Gedanken für den Tag

"Über die Weisheit des Siddharta Gautama, genannt der Buddha" von Ursula Lyon

Ursula Lyon ist langjährige buddhistische Yoga- und Meditationslehrerin. Ihre geistige Ausrichtung erhielt sie von westlichen und östlichen Dhammalehrern. Von der Ehrwürdigen Ayya Khema, deren Schülerin sie zwölf Jahre lang war, wurde sie schon früh zum Lehren autorisiert und gilt heute als Grande Dame des deutschsprachigen Buddhismus.

Wenn wir unser Leben anschauen, sehen wir, dass wir manche falsche Entscheidung getroffen haben, dass Fehler und Schwächen auch bei bestem Bemühen aufgetreten sind, - aber was wir daraus gelernt und gemacht haben, das war unsere Freiheit und hat zu unserer Entwicklung beigetragen oder sie verhindert.

Die Unvollkommenheit als eine Lebensbedingung zu erkennen und zu akzeptieren, macht nachsichtiger und liebevoller. Wir verstehen uns selbst und andere besser. Perfektion hingegen verurteilt, ist hart und macht unempfindlich, weil ja nur das Allerbeste zählt.

Leben lebt von der Veränderung und somit auch von der Unvollkommenheit, von den Schwächen. Wie haben wir vor 10 oder 20 Jahren ausgesehen, was haben wir damals gewollt? Haben wir uns seitdem nicht verändert, verwandelt? Hoffentlich ja!

Ist es nicht erstaunlich, wie uneinsichtig man an alten Mustern und fixierten Reaktionen festhält, obwohl sie einem meistens Kummer machen? Wer kennt nicht eine schlechte Gewohnheit, die man loswerden möchte, aber lässt man los? Nicht das Beharren in einer Phase schenkt Energie und macht Freude, sondern das Akzeptieren und Mitfließen mit der Vergänglichkeit und das immer neu Werden. Die Natur lebt uns das Gesetz von Entstehen und Vergehen vor. Evolution ist ihr Produkt. Die Vergänglichkeit zu spüren, dabei nicht in Traurigkeit zu versinken, sondern aus der Unbeständigkeit neue Entscheidungsmöglichkeiten zu entwickeln, das gibt dem Leben Wert.

Bei meinen Teilnehmern in Meditations-Seminaren kam die Frage auf: Wenn man alle Schwächen bei sich akzeptiert, kann man sich ja alles erlauben, wozu man Lust hat; ob das nicht dem Bösen Tür und Tor öffnen würde? Der Buddha sagt dazu: Sich bemühen um Vollkommenheit ist richtig - aber mit dem Wissen um die Unvollkommenheit ist es wahrhaftig.
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