Gedanken für den Tag
"Wir leben, weil wir uns begeistern" von Arnold Mettnitzer
21. Juli 2010, 06:57
Arnold Mettnitzer ist Theologe und Psychotherapeut in Wien.
Die Begeisterung als wesentliche Begleitmelodie des Alltags ist vielen in einer "überfunktionalisierten" Welt hoffnungslos abhanden gekommen und mit der verschwundenen Begeisterung auch die Lebensfreude. Und so ist es gut zu verstehen, dass die Menschen in einer solchen Gesellschaft krank werden. Wenn die Weltgesundheitsorganisation den westlichen Industriestaaten für die nächsten 20 Jahre den Anstieg von Angststörungen und depressiven Erkrankungen vorhersagt, dann kann die Schlussfolgerung daraus doch wohl nur lauten, dass unsere Gesundheit, das Wohlergehen an Leib und Seele in einen größeren Zusammenhang gestellt und aus einer völlig neuen Perspektive betrachtet werden muss.
Was wir brauchen sind kleine, aber ermutigende Beispiele täglicher Begeisterung, an denen deutlich wird, wie Leben gelingt und wie es anders gemacht werden muss, damit es gelingen kann.
Gestaltung: Alexandra Mantler
In Gmünd in Kärnten gibt es auf Initiative des Musikers und Musikpädagogen Manfred Tischitz "das haus des staunens". Das ehemalige St. Antonius Spital, eines der ältesten Gebäude der malerischen Stadt wurde seit dem Mittelalter vom Spital über die Geburtenstation und Schulexpositur bis hin zum Altenwohnheim vielfach genutzt. In seiner heutigen Verwendung bietet es dem Besucher die Möglichkeit, in die Welt des Staunens, und damit in unerforschte Landschaften des eigenen Lebens und Erlebens einzutauchen.
Mit allen Sinnen kann sich die Besucherin, der Besucher sehend, spürend und staunend erleben, und dabei erfahren, was es bedeutet, mit dem "Herzohr" zu hören, Klänge mit den Händen zu fühlen. Mit etwas Glück können sie dabei verschüttete Dimensionen ihres Wesens wiederfinden und das "haus des staunens" kindlicher und neugieriger verlassen.
Staunen heißt, so da sein, dass man ganz weg ist. Staunen führt den Menschen in neuer Weise zu sich und gleichzeitig über sich selbst hinaus. Nie ist man weniger vom Größenwahn bedroht und in Gefahr, sich mit Gott zu verwechseln als im Moment des Staunens. Darum sind solche Momente das Gegenteil von "Vorbeischauen", wie wir sinnvollerweise sagen. "Auf-einen-kurzen-Sprung-vorbeischauen" kann man im "haus des staunens" nicht. Die Voraussetzung für einen Besuch dort ist die Zeit, die man sich dafür nehmen muss.
Alle Pädagogik, so glaube ich, beginnt mit dem Staunen. In den Häusern unseres Lebens kommt es darauf an, dass wir von innen her berührt werden und zur Sprache bringen können, was uns bewegt.
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