Laura Korhonnen

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Gedanken

Laura Korhonen - Die Stille hören

Musik machen, ohne so zu hören wie andere - für Laura Korhonen ist das keine theoretische Frage, sondern gelebte Wirklichkeit. Die gebürtige Finnin lebt heute in Österreich, ist Sängerin, Musikerin und Musikpädagogin. Und sie ist gehörlos. Mithilfe von Cochlea-Implantaten steht sie weiterhin auf der Bühne und zeigt, dass Musik nicht nur über das Ohr funktioniert.

Für Ö1 übersetzt Gebärdendolmetscherin Barbara Gerstbach die Gesprächspassagen der Sendung. Die Transskription finden Sie hier.

„Hören bedeutet für mich, dass ich mich mit der Welt verbunden fühle." Für Laura Korhonen war diese Verbindung lange selbstverständlich. Die in Helsinki aufgewachsene Sängerin kam zum Jazzgesangsstudium nach Wien, lebt heute im Waldviertel, unterrichtet an einer Musikschule und verbindet Jazz mit finnischen Volksliedern.

Kurz vor dem Abschluss ihres Studiums begann ihr Gehör zu schwinden. 2009, mit 25 Jahren, erlitt die Künstlerin den ersten Hörsturz. Der Gehörsinn auf dem linken Ohr kam zunächst zurück, blieb nach einem weiteren Zusammenbruch aber weg. Laura Korhonen ging ihren Weg als Jazzsängerin weiter, trat auf und gewöhnte sich an ein Leben mit „nur" einem funktionierenden Ohr. Ein dritter Vorfall folgte, diesmal rechts; er ließ sich anfangs behandeln. Doch 2018, nach der Geburt ihrer zweiten Tochter, kehrte ihr rechter Gehörsinn nach einem neuerlichen Hörsturz nicht mehr zurück. Die Ursache blieb offen.

„Mein einziger Wunsch war einfach, dass ich wieder kommunizieren kann."

Für Betroffene markiert der Hörverlust einen tiefen Einschnitt - für eine Sängerin umso mehr. Wichtiger noch als die Musik wurde für die heute 41-Jährige die Verständigung: ihre jüngere Tochter war ein Baby, die ältere drei Jahre alt. „Mein einziger Wunsch war einfach, dass ich wieder kommunizieren kann. Besonders mit meinen Kindern." Die erste Zeit ohne Gehör sei chaotisch gewesen. Sie habe funktionieren müssen, sagt Laura Korhonen; vieles aus dieser Zeit habe sie kaum mehr in Erinnerung.

Cochlea-Implantate ermöglichen es Laura Korhonen heute, wieder zu hören. Sie umgehen die geschädigten Haarzellen im Innenohr und stimulieren den Hörnerv elektrisch. „Wenn ich die Implantate trage, fühle ich mich immer wie ein Cyborg", sagt die Sängerin schmunzelnd. Trotz der Cochlea-Implantate war es kein Zurück zum früheren Hören- schon gar nicht auf Knopfdruck. Stimmen, Wasser und Alltagsgeräusche klangen zunächst fremd, das Gehirn musste sie neu zuordnen. Für Musik brauchte es besonders viel Geduld. „Singen war ein langwieriger Prozess, weil ich zuerst gar nicht intonieren konnte."

„Man muss die Worte nicht nur hören, sondern auch spüren - und auch das fühlen, was man nicht hört."

Laura Korhonen begann von vorn: mit Hörtraining, Logopädie und dem Mut, der Musik nicht auszuweichen. Heute unterrichtet sie wieder Gesang und steht auf der Bühne. Auch die Stille hat sich verwandelt. Vor den Implantaten war sie mit Angst verbunden; nun nimmt Korhonen die Geräte manchmal bewusst ab. Die Stille ist für sie eine Hörpause - und im Waldviertel eine Kraftquelle. Sie hilft ihr, Grenzen wahrzunehmen und rechtzeitig eine Pause einzufordern.

Der Internationale Tag der Gehörlosen am 27. September erinnert daran, dass Erfahrungen mit Gehörlosigkeit sehr unterschiedlich sind. Manche Menschen gebärden, andere kommunizieren lautsprachlich, lesen von den Lippen oder nutzen technische Hilfen. Nicht alle können oder wollen Cochlea-Implantate tragen. Laura Korhonen plädiert daher für Aufmerksamkeit statt Zuschreibungen: „Man muss die Worte nicht nur hören, sondern auch spüren - und auch das fühlen, was man nicht hört."

Als passionierte Ö1-Hörerin nennt die Sängerin das Medium Radio ein gutes Hörtraining - zugänglich werde es für möglichst viele jedoch erst dann, wenn das Gesendete auch nachgelesen werden kann.

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