Da capo: Im Gespräch

"Was ist Zeit?" Michael Kerbler und Alexandra Föderl-Schmid, Chefredakteurin von "DER STANDARD", im Gespräch mit Rüdiger Safranski, deutscher Philosoph und Publizist

Die Moderne ist durch das Gefühl der knappen, davoneilenden Zeit definiert. Schon Shakespeare lässt seinen Hamlet feststellen, die Zeit sei aus den Fugen geraten. Goethe spricht sogar von einem "veloziferischen" Charakter unserer Zeit, die nichts wachsen und reifen lasse; und Nietzsche argwöhnte, unser Zeitalter werde aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei münden. Unsere Zeit ist also temporeich und teuflisch zugleich.

Aber die Temposteigerung hat etwas vom "rasenden Stillstand". Längst dominiert der Eindruck nicht Akteur, sondern Opfer der Beschleunigung zu sein. Die Zahl derjenigen, die heute das Gefühl haben, das wahre Leben zu versäumen, wächst ständig. Die Ursache: die Erlebnisdichte wird immer größer, immer mehr Arbeitsprozesse pressen sich in eine Zeiteinheit. Flexibilität ist oberstes Gebot. Doch wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft flexibel sind, kann die Gesellschaft als Ganze nicht stabil sein. Wenn diese Stabilität fehlt, fehlt auch der Demokratie ein festes Fundament.

Die Demokratie befindet sich im Zeitalter der permanenten gesellschaftlichen Beschleunigung ohnedies im Nachteil gegenüber der global agierenden Wirtschaft. Denn während die Ökonomie unter dem Druck der Parole "Zeit ist Geld" Entscheidungen mit höchster Geschwindigkeit trifft, benötigen demokratische Entscheidungsabläufe viel Zeit. Das demokratische Prinzip befindet sich im 21. Jahrhundert strukturell im Nachteil.

Es kommt heute im Wesentlichen darauf an, einen Zeitvorsprung zu haben. Und kapitalistisches Wirtschaften beruht entscheidend auf der Ausnutzung von Zeitvorsprüngen, die eine so große Bedeutung haben, dass Karl Marx die bis heute geltende Feststellung treffen konnte: alle Ökonomie sei letztlich zur Zeitökonomie geworden.

Wir sind, meinen Soziologen wie Hartmut Rosa von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, am Rande der Erschöpfung und am Rande des Sinnvollen angelangt. Rüdiger Safranski forderte deshalb in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Paul-Watzlawick-Ehrenringes eine revolutionäre Änderung des Zeitregimes. Die politische Klasse, so der deutsche Philosoph und Publizist, habe die Dringlichkeit der Forderung noch nicht ganz begriffen: "Es ist eine politische Machtfrage, die verschiedenen Geschwindigkeiten, die der Ökonomie und die der demokratischen Entscheidungsprozeduren, aufeinander abzustimmen, was darauf hinauslaufen würde, die Ökonomie unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen zu bringen."

Im Gespräch mit Rüdiger Safranski rücken Michael Kerbler und "STANDARD"-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid die Frage in den Mittelpunkt, worin die Nachteile zeitaufwendiger demokratischer Prozesse gegenüber der schnell und global agierenden Wirtschaft bestehen. Und es wird ausgelotet, wie jene Strategien aussehen können, mit denen die Ökonomie wieder unter das Zeitmaß demokratischer Entscheidungen gebracht werden kann.

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