Tragende Sherpas

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Hörbilder

Dünne Luft und schwere Last - Das Joch der Sherpa

Das Volk der Sherpa lebt am Fuße des Mount Everest: Eine Existenz zwischen kargen Feldern, körperlicher Schwerstarbeit, hohem Risiko und zweifelhaftem Gipfelglück. Viele wandern aus. Ernst Weber ist auf der Route Richtung Everest-Basislager gewandert und hat unterwegs mit Sherpas gesprochen: Über das Leben zwischen den höchsten Bergen der Welt, über Tradition und Aufbruch - und über jene Menschen, ohne die der Traum vom Mount Everest kaum möglich wäre.

Mingma Nuru Sherpa bleibt vor der Hängebrücke stehen und hebt warnend die Hand. „We must wait!“ Maultiere haben Vorrang. Hunderte Tiere ziehen über die Hillary Bridge, die den Dudh Kosi überspannt - den Milchfluss, der 134 Meter tiefer schäumend durch das Khumbu-Tal fließt.

Dzopkyos

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Mingma Nuru Sherpa ist Trekking Guide in Nepal. Gemeinsam mit zwei Gästen und einem Träger ist er auf dem Weg, der zum Everest-Basislager führt. Der 46-Jährige weiß nicht mehr, wie oft er diese Strecke schon gegangen ist. Bereits als Kind begleitete er seinen Vater, einen Bauern und Träger. Mit zahmen Dzopkyos - einer Kreuzung aus Yak und Hausrind - transportierte dieser alles, was Expeditionen am Everest oder die Menschen in den Dörfern zum Leben brauchten. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Hillary Bridge

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„Beim Überqueren der Brücke sollte man besser nicht durch den Gitterrost nach unten schauen."

Die Maultiere tragen Reissäcke, Gemüse, Gasflaschen, Bierkisten, Zelte und Campingausrüstung. Straßen gibt es im Khumbu-Tal bis heute nicht. Als Bub schleppte Mingma Heu für die Lasttiere. Während sie rasteten, sammelte er getrockneten Yakdung, ein begehrter Brennstoff in den hoch gelegenen Dörfern. So verdiente er sich seine ersten Rupien.

Der Strom der Lasttiere reißt nicht ab. Die Treiber feuern ihre Mulis mit Rufen und schrillen Pfiffen an. „Beim Überqueren der Brücke sollte man besser nicht durch den Gitterrost nach unten schauen, sondern an das andere Ufer“, rät Mingma. Begegnen einem Maultiere, wird es auf der schwankenden Brücke eng - und manchmal gefährlich. Er erinnert sich an einen Vorfall aus seiner Jugend: Als er eine aufgescheuchte Gruppe von Dzopkyos auseinanderbringen wollte, verletzte ihn eines der Tiere mit seinem Horn. Die Narbe an seiner Wange ist ihm geblieben.

Heute bleibt alles ruhig. Als das letzte Maultier die Brücke verlassen hat, sind wir an der Reihe. Mingma geht voraus und wartet am anderen Ende. Falls Tiere aus der Gegenrichtung kommen, wird er sie rechtzeitig anhalten.

Maultiere und Sherpa

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Auf den Spuren des Schneeleoparden

Am steilen Anstieg nach Namche Bazar überholen wir mehrere Träger. Kühlschränke, Waschmaschinen und Baumaterial lasten auf ihren Rücken - sperrige Güter, die kein Maultier transportieren kann. Für diese Schwerstarbeit erhalten sogenannte Porter umgerechnet etwa zwölf Euro pro Tag, bei besonders schweren Lasten manchmal das Doppelte. Kost und Quartier müssen sie davon selbst bezahlen. Für unseren Träger Sunil Khulung Rai ist diese Trekkingtour ein Spaziergang: Für zwei Wandergäste hat er knapp 25 Kilo auf dem Rücken.

Ein Sherpa trägt schwere Bretter auf seinem Rücken

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Auch Mingma arbeitete als junger Mann zunächst als Träger. Dann lernte er Englisch und schaffte den Aufstieg zum Trekking Guide. Heute führt er Wandergruppen auf den bekanntesten Routen Nepals: in der Annapurna-Region auf den Spuren des Schneeleoparden, durch den Langtang-Nationalpark an der Grenze zu Tibet, zum Manaslu und in seine Heimat, das Khumbu.

Eine Everest-Besteigung kann eine Familie ein Jahr lang ernähren

Sein jüngerer Bruder ging noch einen Schritt weiter. Er wurde Climbing Sherpa, ein Höhenführer für Expeditionen. Neun Mal stand er bereits auf dem Gipfel des Mount Everest und führte internationale Bergsteiger auf den höchsten Punkt der Erde. Der Verdienst einer einzigen Everest-Besteigung könne eine Familie ein Jahr lang ernähren, erzählt Mingma. Er selbst bestieg nur kleinere Gipfel bis etwa 6.500 Meter.

Doch selbst erfolgreiche Bergführer können höchstens zwei Everest-Expeditionen pro Jahr begleiten. Außerhalb der Trekking- und Klettersaison im Frühjahr und Herbst gibt es in Nepal kaum Arbeit. Deshalb verlassen viele Sherpas ihre Heimat und suchen saisonale Beschäftigung im Ausland. Hunderte von ihnen arbeiten im Sommer in Österreich auf Almen und in der Gastronomie.

Lodge, Sherpas

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Admont als zweite Heimat

Auch Mingmas Bruder lebt seit einigen Monaten in Oberösterreich. Er verzichtet heuer auf die Klettersaison in Nepal und arbeitet in einer Falkenzucht. Mingma Nuru Sherpa wartet noch auf sein Visum. Beim Abendessen in einer Lodge erzählt er, dass er im Sommer bereits zum fünften Mal nach Admont fahren wird. Dort arbeitet er auf einem Bauernhof. Admont sei inzwischen seine zweite Heimat geworden, sagt er. Im vergangenen Jahr blieb er sogar bis in den Winter in Österreich und ließ die Herbstsaison in Nepal aus. Seine Frau wird auch heuer wieder in einem Gasthaus in der Steiermark arbeiten. Ihre Momos - gefüllte Teigtaschen - gehören dort inzwischen zu den beliebtesten Gerichten auf der Speisekarte. Die beiden Kinder bleiben währenddessen bei den Großeltern in Kathmandu.

Gestaltung

  • Ernst Weber