URSULA HUMMEL-BERGER
November 2026
Ö1 Buch des Monats: "Mio und die Unsterblichkeit"
Paulus Hochgatterers Roman über Leben und Umgang mit Behinderung ist das Ö1 Buch des Monats
29. Oktober 2026, 12:56
"Sie dürfen 'Krüppelkind' zu mir sagen", antwortete ich. "Will ich aber nicht", sagte er. Ich sagte, ein klares "Krüppelkind" fühle sich hundertmal besser an als ein durch die Zähne gequetschter "Mensch mit Beeinträchtigung". Er sagte: "Du bist nicht der alleinige Maßstab", und ich sagte, na, wer denn sonst.
Einmal die Woche treffen sich der 16-jährige Ingemar und der alte Mann zur "geistigen Auseinandersetzung". Ingemar ist intelligent, wortgewandt (mit einer Vorliebe für Songzi-tate), sensibel und durch spinale Muskelatrophie Typ 2 an den Rollstuhl gebunden und damit auf die Hilfe anderer angewiesen. Den alten Mann hat er über einen Besuchsdienst kennengelernt. Ein weiser, höflicher 96-jähriger mit einer Vorliebe für Singvögel, der mit seinen Kindheitserinnerungen an Hochgatterers Vater angelehnt ist.
Die beiden widmen sich existentiellen Themen wie Freiheit, Sicherheit oder Gerechtigkeit. Daneben teilen sie ihre Sehnsucht nach Natur, nach Selbstbestimmung und Unabhängig-keit. Sie teilen auch das Bewusstsein eines sich unaufhaltsam nähernden Todes. Ingemars Alltag ist geprägt durch Mobbing in der Schule und ebenso überfürsorgliche wie von Schuldgefühlen geplagte Eltern. Während Ingemars körperlicher Bewegungsraum immer enger wird, weiten sich seine Gedanken. Durch eine kleine Katze ändert sich Ingemars Welt. "Mio", wie er sie nennt, versinnbildlicht mit ihren sieben Leben die Unsterblichkeit.
Das moralisch Korrekte steht über dem politischen Korrekten
Paulus Hochgatterer überzeugt mit seinen Dialogen, präziser Sprache und glaubwürdigen Figuren. Erfrischend direkt sind etwa der persönliche Assistent, der Physiotherapeut (ein ehemaliger Gewichtheber) und ein Arzt aus dem Jemen. Dabei steht für den Autor das moralisch Korrekte über dem politischen Korrekten. Das würde einem klar, wenn man mit Menschen zu tun hat, "deren Leben durch eine Krankheit oder Behinderung bestimmt wird".
Der Autor Paulus Hochgatterer hat von 2007 bis 2025 die klinische Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Tulln geleitet. Seine Romane wurden mehr-fach ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2019 "Fliege fort, fliege fort". Seine Liebe zu Katzen erklärte Hochgatterer bereits 2012 in seinen Zürcher Poetikvorlesungen "Katzen, Körper, Krieg der Knöpfe. Eine Poetik der Kindheit." 15.10.2026
Service
Paulus Hochgatterer: "Mio und die Unsterblichkeit", Roman, Zsolnay.
