Buch des Monats: "Mio und die Unsterblichkeit"

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

November 2026

Paulus Hochgatterer: "Mio und die Unsterblichkeit"

Die Freundschaft zwischen einem schwer kranken 16-Jährigen und einem alten Mann ist Thema in Paulus Hochgatterers Roman "Mio und die Unsterblichkeit", dem Ö1 Buch des Monats.

"Sie dürfen 'Krüppelkind' zu mir sagen", antwortete ich. "Will ich aber nicht", sagte er. Ich sagte, ein klares "Krüppelkind" fühle sich hundertmal besser an als ein durch die Zähne gequetschter "Mensch mit Beeinträchtigung". Er sagte: "Du bist nicht der alleinige Maßstab", und ich sagte, na, wer denn sonst.

Einmal die Woche treffen sich der 16-jährige Ingemar und der alte Mann zur "geistigen Auseinandersetzung". Ingemar ist intelligent, wortgewandt (mit einer Vorliebe für Songzitate), sensibel und durch spinale Muskelatrophie Typ 2 an den Rollstuhl gebunden und damit auf die Hilfe anderer angewiesen. Den alten Mann hat er über einen Besuchsdienst kennengelernt. Ein weiser, höflicher 96-Jähriger mit einer Vorliebe für Singvögel, der mit seinen Kindheitserinnerungen an Hochgatterers Vater angelehnt ist.

Existentielles & sieben Leben

Die beiden widmen sich existentiellen Themen wie Freiheit, Sicherheit oder Gerechtigkeit. Daneben teilen sie ihre Sehnsucht nach Natur, nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Sie teilen auch das Bewusstsein eines sich unaufhaltsam nähernden Todes.

Ingemars Alltag ist geprägt durch Mobbing in der Schule und ebenso überfürsorgliche wie von Schuldgefühlen geplagte Eltern. Während Ingemars körperlicher Bewegungsraum immer enger wird, weiten sich seine Gedanken. Durch eine kleine Katze ändert sich Ingemars Welt. "Mio", wie er sie nennt, versinnbildlicht mit ihren sieben Leben die Unsterblichkeit.

"Vielleicht haben Sie auch sieben Leben", sage ich zu dem alten Mann. "Das eine reicht mir völlig", sagt er, "oder wie meinst du das?"

Moralisch korrekt

Paulus Hochgatterer überzeugt mit seinen Dialogen, präziser Sprache und glaubwürdigen Figuren. Erfrischend direkt sind etwa der persönliche Assistent, der Physiotherapeut (ein ehemaliger Gewichtheber) und ein Arzt aus dem Jemen.

Dabei steht für ihn das moralisch Korrekte über dem politischen Korrekten. Das würde einem klar, wenn man mit Menschen zu tun hat, "deren Leben durch eine Krankheit oder Behinderung bestimmt wird".

Paulus Hochgatterer

Der Autor Paulus Hochgatterer hat von 2007 bis 2025 die klinische Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Tulln geleitet. Seine Romane wurden mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2019 "Fliege fort, fliege fort". Seine Liebe zu Katzen erklärte Hochgatterer bereits 2012 in seinen Zürcher Poetikvorlesungen "Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit."

Service

Paulus Hochgatterer, "Mio und die Unsterblichkeit", Zsolnay

Gestaltung

  • Zita Bereuter

Übersicht