DAYNA TSCHARNKE
Ö1 Talentebörse
Arno Kramer, Musiksoziologie
In Kooperation mit den österreichischen Kunstuniversitäten präsentiert Ö1 junge Kunst-Talente Österreichs. Arno Kramer studiert Musiksoziologie an der Universität für Musik und darrstellende Kunst Wien.
21. August 2026, 07:55
Junge Künstlerinnen und Künstler im Porträt
Ich bin eine vielseitig musikbegeisterte Person, habe jedoch keine klassische Musikausbildung genossen, sondern setze mich primär auf einer wissenschaftlichen Ebene intensiv mit Musik auseinander. Jetzt bin ich an einer weltweit renommierten Musikuniversität und frage mich des Öfteren, wie ich hier gelandet bin.
Geboren: 1997 in Frankfurt am Main
Aktuelles Studium: Masterstudium der Musiksoziologie (Rosa Reitsamer), Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Was ist Kunst?
Getreu meiner Herkunft aus Frankfurt am Main ist mein Kunstverständnis stark von Adorno und der Kritischen Theorie geprägt. Kunst ist für mich Antithese zur bestehenden Gesellschaft, die ihr auf radikale Weise den Spiegel vorhalten und ihre Widersprüche sichtbar machen kann.
Kommt Kunst von können, müssen oder wollen?
Ein Mix aus allem. Wenn ich es sortieren müsste, würde ich wollen wohl auf die Eins setzen, können auf die Zwei und müssen auf die Drei.
Wie sind Sie zur Kunst gekommen?
Vorab: Wirklich künstlerisch aktiv bin ich nicht. Deshalb beantworte ich diese Frage mal damit, wie ich zu meinem Forschungsgebiet gekommen bin. Ich bin in Frankfurt geboren und aufgewachsen, einer Stadt, in der man dem Fußballverein Eintracht Frankfurt schlichtweg nicht entgehen kann. Ob durch Sticker, Graffitis, Trikots oder in Gesprächen – er ist omnipräsent. Schon als Kind bin ich regelmäßig ins Stadion gegangen und war von der Atmosphäre und den Gesängen fasziniert. Über die Jahre habe ich gemerkt, wie präsent diese Gesänge auch in meinem Alltag sind. Sie haben mein Interesse an der Fankultur geweckt und sind für mich bis heute eine der lebendigsten und spannendsten Ausdrucksformen dieser Kultur, die ich zurecht als eine der letzten noch wirklich lebendige Subkulturen bezeichnen würde.
Was ist für Sie notwendig, um kreativ sein zu können?
Viel Trubel und Bewegung um mich herum, wobei ich nicht Teil dieses Trubels bin, sondern ruhen kann und alles inmitten dieses Trubels beobachten kann. Eine Großstadt ist super dafür. Am liebsten in U-Bahn, S-Bahn, Bim oder Bus.
Fällt es Ihnen leichter ein Projekt zu beginnen oder abzuschließen und warum?
Mir fällt es leichter, ein Projekt abzuschließen. Denn im besten Fall ist dann alles bereits konkret und alle Prozesse laufen zusammen. Die fehlende Struktur und ausufernde Gedanken sind passé und ich kann zielstrebig auf den Projektabschluss hinarbeiten. Alles steht und fällt mit der klaren Benennung der Projektziele und eines möglichen Endes. Gibt es das nicht, müsste ich neu überlegen.
Welches Geräusch beschreibt Ihre Arbeit am besten?
Das Grundrauschen und kollektive Singen von zigtausenden Menschen in einem Stadion.
Wo würden Sie am liebsten auftreten/inszenieren/ausstellen/performen?
Toll wäre es, wenn das Thema mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen würde. Eine Radiosendung oder ein Podcast, in dem ich mich regelmäßig den Fangesängen einzelner Vereine oder unterschiedlichen Arten von Fangesängen widme, wäre toll. Die Vielfalt an Fangesängen und ihren Geschichten bietet auf jeden Fall mehr als genug Material dafür. Vielleicht nehme ich das in naher Zukunft mal in Angriff.
Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?
Mit dem Vorsänger von Eintracht Frankfurt, wahnsinnige Stimme. Legendenstatus.
Was soll Ihre Kunst bei anderen auslösen?
Viele Menschen denken bei singenden Fußballfans schnell an grölende Proleten. Ich merke das ja auch bei meiner eigenen Mutter: Wenn ich ihr von den Interviews erzähle, die ich führe, denkt sie sofort, dass ich gewaltbereiten Männern gegenüberstehe, die Fußball und ihr Fan-Dasein nur als Vorwand nutzen, um sich zu betrinken oder zu prügeln. Ich will nicht leugnen, dass es solche Fans gibt. Stereotypen entstehen ja nur selten völlig grundlos. Aber diese Sichtweise greift mir viel zu kurz. Sie wird einer Kultur nicht gerecht, die so viel mehr als das ist. Hinter Fangesängen stehen Gemeinschaft, Kreativität, Identität und oft auch politische oder gesellschaftliche Ausdrucksformen. Wenn meine Arbeit dazu beitragen kann, dieses Bild ein Stück weit aufzubrechen und einen differenzierteren Blick auf die Fankultur zu ermöglichen, dann bin ich zufrieden.
Ein Risiko, das ich mir (nicht) erlaube, ist…
Ich sichere allen Personen, mit denen ich spreche, 100%ige Anonymität zu. Informationen, die mir im Vertrauen abseits eines Interviews mitgeteilt wurden, würde ich deswegen niemals preisgeben oder verwerten – egal wie spannend oder relevant sie für meine Forschung auch sein mögen.
Wann haben Sie zum letzten Mal etwas zum ersten Mal gemacht?
Ich war letztens zum ersten Mal floaten. Das sind Becken, die mit einer derartig konzentrierter Sole gefüllt sind, sodass man auf der Oberfläche schwebt. Körper-, Raum-, und Wassertemperatur sind gleich, es ist dunkel und ruhig und ich konnte komplett abschalten. Genau diese Reizreduktion ist das Ziel dabei. Ich werde es definitiv nicht zum letzten Mal gemacht haben.
Worüber haben Sie zuletzt laut gelacht?
Über ein Video vom Marlin-Man. Das ist ein Video von einer Person, die aus einem Helikopter heraus mit einem Kopfsprung ins Wasser springt um sich in selber Bewegung noch an einem Schwertfisch, dem schnellsten Fisch der Welt, festzuhalten. Ein absurdes Video.
