundertroman.
Im ersten Licht ist es am schlimmsten. Im ersten Licht ist der Schrecken des Krieges am größten. "Er hat weder den Übergang von der Helligkeit in die Dunkelheit noch den von der Dunkelheit in die Helligkeit jemals wieder selbstverständlich hinbekommen, aber am meisten Angst gehabt hat er im ersten Licht."
Service
Norbert Gstrein: "Im ersten Licht", Hanser Verlag
